bedeckt München -2°

20 Jahre Wikipedia:Weiß, westlich - und vor allem männlich

Employees in large office of Salamander Company 1960 nostalgic

Na, wer oder was fehlt auf diesem Bild?

(Foto: Dr. Paul Wolff & Tritschler/Corbis via Getty Images)

Die Wikipedia will möglichst neutral sein, doch sie vermittelt eine einseitige Sicht auf die Welt, die in erster Linie von Männern geschrieben wird. Im Jahr ihres 20. Geburtstags soll sich das endlich ändern.

Von Simon Hurtz, Berlin

Am 23. Mai 2018 lehnte der Wikipedianer Bradv einen Vorschlag für einen neuen Eintrag ab. Der Artikel enthalte zu wenige relevante Quellen. Wenige Monate später ging die Geschichte um die Welt. Im Oktober erhielt Donna Strickland als dritte Frau den Physik-Nobelpreis, doch niemand konnte in der Wikipedia nachlesen, wozu Strickland forschte. Bradv hatte kurz zuvor die Biografie einer künftigen Nobelpreisträgerin zurückgewiesen.

Das ist kein Zufall, und es ist kein Einzelfall. Studien zeigen, dass Frauen in der Wikipedia anders behandelt werden als Männer. Artikel über Frauen thematisieren oft Familie und Beziehungsleben, sind häufiger negativ konnotiert und enthalten weniger Querverweise. Wenn sie überhaupt geschrieben werden: Fünf von sechs Biografien behandeln Männer. Die deutsche Wikipedia zieht den Schnitt sogar noch etwas herunter.

Die Wikipedia beeinflusst, wie Hunderte Millionen Menschen auf Geschichte, Wissenschaft und Politik blicken. Sie will das Wissen der Welt ordnen und allen zugänglich machen, aber ihre Perspektive ist verzerrt: An ihrem 20. Geburtstag ist sie immer noch weiß, westlich und männlich.

"It's a Man's Man's Man's World"

Das gilt nicht nur für ihre Themen, sondern auch für die Gemeinschaft derer, die an ihr arbeiten. Auf neun Wikipedianer kommt eine Wikipedianerin. Bereits 2011 nannte Sue Gardner, damals Vorsitzende der gemeinnützigen Wikimedia Foundation, neun Gründe, warum kaum Frauen mitmachen. Vor allem schreckt sie der oft aggressive, rechthaberische und teils offen misogyne Umgangston ab. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales wollte bis 2015 einen Frauenanteil von einem Viertel erreichen. Ein Jahr vor Ablauf der selbstgesteckten Frist gab er zu, "komplett versagt" zu haben. Wales versprach, die Anstrengungen zu verdoppeln, der Erfolg blieb bislang aus.

An einem Teil der Ursachen können weder Wikipedia noch Wikimedia etwas ändern. Die Enzyklopädie bildet die Welt ab, und auch 2021 gilt in Politik, Wirtschaft und Sport oft noch, was James Brown vor einem halben Jahrhundert sang: "It's a Man's Man's Man's World". Hinzu kommt, dass gerade Frauen mit Kindern mehr Zeit mit Care-Arbeit verbringen. Deshalb bleibt ihnen weniger Freizeit, um sich ein Hobby wie die Wikipedia leisten zu können.

IvaBerlin will Frauen für die Wikipedia begeistern

Doch selbst in einer ungleichen Welt ist Wikipedia ein besonders männerdominierter Ort. Frauen wie IvaBerlin wollen das ändern. IvaBerlin, das ist ihr Nutzername, meldete sich vor zehn Jahren bei der Wikipedia an und engagiert sich bei WomenEdit. Die Initiative organisiert monatliche Treffen in Berlin und mittlerweile auch in Erlangen, die derzeit virtuell stattfinden. "Ich wurde vor etwas mehr als acht Jahren zu einem Treffen eingeladen, das Frauen für die Wikipedia interessieren sollte", sagt Iva. "Da habe ich entdeckt, dass ich nicht die einzige Frau bin. Seitdem komme ich jeden Monat."

Iva verbringt zehn bis 15 Stunden pro Woche damit, Einführungsveranstaltungen zu organisieren, Autorinnen zu vernetzen, Bearbeitungen von Frauenbiografien zu sichten und sogenannte Edit-a-thons zu organisieren. Dabei treffen sich Wikipedianerinnen und Wikipedianer, um gemeinsam neue Artikel anzulegen. Als Grundlage dient das Schreibprojekt "Women in Red", das bemerkenswerte Frauen sammelt, deren Name in der Wikipedia rot erscheint. Das bedeutet, dass für sie noch niemand einen Eintrag angelegt hat.

Neben dem Umgangston, den Iva "verbesserungsfähig" nennt, stört sie die Sprache. Die Wikipedia hält am generischen Maskulinum fest und nimmt auch in ihren Kategorien keine Rücksicht auf die Geschlechtsidentität. Donna Strickland wird als "Frau" geführt, aber gleichzeitig als "Hochschullehrer" und "Nobelpreisträger für Physik". Zumindest für Wikipedianerinnen selbst ändert sich das allmählich. "Ich bin froh, dass es im Laufe meines Engagements einige Veränderungen gab", sagt Iva. "Inzwischen heißt es 'Mail an diese Benutzerin schreiben'. Und seit Anfang des Jahres gibt es 'Benutzerinnenseiten', wenn eine Person weiblich angeredet werden will."

Ein Code of Conduct soll die Wikipedia freundlicher machen

Es soll nicht bei kosmetischen Änderungen bleiben. "Wir sind kurz davor, einen universellen Code of Conduct vorzulegen", sagt Wikimedia-Chefin Katherine Maher. Die Vereinbarung soll allen Autorinnen und Autoren Regeln für einen respektvollen Umgang auferlegen. Vor allem schafft sie klare Kriterien, um Beleidigungen und Belästigungen zu sanktionieren. Bislang müssen sich Betroffene aktiv über die Täter beschweren, was oft Racheaktionen nach sich zieht.

Für Maher ist das ein wichtiger Schritt, um mehr Frauen für die Wikipedia zu begeistern: "Wir müssen eine Umgebung schaffen, in der sich Menschen sicher beteiligen können, ohne Angriffe zu fürchten", sagt sie. Die Wikipedia müsse eine Gemeinschaft werden, die alle willkommen heiße - und in der Artikel über Physikerinnen nicht einfach abgelehnt werden, weil sie der Autor für irrelevant hält.

© SZ/khil
Zur SZ-Startseite

20 Jahre Wikipedia
:"Mein Wissen ist mein Dialekt"

Es gibt nicht nur die großen Wikipedias, in vielen kleinen Ausgaben versuchen Autoren Wissen zu erhalten. Einer von ihnen ist "Wikibayer".

Interview von Mirjam Hauck

Lesen Sie mehr zum Thema