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Arbeitswelt:Echter Freund oder beruflicher Kontakt?

Der Job nimmt viel Raum ein in so einem Leben heute, und vielleicht ist auch das ein Grund, warum manche ihre beruflichen Kontakte mit Freundschaften verwechseln: Für Freunde, die nicht aus irgendwelchen Gründen nützlich sind, haben sie keine Zeit - und irgendwann fehlt es dann an Vergleichsgrößen, um Freunde von Kontakten unterscheiden zu können.

Natürlich könnte man nun argumentieren, dass das gar nicht so schlimm ist. Dass, wer seinen Job liebt, sich ihm ja auch mit all seiner Zeit, Energie und Aufmerksamkeit widmen könne und man berufliche Kontakte ja auch genießen dürfe. Und heißt es nicht auch immer, dass ein gutes Betriebsklima für den Erfolg eines Unternehmens förderlich sei? Ist es da nicht super, wenn sich alle irre gut verstehen?

Nein, ist es nicht.

Qualität braucht Reibung

Das allererste Interesse von Unternehmen ist die Qualität der Arbeit, die ihre Leute abliefern. Alle Maßnahmen, die sie treffen, dienen diesem Ziel: die günstige Kinderbetreuungseinrichtung im Haus, das ausgewogene Essen in der Kantine, der Betriebsausflug in den Kletterpark, der Kicker im Konferenzzimmer. Es sind Versuche, Leistung zu optimieren. Qualität aber braucht neben all diesen Annehmlichkeiten etwas anderes noch dringender: Reibung.

Qualität entsteht, wenn um die richtige Lösung auch mal gestritten werden kann. Dabei ist nicht nur entscheidend, wer sich am Ende durchsetzt. Wer seine Argumentation vor Kollegen verteidigen musste, wird sie hinterfragen, sie schärfen, vielleicht ergänzen. Das mag nicht immer einfach sein, aber am Ende werden die kritischen Stimmen sie besser gemacht haben. Bloß: Wenn sich alle Kollegen als Freunde verstehen, wenn das Streben nach Kumpelhaftigkeit das Streben nach Qualität übertrumpft, funktioniert das nicht. Das ist schlecht für das Unternehmen, aber auch schlecht für jeden Einzelnen: Konkurrenten können einander zu Höchstleistungen treiben. Und jeder, der seine Arbeitszeit nicht nur irgendwie absitzen will, sondern dem die Qualität seiner Arbeit an die Ehre geht, kann ja nur interessiert daran sein, sich mit den Besten zu messen.

Natürlich mag all das in manchen, vielleicht in vielen Momenten weitaus weniger angenehm sein, als sich in einer riesigen Wohlfühloase den Tag mit wechselseitigem Schulterklopfen zu versüßen. Aber am Ende wird es einen Moment geben, in dem man erkennen muss, dass man nicht so gut ist, wie man hätte sein können - und das ist vielleicht das schlimmstmögliche Gefühl, das man im Hinblick auf die eigene Leistung im Job überhaupt haben kann.

Dazu kommt, dass das Fehlen einer klaren Abgrenzung zwischen Freunden und Kollegen, zwischen Job und Privatleben, ja nicht nur bedeutet, dass die Arbeit immer stärker auch die Zeit außerhalb des Büros prägt. Diesen Effekt gibt es auch umgekehrt: Wer seine Kollegen für seine Freunde hält, erzählt eben auch, was ihn privat beschäftigt - und wenn es ihn sehr, sehr beschäftigt, wird er oder sie dann auch sehr, sehr ausführlich darüber berichten. Das ist erstens deshalb schlecht, weil sich irgendjemand verpflichtet fühlen wird, sich das alles anzuhören und Tipps zur Überwindung der Ehekrise beizusteuern, anstatt sich um seine Arbeit zu kümmern. Und zweitens, und das wiegt noch weit schwerer, werden private Schwierigkeiten irgendwann automatisch als Rechtfertigung für unzureichende Leistung herangezogen werden. Wieder gilt das Prinzip: Die Illusion von Freundschaft im Job killt den Qualitätsanspruch.