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Prävention:Grippeimpfung: ja oder nein?

Gegen die Influenza: So funktioniert die Grippeschutzimpfung

Besonders bei Kindern ist eine Impfung gegen Influenza umstritten. Das war schon vor Auftreten des neuen Coronavirus Sars-Cov-2 so, wurde aber durch die Pandemie noch zusätzlich verstärkt.

(Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn)

Sollte man in der Corona-Pandemie auch Kinder und Lehrer gegen Influenza immunisieren? Die Ansichten gehen auseinander - und für alle reicht der Impfstoff nicht. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Von Berit Uhlmann

Von Anfang an war dieses Zusammentreffen befürchtet worden: Die jährliche Grippewelle bricht mitten in die Covid-Pandemie herein. Dabei geht es weniger um die Gefahr für den Einzelnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Mensch mit beiden Erregern gleichzeitig infiziert, dürfte hierzulande im Bereich von unter einem Prozent liegen. Doch die Belastungen für die Gesellschaft und das Gesundheitssystem könnten unter Umständen immens sein. Beide Erkrankungen können Menschenleben fordern, können unzählige Arztbesuche, Klinikaufenthalte und Intensivbehandlungen nötig machen. Nun steuert die Nordhalbkugel auf diese Situation zu - und es werden Forderungen laut, die Grippeimpfung in diesem Jahr auszuweiten. Die Bundesärztekammer und die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie raten dazu, möglichst viele Kinder zu impfen. Die Bundesärztekammer fordert zugleich, auch Lehrer und Erzieher zu immunisieren. Dagegen ist die offizielle Empfehlung der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (Stiko) zurückhaltender. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur diesjährigen Grippeimpfung.

Für wen wird die Impfung offiziell empfohlen?

Die Stiko hat ihre Impfempfehlung für die kommende Influenza-Saison nicht geändert. Nach wie vor empfiehlt sie die Immunisierung vor allem für über 60-Jährige, chronisch Kranke und Schwangere - alles Gruppen, bei denen eine Grippe-Erkrankung Komplikationen verursachen kann. Zusätzlich empfiehlt sie die Spritze wie bisher auch für Menschen, die im Gesundheitssektor oder Bereichen mit sehr vielen täglichen Begegnungen arbeiten, sowie jenen, die im Privatleben engen Kontakt zu besonders Gefährdeten haben. Die Behörde betont jedoch, dass sie anderen Personen nicht von der Impfung abrät. Es liegt in deren Ermessen, ob sie sich immunisieren lassen.

Warum weitet die Stiko die Empfehlungen nicht aus?

Die Institution begründet ihre Haltung in erster Linie damit, dass eine Influenza-Erkrankung bei gesunden Kindern und Erwachsenen unter 60 Jahren in der Regel ohne schwere Komplikationen verläuft. Eine Rolle spielen zudem die begrenzten Vorräte des Impfstoffs.

Wie viel Impfstoff ist verfügbar?

Würden alle Menschen, die in die offizielle Empfehlung eingeschlossen sind, ihren Arzt um die Impfung ersuchen, würden etliche von ihnen leer ausgehen. Benötigt würden in diesem Fall 40 Millionen Dosen, schätzt die Stiko. Zur Verfügung stehen aber nach Angaben des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts nur 26 Millionen Dosen. Das sind etwa fünf Millionen mehr als in der zurückliegenden Saison. Allerdings, so heißt es aus dem Bundesgesundheitsministerium, seien in den vergangenen Jahren die verfügbaren Mengen nicht vollständig verbraucht worden. Denn selbst viele Menschen mit erhöhtem Risiko für schwere Verläufe lassen sich nicht impfen. So lässt sich in der Regel nur ein gutes Drittel in der älteren Generation die jährliche Spritze verabreichen. Die Strategie der Stiko ist daher, mehr Menschen in den Risikogruppen zur Impfung zu bewegen - da auf diese Weise "mit den verfügbaren Impfstoffmengen der größte Effekt erzielbar" sei. Das Paul-Ehrlich-Institut sieht jedenfalls im Moment keinen Hinweis darauf, dass es zu einem flächendeckenden Impfstoff-Engpass kommen könnte.

Sollten Eltern ihre Kinder nun impfen lassen?

