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Vogelgrippe-Erreger H5N8:Noch ein Virus

Vogelgrippe-Untersuchung

Schutzmaßnahmen beim Untersuchen eines Vogelkadavers.

(Foto: Ina Fassbender/dpa)

Erstmals wurden Menschen mit dem Vogelgrippe-Erreger H5N8 infiziert. Nach Angaben aus Russland haben sich die Übertragungen im Süden des Landes ereignet - bereits im Dezember.

Von Berit Uhlmann

Nicht nur in Zeiten, in denen die Welt hochsensibel auf virologische Entdeckungen reagiert, lässt eine solche Meldung aufhorchen: In Russland wurde offenbar weltweit erstmals nachgewiesen, dass sich Menschen mit dem Vogelgrippevirus vom Subtyp H5N8 angesteckt haben.

Russlands oberste Amtsärztin Anna Popowa hatte am Wochenende im Staatsfernsehen verkündet, dass im Dezember sieben Mitarbeiter einer Hühnerfarm in der Nähe der Großstadt Wolgograd im Süden des Landes erkrankt seien. Die Krankheit sei mild verlaufen, die Patienten hätten sich mittlerweile wieder erholt. Das Forschungszentrum Vektor im sibirischen Nowosibirsk hätte dann die Infektion mit dem Virus vom Typ H5N8 nachgewiesen. Es handelte sich um eine hochpathogene Variante des Erregers, die sich unter Vögeln rasch verbreitet und die Tiere schwer erkranken lässt.

H5N8 ist seit den 1980er-Jahren bekannt. Mittlerweile wurde der Erregertyp bei Vögeln in vielen verschiedenen Ländern dokumentiert. Aktuell grassiert die hochpathogene Variante auch in Deutschland. Seit Anfang November werden dem Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit (FLI) nahezu täglich infizierte Wildvögel gemeldet - Gänse, Enten, Möwen, Eulen, Falken und Adler waren darunter, die meisten bereits verendet. Ungefähr 600 Fälle wurden bis Mitte Februar gezählt. Gleichzeitig kam es in mehr als 50 Geflügelhaltungen zu Ausbrüchen. Das Institut hält das Risiko einer weiteren Ausbreitung des Virus unter Vögeln für hoch.

Dass sich nun offenbar Menschen angesteckt haben, ist ein Novum, aber nicht komplett unerwartet. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzte das Risiko der Übertragung von H5N8-Typen auf den Menschen zwar bisher als gering ein, schloss derartige Infektionen aber auch nicht aus. "Bei Vogelgrippe muss man auf alles vorbereitet sein", sagt auch Thomas Mettenleiter, Präsident des FLI: "Wir beobachten die Entwicklung und holen weitere Informationen ein." Dem Institut liegen derzeit allerdings keine Hinweise vor, dass sich in Deutschland Menschen oder Säugetiere mit dem Erreger infiziert haben.

Mettenleiter verweist darauf, dass die üblichen Hinweise zu Hygiene und Arbeitsschutz weiter gelten. Tote Vögel sollten grundsätzlich nicht mit bloßen Händen berührt werden. Wer in Kontakt zu infiziertem Geflügel kam, sollte für mindestens zehn Tage auf das Auftreten von Symptomen einer Atemwegserkrankung oder Bindehautentzündung achten. Im Falle von Krankheitszeichen sollte unverzüglich ein Arzt aufgesucht und ein Test auf Influenzaviren gemacht werden.

Der Mensch ist für das Virus eine Sackgasse

Auch anderen Vogelgrippeviren ist immer wieder der sporadische Sprung auf den Menschen gelungen. H5N1 ist das bekannteste Beispiel. Seit 2003 registrierte die WHO mehr als 860 bestätigte Infektionen beim Menschen. Der Erregertyp kann schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle verursachen. Auch Viren vom Typ H7N9 und H5N6 haben beim Menschen gelegentlich zu heftigem Leiden und Todesfällen geführt. H9N2 wurde ebenfalls bereits bei Menschen nachgewiesen, löste jedoch bisher eher milde Beschwerden aus.

Gemeinsam ist diesen Virustypen, dass sie nicht an den Menschen angepasst sind. Menschen stecken sich in der Regel durch engen Kontakt zu Federvieh an. Die Übertragung erfolgt wahrscheinlich, indem sie verunreinigte Staubpartikel einatmen oder ihre Hände durch den Kontakt zu befallenen Tieren oder deren Produkten kontaminiert werden. Eine Ansteckung durch den Verzehr von Geflügelfleisch oder Eier gilt dagegen als unwahrscheinlich. Für das Virus ist der Mensch eine Sackgasse, denn er gibt den Erreger so gut wie nie weiter.

Auch nach den aktuellen H5N8-Infektionen in Russland sei es zu keinen Mensch-zu-Mensch-Übertragungen gekommen, sagte Anna Popowa. Sie fügte hinzu: "Aber es bleibt abzuwarten, wie schnell zukünftige Mutationen es dem Virus ermöglichen, diese Barriere zu überwinden." Die Entdeckung des neuen Stammes gebe der Welt Zeit, sich auf derartige Veränderungen vorzubereiten.

Warum meldete Russland erst jetzt die Vorkommnisse aus dem Dezember?

In der Tat sind Mutationen bei Grippeviren schon lange gefürchtet. Entstünde ein Virus, das die krankmachenden Eigenschaften einiger unter Tieren zirkulierender Influenza-Erreger mit der leichten Übertragbarkeit der menschlichen Grippeviren vereint und dann auf eine Bevölkerung ohne Immunität träfe, wären große und schwere Epidemien möglich. Aus dieser Sorge heraus werden Grippeviren weltweit sorgsam beobachtet. Auch viele der Pandemiepläne, nach denen in verschiedenen Ländern derzeit der Kampf gegen das Coronavirus geführt wird, basierten ursprünglich auf dem Szenario eines neuen Grippevirus.

Vor diesem Hintergrund ist erstaunlich, dass die Nachricht von den Übertragungen in Russland erst jetzt bekannt wurde, obwohl sie sich bereits im Dezember ereignet hatten. Nach den Internationalen Gesundheitsvorschriften, zu denen auch Russland sich bekannt hat, müssen alle menschlichen Infektionen durch einen neuen Influenza-Subtyp unverzüglich an die WHO gemeldet werden. Popowa sagte, die Daten seien erst dann an die WHO übermittelt worden, als man sich ganz sicher gewesen sei. Die Behörde selbst bestätigte bislang nur, über die Vorkommnisse in Russland informiert worden zu sein. Man könne die Fälle noch nicht bestätigen, sei aber in Kontakt zu den nationalen Behörden, um weitere Informationen zu erhalten und die Folgen des Ereignisses einschätzen zu können.

© SZ
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