Wahlkampf in sozialen Medien Wahlkampf in der Schattenzone

Das Problem ist allerdings: Während Wahlplakate im öffentlichen Raum hängen und Wahlwerbung im Fernsehen stark reguliert ist, entzieht sich zielgruppenspezifische Facebook-Werbung der öffentlichen Kontrolle: Die Anzeigen tauchen nur in den Timelines jener Gruppen auf, die Parteien ausgewählt haben. Andere Bürger, Journalisten und Wissenschaftler erfahren nicht, wer welche Werbung zu sehen bekommt, nicht einmal, welche Anzeigen überhaupt in Umlauf sind. Der Grüne Heinrich verkündet deshalb: "Wir werden in diesem Wahlkampf vorangehen und aus Gründen der Transparenz alle unsere Facebook-Anzeigen auch auf unserer Website veröffentlichen."

Der Facebook-Faktor Sieben Dinge, die ich in der rechten Facebook-Echokammer gelernt habe
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Sieben Dinge, die ich in der rechten Facebook-Echokammer gelernt habe

Ende 2015 erstellte unser Autor ein zweites Facebook-Profil. "Tim" öffnete ihm die Tür zu einer Parallelwelt, die ihn zwischenzeitlich an seinen Überzeugungen zweifeln lässt.   Von Simon Hurtz

Durch die "dark posts" finde politische Werbung in einer "nichtöffentlichen Schattenzone des Netzwerks" statt, schreibt Adrienne Fichter in der Neuen Zürcher Zeitung, die mit Martin Fuchs zusammen die Technik untersucht. Verstärkt werde das Problem durch den Trend zu komplett abgeschlossener Kommunikation zwischen Werbenden und Nutzern - etwa auf Whatsapp oder Snapchat. Diese Intransparenz könnte die brutalen Seiten des Wahlkampfes fördern: etwa Negativwerbung, die andere Kandidaten verleumdet, oder die Strategie der asymmetrischen Demobilisierung, um Bürgern gezielt Anreize zu geben, zu Hause zu bleiben. Mit Microtargeting auf Facebook könnten Parteien "instant influence" ausüben, also mit einer perfekt auf den Nutzer zugeschnittenen Anzeige eine Reaktion veranlassen, schreiben die Forscher der HfP/TU. So lasse sich Meinungsbildung beeinflussen.

Das gelte insbesondere, wenn Parteien ihre technischen Fähigkeiten weiter stärken und Big-Data-Methoden konsequenter einsetzen, sagt Berater Fuchs: "Man kann Ängste projizieren und Gruppen gegeneinander aufhetzen." Das sei "hochgefährlich", der demokratische Diskurs könne zerstört werden. "Parteien können Botschaften ausspielen, die sich widersprechen, ohne dass es jemand merkt." Zyniker würden womöglich sagen: Endlich können Politiker jedem die Lüge erzählen, die er gerne hören möchte - ohne, dass es auffällt.

Aber davon ist Deutschland in der Praxis noch entfernt. Fuchs versucht erst einmal, Fakten zusammenzutragen: Gemeinsam mit der Journalistin Fichter hat er in sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, ihm Beispiele für "dark ads" zu schicken, auf die Nutzer in ihrem Stream stoßen.

Nutzer müssten die Fähigkeit herausbilden, Werbung zu erkennen, die auf Microtargeting beruht, sagt Fuchs: "Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass ihnen jetzt genau diese Anzeige angezeigt wird, weil sie zum Beispiel 18 Jahre alt sind und auf Punkrock stehen." Helfen könnte eine Kennzeichnungspflicht, sagt Forscher Papakyriakopoulos: "Parteien, die Microtargeting benutzen, sollten die Anzeigen entsprechend markieren." Und der Datenschutzaktivist Wolfie Christl mahnt, genau im Auge zu behalten, ob und wie die Parteien ihre eigenen Datensätze über Mitglieder und Sympathisanten mit den Facebook-Daten über Bürger verknüpfen.

Dieser Beitrag ist Teil der großen Datenrecherche der SZ, in der wir die politische Macht auf Facebook analysiert haben. Lesen Sie:

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    Feindbilder, Gutmenschen und Jan Böhmermann: Das hat die SZ-Datenrecherche über linke und rechte Vorlieben, die wichtigsten Köpfe und die Macht der Satire herausgefunden.

  • Der Facebook-Faktor

    2017 findet Wahlkampf auch auf Facebook statt. Und die Betonung liegt auf "Kampf". Wie dort Politik gemacht wird und das soziale Netzwerk die Bundestagswahl beeinflusst.

Während Barack Obamas Team den datengetriebenen Wahlkampf in den USA schon 2012 perfektionierte, müssen die deutschen Parteien - auch aufgrund der eingeschränkten Möglichkeiten, persönliche Daten zu nutzen - noch besser zielen lernen. Wahlkämpfer Heinrich erzählt, er bekomme immer wieder FDP-Werbung ausgespielt. Und das sei ja bei ihm als eingefleischtem Grünen nun wirklich kein gutes Targeting.