In diesem Punkt weichen die Empfehlungen von jeher stark voneinander ab. Innerhalb der EU raten nur sechs Länder auch Kindern explizit zur Grippeimpfung; allerdings nur bis zu einem Alter von zwölf Jahren. Die USA empfehlen dagegen allen Kindern und Jugendlichen die Immunisierung. Befürworter verweisen zum einen darauf, dass Krankheiten gerade für jüngere Kinder sehr belastend sein können. Auch Bernd Salzberger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, sagt: "Die Kleinen haben ein Grippevirus noch nicht gesehen und können durch eine erste Infektion richtig krank werden." Er hält daher die Impfung am ehesten bei Kleinkindern für angebracht. Zum anderen wird die Impfung der jungen Generation auch empfohlen, um Risikogruppen mit zu schützen. Die Impfung verhindert im Schnitt nur etwa 40 bis 60 Prozent der Influenzafälle; bei Älteren wirkt sie oft etwas schlechter. Es kann daher sinnvoll sein, wenn im Umfeld von besonders Gefährdeten zusätzlich Immunität aufgebaut wird. "So werden etwa die Großeltern geschützt", sagt Salzberger. In ihre Überlegungen sollten Eltern daher nicht nur die Situation des eigenen Kindes einbeziehen, sondern auch, wie viel Kontakt der Nachwuchs zu gefährdeten Menschen hat. In Deutschland ist die Impfung ab einem Alter von sechs Monaten zugelassen.

Kann die Grippe-Impfung das Covid-Risiko beeinflussen?

Dies ist noch nicht klar. Zwei nicht unabhängig begutachtete Studien legen nahe, dass die Immunisierung gegen die Influenza das Risiko eines schweren oder tödlichen Covid-Verlaufs etwas reduzieren kann. So hatten brasilianische Covid-Patienten mit Grippeschutz ein 17 Prozent niedrigeres Sterberisiko als jene ohne die Immunisierung. Biologisch ist dies nicht unplausibel. Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt sagt: "Jede Impfung ist ein Trainingsprogramm für das Immunsystem. Die Grippeschutzimpfung führt zwar nicht zu einer spezifischen Immunisierung gegen das Coronavirus, kann aber das Immunsystem so stärken, dass eine Infektion harmloser verläuft."

Wirkt sich die Pandemie auf die Grippesaison aus?

Mitte März dieses Jahres endete in Deutschland die zurückliegende Influenza-Saison; das war zwei Wochen eher als üblich. Auch die Zahl anderer Atemwegserkrankungen ging abrupt zurück, als die Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie eingeführt wurden. Noch augenfälliger ist die Entwicklung in den südlichen Breiten. "Wir beobachten eine unglaublich milde Grippesaison auf der Südhalbkugel", sagt Michael Osterholm, Infektiologe der Universität Minnesota im Fachblatt Jama. Er warnt zugleich, dass man vorsichtig sein müsse, diese Daten auf die nördliche Hemisphäre zu übertragen. Es ist gut möglich, dass all die Maßnahmen zum Schutz vor Covid-19 auch die Grippeviren ausbremsen. Beide Erreger werden überwiegend durch Tröpfchen übertragen. Allerdings kann es auch sein, dass in Ländern wie Brasilien, die sehr hohe Covid-Raten haben, die Grippefälle schlicht nicht mehr erfasst werden, weil das System überlastet ist.

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Was sollte man beachten, wenn man sich impfen lässt?

Die jährliche Grippesaison liegt üblicherweise zwischen Dezember und Februar. Nach der Impfung dauert es etwa 14 Tage, bis der volle Schutz aufgebaut ist. Es ist daher ratsam, die Impfung bis spätestens Mitte/Ende November vornehmen zu lassen. Der über die Spritze verabreichte Totimpfstoff gilt als gut verträglich; Schmerzen und Rötungen an der Einstichstelle können vorkommen. Für Kinder zwischen zwei und 17 Jahren steht alternativ auch ein Lebendimpfstoff aus abgeschwächten Influenzaviren zur Verfügung, der als Nasenspray verabreicht wird. Er kann Beschwerden auslösen, die an eine Erkältung erinnern. Laut RKI klingen diese Beschwerden innerhalb von ein bis zwei Tagen folgenlos wieder ab.

© SZ
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