Süddeutsche Zeitung

Arbeitswelt:Frollegen - das große Missverständnis

Kollektives Duzen, Team-Building im Kletterpark, After-Work-Party: In der Arbeitswelt von heute verschwimmt die Grenze zwischen Freund und Kollege. Das ist schlecht für die Karriere - und das Privatleben.

Von der deutschen Sängerin Annett Louisan gibt es ein Lied mit dem Titel "Wir nicht". Es ist, wie sich das für Popsongs so gehört, eigentlich eine Abrechnung mit einer alten Liebe - aber der Refrain wäre auch ein guter Soundtrack für deutsche Büros. "Wir können keine Freunde sein/ wir nicht mehr/ wir nicht."

Die Arbeitswelt von heute treibt viele seltsame Blüten, aber kaum eine ist so skurril wie der kollektive Hang zum Vortäuschen von Freundschaft. Büros sind eine Utopie des Amikalen geworden, und mitunter ist die Inszenierung so überzeugend, dass die Grenze zwischen Freunden und Kollegen tatsächlich zu verschwimmen scheint. Das ist, um es deutlich zu sagen, schlecht. Denn es schadet allen Beteiligten.

Kollektives Duzen und legere Garderobe

Dass es zu diesem riesigen Missverständnis kommen konnte, hat mehrere Gründe. Da ist zum einen der Umgangston, der sich verändert: In vielen, besonders in kreativen Branchen, wird heute kollektiv geduzt. In den Unternehmen, vor allem solchen, die im Digitalgeschäft arbeiten, gibt es immer häufiger sehr junge Chefs, die sich nicht mit Statussymbolen oder Ritualen aus einer vergangenen Zeit aufhalten wollen.

Auch die Kleidungsgewohnheiten sind in vielen Sparten leger geworden, sehr viele Menschen unterscheiden nicht mehr zwischen ihrer Garderobe für den Job und der für die Freizeit. Kurz: Es gibt also weder sprachlich noch optisch einen sofort und deutlich erkennbaren Unterschied zwischen dem beruflichen und dem privaten Ich.

Diese Vermischung setzt sich auf anderen Ebenen fort, etwa bei der zeitlichen: Erreichbarkeit auch außerhalb der Arbeitszeiten setzt sich immer stärker durch. Dank der neuen technischen Möglichkeiten werden E-Mails rund um die Uhr gelesen und beantwortet, und es ist nicht immer klar, ob das eine Erleichterung oder ein Albtraum ist.

Für die Ambitionierten gilt heute zudem strategisches Netzwerken als selbstverständlich. Man steht also aus beruflicher Motivation bei irgendwelchen Champagner-Empfängen, After-Work-Partys und Diskussionsveranstaltungen rum und soll sich aus strategischen Gründen mit möglichst vielen Menschen gut verstehen und in Kontakt bleiben. Insgesamt hat man die Arbeit also immer irgendwie dabei: die E-Mails auf dem Smartphone, die strategische Überlegung im Hinterkopf.

Echter Freund oder beruflicher Kontakt?

Der Job nimmt viel Raum ein in so einem Leben heute, und vielleicht ist auch das ein Grund, warum manche ihre beruflichen Kontakte mit Freundschaften verwechseln: Für Freunde, die nicht aus irgendwelchen Gründen nützlich sind, haben sie keine Zeit - und irgendwann fehlt es dann an Vergleichsgrößen, um Freunde von Kontakten unterscheiden zu können.

Natürlich könnte man nun argumentieren, dass das gar nicht so schlimm ist. Dass, wer seinen Job liebt, sich ihm ja auch mit all seiner Zeit, Energie und Aufmerksamkeit widmen könne und man berufliche Kontakte ja auch genießen dürfe. Und heißt es nicht auch immer, dass ein gutes Betriebsklima für den Erfolg eines Unternehmens förderlich sei? Ist es da nicht super, wenn sich alle irre gut verstehen?

Nein, ist es nicht.

