Data Mining im Wahlkampf Micro-Targeting - es geht um mehr als Biersorten

Eigentlich hätte Obama im Vorwahlkampf 2008 gegen Hillary Clinton keine Chance haben dürfen: Die Präsidentengattin war bekannter, besser in der Partei verankert und viel erfahrener. Das Unmögliche gelang dank datenbesessener Berater wie David Plouffe, die wochenlang über Tabellen brüteten und berechneten, wie viele Neuwähler etwa in welchen Teilen Iowas registriert sein mussten, um die Favoritin zu schlagen. Bereits 2008 nutzte das Obama-Team Facebook und Twitter, um Anhänger zu mobilisieren und um Spenden zu werben. Seither hat sich viel getan, sagt Issenberg:

"Es gab vor vier Jahren all diese Artikel, wie brilliant Obamas Digital-Strategie war. Doch im Team waren viele frustriert, weil zahlreiche Informationen nur in einer Datenbank waren und nicht integriert wurden. Sie haben also das Projekt 'Narwhal' begonnen, das alle Daten synchronisiert.

Heute haben Obamas Leute einen 360-Grad-Blick auf einen Wähler wie George: Wenn ein Freiwilliger an Georges Tür klopft, dann weiß er, dass George vor drei Tagen Post von der Zentrale bekommen hat und dass man ihn abends in einer E-Mail um Spenden bitten wird." Alle Informationen, die Nutzer ein Mal auf Obamas Website oder über ein "Like" auf Facebook mitgeteilt haben, werden nun mit anderen Daten kombiniert, die etwa über das Wahlregister öffentlich verfügbar sind und auch für Millionen Dollar gekauft werden. Der Chef von Aristotle, einer der größten Firmen dieser Branche, sagte im Interview mit PBS, über manche Bürger existierten bis zu 500 verschiedene Informationsdetails.

Wahlkampf der Tracking-Tools

"Obamas Reden erinnern mich an Aktien-Verkäufer"

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Hier geht es um Angaben wie Bildungsabschluss, Zeitschriftenabos, Waffenbesitz oder die Automarke. Die Strategen wollen die Gesellschaft in möglichst kleine Teile zerlegen und per Microtargeting jedem Wähler eine passende Botschaft zukommen lassen. Erst im Gespräch mit Issenberg wird mir klar: Die oft (auch in der SZ) zitierten Infos, dass Subaru-Fahrer eher Demokraten unterstützen und Fans von Becks-Bier Republikaner wählen, besitzen als solche wenig Aussagekraft: Erst wenn sie zusammen mit anderen Daten durch Algorithmen gejagt werden, sind sie nutzbar.

Anhand dieser Profile wissen die Strategen beider Parteien, auf welchen Kanälen sie die Wähler ansprechen können: eine Werbung bei Facebook, ein Online-Clip vor "The Colbert-Report" oder ein Brief mit Infomaterial, was Obama für Homosexuelle tut. Um die Online-Wahlwerbung zielsicherer zu machen, installieren die Kampagnen Tracking-Tools, um mehr über das Surfverhalten der Nutzer zu erfahren: Im September waren 73 Spione auf barackobama.com platziert, bei mittromney.com 40 (Details bei der New York Times).