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Covid-19:Neue Zweifel an russischem Corona-Impfstoff

Coronavirus: Impfung mit dem russischen Vakzin "Sputnik V"

Eine Impfung mit dem russischen Vakzin "Sputnik V".

(Foto: Alexander Zemlianichenko Jr/AP)

Nach der Zulassung des Vakzins "Sputnik V" beklagen Wissenschaftler Ungereimtheiten: So sollen Probanden die exakt gleiche Anzahl Antikörper im Blut gehabt haben. Laut Experten ist das "extrem unwahrscheinlich".

Von Werner Bartens

Schwer zu sagen, wem man derzeit trauen kann - und wo die Wissenschaft aufhört und die Propaganda anfängt. Die politischen Lautsprecher dieser Welt überbieten sich darin, wer zuerst einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 auf den Markt bringt. Donald Trump prahlt in durchsichtigen Wahlkampfmanövern damit, "in drei, vier Wochen" ein Vakzin zu haben, was die Vorgängerregierung "so nie hinbekommen" hätte. China lässt seit Juli einen Impfstoff erproben, von dem unklar ist, ob die klinische Prüfung tatsächlich ausreichend war. Und Präsident Putin freut sich daran, den im August im Eilverfahren zugelassenen russischen Impfstoff analog zum Wettlauf um den Start ins All als Sputnik V zu bezeichnen - und lässt angeblich sogar seine Tochter damit impfen, als ob dies wissenschaftliche Beweise ersetzen würde.

Zwar haben Wissenschaftler des staatlichen Forschungszentrums in Moskau und vom russischen Gesundheitsministerium um Denis Logunov Anfang September im Fachmagazin The Lancet dargelegt, wie ihr Impfstoff wirken soll und wie die 76 Teilnehmer der ersten Studien darauf reagierten. In der Fachwelt gelten Artikel in hochrangigen wissenschaftlichen Journalen - zu denen The Lancet gehört - als Voraussetzung dafür, medizinischen Neuerungen zu vertrauen. Erst wenn Versuche und Befunde nachvollzogen und von anderen Arbeitsgruppen wiederholt und bestätigt werden können, steigt die Glaubwürdigkeit.

Genau daran hapert es, denn an der russischen Studie - und damit an Sputnik V - gibt es massive Zweifel. Der italienische Molekularbiologe Enrico Bucci hat einen offenen Brief an die russischen Forscher und die Herausgeber des Lancet geschrieben, in dem er die Veröffentlichung kritisiert. "Während die Forschung in dieser Studie potenziell äußerst wichtig sein könnte, gibt die Darstellung der Daten mehrfach Anlass zu Bedenken", schreibt Bucci. "Um dem nachzugehen, ist es erforderlich, Zugang zu den Originaldaten zu bekommen."

Die Kritiker irritiert, dass die Konzentration der Antikörper bei mehreren Probanden genau gleich zu sein scheint.

Nachfolgend listet Bucci, dessen "Open Letter" von 38 Wissenschaftlern aus aller Welt unterzeichnet ist und auf einer Plattform zum "Kampf gegen schlechte Wissenschaft und Pseudoforschung" eingesehen werden kann, etliche Ungereimtheiten auf. So sei auffällig, dass die Konzentration der Antikörper nach der Impfung bei mehreren Probanden in Abbildung 2 des Fachartikels als identisch angegeben wird. Auch die zelluläre Reaktion der Teilnehmer und weitere Antikörpermessungen in Abbildung 3 und 4 hätten gleiche Messwerte ergeben. Da es sich um unterschiedliche Probanden und Messungen handele, sei eine Übereinstimmung "extrem unwahrscheinlich". Zudem sei undurchsichtig, wie Vergleichsgruppen ausgewählt und wann deren Blut nach der Impfung und der Auffrischung untersucht wurde. Weiterhin würden notwendige Angaben zu den Freiwilligen fehlen, die von Bedeutung für die Interpretation der Ergebnisse seien.

Bei der kritisierten Veröffentlichung im Fachblatt Lancet handelt es sich um eine Studie der Phase I/II. Noch geht es also gar nicht darum, wie Tausende oder gar Zehntausende Probanden in Phase III auf den Impfstoff reagieren, sondern zunächst um Sicherheit und Wirksamkeit. Wenn hier bereits zahlreiche Zweifel an den Daten auftauchen, wirft das kein gutes Licht auf die Kontrollmechanismen, die für Forschung mit so großer Relevanz besonders vehement einzufordern sind.

Auch andere Wissenschaftler sind erstaunt, wie sich die Daten bei den Versuchen in Russland gleichen. "Solche ähnlichen Muster bei unterschiedlichen Messungen kommen kaum vor", sagte Konstantin Andreev, Experte für Virusinfektionen an der Northwestern University in Evanston dem Fachmagazin Nature. Und Bucci ergänzt, dass er den Russen zwar keine Fälschung unterstelle, "aber klar gestellt werden muss, wie die identischen Daten zustande kommen". Da berichtet werde, dass Russland bereits die Bevölkerung außerhalb klinischer Studien mit Sputnik V impfe, haben sich die Wissenschaftler "verpflichtet gefühlt, ihre Stimme zu erheben".

Das Fachjournal, in dem die Studie veröffentlicht wurde, hat die Autoren "eingeladen", offene Fragen zu klären.

Etliche Forscher beklagen die Menge fragwürdiger Daten. Ob sie tatsächlich falsch seien, könne nicht beurteilt werden, weil die russischen Wissenschaftler bisher wenig preisgegeben hätten. Der russische Erstautor Denis Logunov hat bisher weder auf Anfragen von Bucci noch von Nature reagiert, russischen Medien aber mitgeteilt, dass er nicht auf den offenen Brief reagieren werde, Gutachter seinen Fachartikel geprüft hätten, er aber im Kontakt mit dem Lancet sei, um Fragen zu klären. Vom Lancet gibt es noch keine Bewertung, lediglich den Hinweis, dass die russischen Autoren "eingeladen seien, offene Fragen zu beantworten".

Für jedes Land und jede Forschungsgruppe ist es zweifellos von hohem Prestige, einen sicheren und wirksamen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 zu entwickeln. Dass in der Mischung aus Ehrgeiz, politischem Druck und Eitelkeit nicht immer höchste wissenschaftliche Standards eingehalten werden, steht zu befürchten. Gerade haben die Vereinigten Arabischen Emirate bekannt gegeben, dass sie für den Impfstoff des chinesischen Herstellers Sinopham einer Notzulassung zugestimmt haben. Phase III der Studie wurde erst im Juli begonnen, die klinische Prüfung ist also noch nicht abgeschlossen.

© SZ

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