Qualität braucht Reibung

Das allererste Interesse von Unternehmen ist die Qualität der Arbeit, die ihre Leute abliefern. Alle Maßnahmen, die sie treffen, dienen diesem Ziel: die günstige Kinderbetreuungseinrichtung im Haus, das ausgewogene Essen in der Kantine, der Betriebsausflug in den Kletterpark, der Kicker im Konferenzzimmer. Es sind Versuche, Leistung zu optimieren. Qualität aber braucht neben all diesen Annehmlichkeiten etwas anderes noch dringender: Reibung.

Qualität entsteht, wenn um die richtige Lösung auch mal gestritten werden kann. Dabei ist nicht nur entscheidend, wer sich am Ende durchsetzt. Wer seine Argumentation vor Kollegen verteidigen musste, wird sie hinterfragen, sie schärfen, vielleicht ergänzen. Das mag nicht immer einfach sein, aber am Ende werden die kritischen Stimmen sie besser gemacht haben. Bloß: Wenn sich alle Kollegen als Freunde verstehen, wenn das Streben nach Kumpelhaftigkeit das Streben nach Qualität übertrumpft, funktioniert das nicht. Das ist schlecht für das Unternehmen, aber auch schlecht für jeden Einzelnen: Konkurrenten können einander zu Höchstleistungen treiben. Und jeder, der seine Arbeitszeit nicht nur irgendwie absitzen will, sondern dem die Qualität seiner Arbeit an die Ehre geht, kann ja nur interessiert daran sein, sich mit den Besten zu messen.

Natürlich mag all das in manchen, vielleicht in vielen Momenten weitaus weniger angenehm sein, als sich in einer riesigen Wohlfühloase den Tag mit wechselseitigem Schulterklopfen zu versüßen. Aber am Ende wird es einen Moment geben, in dem man erkennen muss, dass man nicht so gut ist, wie man hätte sein können - und das ist vielleicht das schlimmstmögliche Gefühl, das man im Hinblick auf die eigene Leistung im Job überhaupt haben kann.

Dazu kommt, dass das Fehlen einer klaren Abgrenzung zwischen Freunden und Kollegen, zwischen Job und Privatleben, ja nicht nur bedeutet, dass die Arbeit immer stärker auch die Zeit außerhalb des Büros prägt. Diesen Effekt gibt es auch umgekehrt: Wer seine Kollegen für seine Freunde hält, erzählt eben auch, was ihn privat beschäftigt - und wenn es ihn sehr, sehr beschäftigt, wird er oder sie dann auch sehr, sehr ausführlich darüber berichten. Das ist erstens deshalb schlecht, weil sich irgendjemand verpflichtet fühlen wird, sich das alles anzuhören und Tipps zur Überwindung der Ehekrise beizusteuern, anstatt sich um seine Arbeit zu kümmern. Und zweitens, und das wiegt noch weit schwerer, werden private Schwierigkeiten irgendwann automatisch als Rechtfertigung für unzureichende Leistung herangezogen werden. Wieder gilt das Prinzip: Die Illusion von Freundschaft im Job killt den Qualitätsanspruch.

Privileg der Freundschaft

Freundschaft ist, genau wie die Liebe, ein spektakuläres Privileg. Sie ist nicht selbstverständlich und nicht an jeder Ecke - oder auf jedem durchschnittlichen Stehempfang - zu finden. Sie verlangt nach Loyalität und Bedingungslosigkeit und mitunter auch nach einem irrational gütigen Blick auf den anderen. Im Job ist all das nicht sehr hilfreich. Dass das ein Problem sein kann, merken oft auch Menschen, die erst befreundet waren, dann zusammen arbeiten oder sogar ein Unternehmen gründen. Wie sagt man seinem besten Freund, dass er schlicht nicht gut genug ist?

