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Arbeitswelt:Privileg der Freundschaft

Freundschaft ist, genau wie die Liebe, ein spektakuläres Privileg. Sie ist nicht selbstverständlich und nicht an jeder Ecke - oder auf jedem durchschnittlichen Stehempfang - zu finden. Sie verlangt nach Loyalität und Bedingungslosigkeit und mitunter auch nach einem irrational gütigen Blick auf den anderen. Im Job ist all das nicht sehr hilfreich. Dass das ein Problem sein kann, merken oft auch Menschen, die erst befreundet waren, dann zusammen arbeiten oder sogar ein Unternehmen gründen. Wie sagt man seinem besten Freund, dass er schlicht nicht gut genug ist?

Natürlich heißt all das nicht, dass man ein Büro in eine einzige unmenschliche Kampfzone verwandeln muss, im Gegenteil. Dass man dem Kollegen mitten im Scheidungskrieg nicht auch noch ein Zusatzprojekt umhängen muss, bloß weil er laut alphabetischer Liste gerade dran wäre, versteht sich von selbst. Dass ein bisschen Klatsch zwischendurch die Stimmung hebt, auch. Aber es hilft schon, sich klarzumachen, dass es im Job zunächst und zuallererst mal um, nun ja, Arbeit geht.

Job "Die meisten Mitarbeiter spielen nur Arbeit"
Job

"Die meisten Mitarbeiter spielen nur Arbeit"

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Sich das zu verdeutlichen kann auch nützlich sein, wenn man irgendwo zwischen Kantine und Kaffeeküche tatsächlich jemanden trifft, mit dem man den schwarzen Humor teilt, die Leidenschaft fürs Angeln, die Begeisterung für Hertha BSC oder sonst irgendwas Durchgeknalltes. Wenn aus einem Kollegen also tatsächlich ein Freund wird, kann es sinnvoll sein, bewusst zu überlegen, wie man mit dieser Konstellation umgehen will: Es ist denkbar, Berufliches und Privates auch da streng zu trennen, während der Arbeitszeit einfach kein großes Gewese drum zu machen und erst nach Feierabend zu einem untrennbaren Doppelpack zu mutieren.

Alternativ kann man sich auch einfach darauf einlassen, dass es im Kollegenkreis jetzt eben jemanden gibt, dem die eigene Loyalität und der unkritische Blick gehören, egal, was auch kommen mag. Bloß sollte man sich das Risiko wenigstens bewusst aussuchen: dass die anderen Kollegen genervt sind, zum Beispiel. Dass die eigene Stimme in manchen Situationen an Einfluss verlieren wird, schlicht weil man seine professionelle Meinung verschweigt, um einem Freund zu helfen. Und dass man, wenn es hart auf hart kommt, im Rennen um einen begehrten Job vielleicht zurückzieht, um die Freundschaft zu erhalten.

Freunde, das steht außer Frage, können all diesen Ärger wert sein, aber man sollte sich der Problemstellung zumindest bewusst sein.

Was würde passieren, wenn man die Grenze zwischen Beruf und Privatem wieder schärfer zieht?

Wenn man über Loyalitäten im Job nachdenkt und die Frage, wem sie gehören sollten, muss man vielleicht auch darüber nachdenken, wie viel Gewicht man seinem Beruf im eigenen Leben zugestehen will - und wie viel man ihm aktuell zugesteht. Denn dass sich die Arbeitswelt von heute in diese riesige Illusion von Freundschaft verwandeln konnte, hat ja auch damit zu tun, dass Menschen zugelassen haben, dass die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Beruflichen immer weiter aufweichen, dass die Bedürfnisse aus dem einen Bereich in den anderen mitgenommen wurden und umgekehrt.

Was also würde passieren, wenn man versucht, diese Grenze wieder schärfer zu ziehen? Im besten Fall würde man im Job vielleicht zu einem professionellen, freundlichen, aber nüchternen Umgang finden. Einem, der von wertschätzender Distanz geprägt ist, von Wettbewerb und vom Streben nach dem bestmöglichen Ergebnis. Das wäre gut für die eigene Karriere, gut für den Arbeitgeber und am Ende auch gut für die Wirtschaft.

Und wenn man sehr viel Glück hat, ist dann auch noch Energie übrig, um sich außerhalb des Jobs umzusehen: nach denen, die man vielleicht schon Jahre nicht mehr getroffen hat, nach denen, die sich nicht dafür interessieren, ob man ihnen weiterhelfen kann und wie viele Kontakte man derzeit eigentlich bei Xing hat. Im besten Fall findet man Zeit für Menschen, die nicht mal so genau wissen, was man beruflich eigentlich macht und sich auch nicht dafür interessieren. Für Leute, die sich nicht für professionelle Eigenschaften begeistern, sondern für die Fähigkeit, eine ganze Nacht lang schlechte Witze zu erzählen, billiges Bier zu trinken, und Dinge zu sagen, die politisch nicht korrekt und für die Karriere nicht hilfreich sind.

Freunde eben.

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