Suchterkrankungen:Rauchend durch die Pandemie

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Suchterkrankungen: Eine Frau raucht im Home-Office: Während der Pandemie stieg der Anteil der Raucher.

Eine Frau raucht im Home-Office: Während der Pandemie stieg der Anteil der Raucher.

(Foto: Axel Heimken/dpa)

In den vergangenen zwei Jahren haben einer Langzeitbefragung zufolge mehr Menschen zur Zigarette gegriffen. Der Studienleiter spricht von einer erschreckenden Entwicklung.

Während der Corona-Pandemie haben einer Erhebung zufolge mehr Menschen in Deutschland zu Zigaretten gegriffen als zuvor. Mittlerweile rauchen fast 33 Prozent der Menschen über 14 Jahre, wie aus der repräsentativen Langzeitstudie "Deutsche Befragung zum Rauchverhalten" (Debra) hervorgeht. Unmittelbar vor der Pandemie lag der Anteil der Raucherinnen und Raucher in Deutschland noch bei etwa 26 bis 27 Prozent.

Der Anstieg war vor allem im Jahr 2021 zu beobachten. Es sei wahrscheinlich eine Corona-Spätfolge, dass die Leute vermehrt zu Tabakprodukten griffen, sagte der Epidemiologe und Debra-Leiter Daniel Kotz von der Uniklinik Düsseldorf. Er nannte die Entwicklung erschreckend und mahnte: "Da gibt es seitens der Politik viel zu tun, wenn Deutschland 2040 tabakfrei werden möchte."

Langfristig gesehen werden in Deutschland weniger Zigaretten geraucht als in den Jahrzehnten zuvor. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hat sich der Absatz dieser Tabakprodukte seit den frühen 1990er-Jahren mehr als halbiert. Wurden 1991 noch 146,5 Milliarden Stück verkauft, waren es 2020 etwa 71,8 Milliarden. 2020 wurden damit pro Kopf 1033 Zigaretten geraucht. Für 2021 lagen noch keine Daten vor.

Die Folgen des jahrzehntelangen Qualmens sind enorm. Wie das Statistische Bundesamt mitteilte, starben im Jahr 2020 rund 75 500 Menschen in Deutschland an den Folgen des Rauchens. Die mit Abstand häufigste Todesursache dabei waren Krebserkrankungen. Demnach war Lungen- und Bronchialkrebs, Kehlkopf- oder Luftröhrenkrebs bei gut 46 000 Rauchern die Todesursache, etwa 29 000 Raucher starben an der Lungenerkrankung COPD.

Bei Frauen ist das Risiko, an einem entsprechenden Tumor zu sterben, innerhalb von 20 Jahren um 73 Prozent gestiegen: Im Jahr 2000 starben laut Statistik pro 100 000 Einwohner etwa 23 Frauen an Lungen- und Bronchialkrebs, 2020 waren es fast 40. "Ein Grund dafür könnte der seit den 1950er-Jahren deutlich gestiegene Anteil von Raucherinnen an der weiblichen Bevölkerung sein", teilte das Bundesamt mit. Männer haben zwar insgesamt ein höheres Risiko, an den Folgen des Tabakkonsums zu sterben. Der Trend ist aber bei ihnen leicht rückläufig. Die Sterberate ging seit Anfang des Jahrhunderts von 73 auf 68 Tote pro 100 000 Einwohner zurück.

Billionen Kippen verschmutzen jährlich die Umwelt

Weltweit sterben jährlich acht Millionen Menschen an den Folgen des Tabakkonsums, teilte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit. Zugleich warnte die Organisation davor, dass der Anbau der Tabakpflanzen auch massive Schäden für Umwelt und Klima verursacht. Jedes Jahr müssten für die Tabakfelder 600 Millionen Bäume weichen, 22 Milliarden Tonnen Wasser würden verbraucht und 84 Tonnen CO2 ausgestoßen, erklärte die UN-Organisation. Der CO2-Ausstoß der Tabakindustrie entspreche einem Fünftel der Emissionen der kommerziellen Luftfahrt.

Tabak wird mittlerweile vor allem in ärmeren Ländern angebaut, wo Ackerland und Wasser oft ganz dringend gebraucht werden, um Lebensmittel zu produzieren. "Stattdessen werden sie genutzt, um tödliche Tabakpflanzen zu züchten", heißt es im WHO-Bericht.

"Tabakprodukte sind die schmutzigsten Gegenstände auf dem Planeten, sie enthalten über 7000 giftige Chemikalien, die sie in die Umwelt abgeben, wenn sie weggeworfen werden", sagte der WHO-Direktor für Gesundheitsförderung, Rüdiger Krech. Ungefähr 4,5 Billionen Zigarettenkippen verschmutzten jedes Jahr Ozeane, Flüsse, Bürgersteige, Parks, Erde und Strände. Auch zum Plastikmüll trügen Zigaretten, Tabakerzeugnisse und E-Zigaretten bei. Die WHO appellierte in diesem Zusammenhang an die Politik, ein Verbot von Zigarettenfiltern in Betracht zu ziehen. Diese enthielten Mikroplastik und trügen stark zur Plastikverschmutzung bei. Ihr gesundheitlicher Nutzen sei hingegen nicht nachgewiesen.

Die UN-Behörde forderte zugleich Länder und Städte auf, die Industrie bei der Beseitigung der Tabakreste stärker in die Pflicht zu nehmen. "Die Kosten, um die Abfälle zu beseitigen, werden den Steuerzahlern auferlegt", kritisiert der Bericht. Das seien allein in Deutschland etwa 200 Millionen Dollar. In Ländern wie Frankreich und Spanien oder Städten wie die US-Metropole San Francisco muss demnach die Industrie für die Kosten der Verschmutzung aufkommen, die sie verursacht. Weitere Länder und Städte müssten diesem Beispiel folgen, forderte die WHO.

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