Natürlich heißt all das nicht, dass man ein Büro in eine einzige unmenschliche Kampfzone verwandeln muss, im Gegenteil. Dass man dem Kollegen mitten im Scheidungskrieg nicht auch noch ein Zusatzprojekt umhängen muss, bloß weil er laut alphabetischer Liste gerade dran wäre, versteht sich von selbst. Dass ein bisschen Klatsch zwischendurch die Stimmung hebt, auch. Aber es hilft schon, sich klarzumachen, dass es im Job zunächst und zuallererst mal um, nun ja, Arbeit geht.

Sich das zu verdeutlichen kann auch nützlich sein, wenn man irgendwo zwischen Kantine und Kaffeeküche tatsächlich jemanden trifft, mit dem man den schwarzen Humor teilt, die Leidenschaft fürs Angeln, die Begeisterung für Hertha BSC oder sonst irgendwas Durchgeknalltes. Wenn aus einem Kollegen also tatsächlich ein Freund wird, kann es sinnvoll sein, bewusst zu überlegen, wie man mit dieser Konstellation umgehen will: Es ist denkbar, Berufliches und Privates auch da streng zu trennen, während der Arbeitszeit einfach kein großes Gewese drum zu machen und erst nach Feierabend zu einem untrennbaren Doppelpack zu mutieren.

Alternativ kann man sich auch einfach darauf einlassen, dass es im Kollegenkreis jetzt eben jemanden gibt, dem die eigene Loyalität und der unkritische Blick gehören, egal, was auch kommen mag. Bloß sollte man sich das Risiko wenigstens bewusst aussuchen: dass die anderen Kollegen genervt sind, zum Beispiel. Dass die eigene Stimme in manchen Situationen an Einfluss verlieren wird, schlicht weil man seine professionelle Meinung verschweigt, um einem Freund zu helfen. Und dass man, wenn es hart auf hart kommt, im Rennen um einen begehrten Job vielleicht zurückzieht, um die Freundschaft zu erhalten.

Freunde, das steht außer Frage, können all diesen Ärger wert sein, aber man sollte sich der Problemstellung zumindest bewusst sein.

Was würde passieren, wenn man die Grenze zwischen Beruf und Privatem wieder schärfer zieht?

Wenn man über Loyalitäten im Job nachdenkt und die Frage, wem sie gehören sollten, muss man vielleicht auch darüber nachdenken, wie viel Gewicht man seinem Beruf im eigenen Leben zugestehen will - und wie viel man ihm aktuell zugesteht. Denn dass sich die Arbeitswelt von heute in diese riesige Illusion von Freundschaft verwandeln konnte, hat ja auch damit zu tun, dass Menschen zugelassen haben, dass die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Beruflichen immer weiter aufweichen, dass die Bedürfnisse aus dem einen Bereich in den anderen mitgenommen wurden und umgekehrt.

Was also würde passieren, wenn man versucht, diese Grenze wieder schärfer zu ziehen? Im besten Fall würde man im Job vielleicht zu einem professionellen, freundlichen, aber nüchternen Umgang finden. Einem, der von wertschätzender Distanz geprägt ist, von Wettbewerb und vom Streben nach dem bestmöglichen Ergebnis. Das wäre gut für die eigene Karriere, gut für den Arbeitgeber und am Ende auch gut für die Wirtschaft.

Und wenn man sehr viel Glück hat, ist dann auch noch Energie übrig, um sich außerhalb des Jobs umzusehen: nach denen, die man vielleicht schon Jahre nicht mehr getroffen hat, nach denen, die sich nicht dafür interessieren, ob man ihnen weiterhelfen kann und wie viele Kontakte man derzeit eigentlich bei Xing hat. Im besten Fall findet man Zeit für Menschen, die nicht mal so genau wissen, was man beruflich eigentlich macht und sich auch nicht dafür interessieren. Für Leute, die sich nicht für professionelle Eigenschaften begeistern, sondern für die Fähigkeit, eine ganze Nacht lang schlechte Witze zu erzählen, billiges Bier zu trinken, und Dinge zu sagen, die politisch nicht korrekt und für die Karriere nicht hilfreich sind.

Freunde eben.

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Quelle:
SZ vom 16.07.2016/sks
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