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Ausbildung von Hartz IV-Empfängern:Talentfrei gibt es nicht

Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen sind motivierter als ihnen unterstellt wird. Das zeigt ein Modellprojekt von Arbeitsagentur und Telekom. Einen Ausbildungsplatz bekommen trotzdem nicht alle.

Es gibt Menschen, deren Talent man rasch erkennt. Bei anderen muss man danach suchen. Ein Fehler ist es, junge Menschen aus schwierigen Verhältnissen vorschnell abzustempeln. Dies zumindest zeigt ein Pilotversuch der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit und der Deutschen Telekom in Köln.

Frauenquote bei der Telekom

Über Langzeitpraktika vermittelte die Telekom Hartz IV-Beziehern eine Ausbildungsstelle im Unternehmen.

(Foto: dpa)

"Keiner ist talentfrei", überschreibt die Bundesagentur daher die Ergebnisse des gemeinsamen Projektes: 61 junge Menschen erhielten im September 2009 die Chance, über ein Langzeitpraktikum einen Ausbildungsplatz bei der Telekom zu bekommen. Gelungen ist dies 50 Frauen und Männern. Sie werden in ein festes Ausbildungsverhältnis übernommen. Sie machen nun eine Lehre zum IT-Systemelektroniker, Bürokaufmann oder zum Kaufmann für Bürokommunikation. Einige steigen sogar gleich ins zweite Lehrjahr ein. Vier haben das Praktikum vorzeitig beendet, weil sie woanders einen Ausbildungsplatz bekamen. Die anderen haben es nicht geschafft: weil sie unpünktlich waren oder nicht zur "Arbeit" kamen oder auch, weil sich abzeichnete, dass sie eine der angebotenen Ausbildungen einfach nicht schaffen würden.

Die Telekom ist das erste Unternehmen, das mit der Bundesagentur für Arbeit eine feste Vereinbarung zur sogenannten Einstiegsqualifizierung geschlossen hat. Denn betriebliche Einstiegsqualifizierungen gibt es schon länger. Sie wurden im Rahmen des Ausbildungspaktes entwickelt und sollen jungen Menschen, die schwer vermittelbar sind, als Brücke in eine Berufsausbildung dienen. Es handelt sich dabei um ein Praktikum von mindestens sechs bis höchstens zwölf Monaten. Die Bundesagentur bezuschusst die Bezahlung des Praktikanten mit bis zu 212 Euro monatlich. Etwa 30.000 Jugendliche werden jährlich auf diese Art gefördert.

Bei der Telekom sollen etwa 270 junge Menschen aus einem sozial schwierigen Umfeld in dem vierjährigen Programm diese Chance erhalten. Konzern und Bundesagentur haben den Modellversuch nicht ohne Grund auf den Weg gebracht. "Die Demografie gibt uns eine klare Richtung vor und damit auch eine notwendige Strategie. Kein Talent darf ungenutzt bleiben", sagte Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit bei der ersten Bilanz des Projektes in Berlin.

Auch Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger sieht sich durch die demografische Entwicklung herausgefordert: "Angesichts des drohenden Fachkräftemangels von zwei Millionen Menschen bis 2020 ist es an der Zeit, ausgetretene Pfade zu verlassen und die Talentgewinnung breiter aufzustellen. Weg vom Abgleich an immer gleichen Standards, hin zur Entdeckung individueller Begabung". Der Schlüssel für eine wettbewerbsfähige Belegschaft sei eine qualifizierende Erstausbildung. "Wer frühzeitig die dafür notwendigen Strukturen schafft, braucht später nicht zu jammern. Hier stehen die Unternehmen in der Verantwortung", sagte Sattelberger.

Heinrich Alt forderte die Unternehmen auf, in dem einen oder anderen Fall mehr Risiko einzugehen. Es gebe Jugendliche, deren Fähigkeiten sich nicht gleich zeigten. Doch Deutschland könne es sich nicht mehr leisten, einen Jugendlichen liegen zu lassen. Alle würden gebraucht, unabhängig von ihren Leistungsvoraussetzungen. "Die Situation auf dem Lehrstellenmarkt dreht sich. Die Sahnehäubchen unter den Lehrlingen werden seltener", betonte Alt. Jeder zehnte Jugendliche in Deutschland schaffe keinen Schulabschluss. 14 Prozent der jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahre seien ohne Ausbildung. "Nur selten können sich Betroffene ins Berufsleben und in die Gesellschaft integrieren", warnte Alt. Eine Ausbildung bleibe der Schlüssel dazu.

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