Viel News um wenig Fake Fake News als reines AfD-Problem? Fake News!

Journalisten, die unsauber arbeiten und den rechten Spin-Doktoren Munition liefern. Vermeintliche Nachrichtenseiten, die mit rassistischer Hetze den Volkszorn weiter befeuern. Dazu Social Bots, Dark Ads, Microtargeting, russische Hacker und der Erfolg von Donald Trump, der für viele Deutsche ein Schock war und gerne auf Big-Data-Analysen und manipulative Facebook-Anzeigen zurückgeführt wurde (was schon damals eine unzureichende Erklärung war). Das klingt beängstigend. Der IT-Sicherheitsfirma Avast zufolge fürchten neun von zehn Befragten, dass gezielte Falschnachrichten die Bundestagswahl beeinflussen könnten.

Alexander Sängerlaub warnt vor Alarmismus. "Die Masse der Fake News hält sich in Grenzen", fasst er seine Studie zusammen. "Es gibt einzelne Fälle, in denen Falschmeldungen viral gehen, aber die Öffentlichkeit wird nicht damit geflutet." Außerdem dürfe man große Verbreitung nicht mit großem Einfluss gleichsetzen. Wer eine Schlagzeile auf Facebook sieht, ändert deshalb noch nicht sofort seine Meinung. "Der Einfluss von Fake News wird überschätzt", sagt Sängerlaub. "Nur ein kleiner Teil des politischen Diskurses findet in Deutschland auf Facebook statt. Die meisten Menschen misstrauen Meldungen, die sie in sozialen Medien sehen und glauben nicht alles, was sie dort lesen."

Erhebungen wie der Digital News Report der Uni-Oxford geben Sängerlaub recht. Im internationalen Vergleich ist Deutschland Social-Media-Entwicklungsland. Weniger als ein Drittel der Befragten informiert sich in sozialen Netzwerken über das Nachrichtengeschehen (USA: 67 Prozent), für gerade einmal sieben Prozent sind sie die wichtigste Informationsquelle (USA: 20 Prozent). Nach wie dominieren klassische Medien, allen voran das Fernsehen. Wenn ein Tagesschau-Redakteur eine Statistik einseitig wiedergibt interpretiert, beeinflusst das mehr Menschen als eine wirre Hetz-Seite, die Propaganda verbreitet.

Gerüchte, die Lynchmobs auslösen

Zumindest in Deutschland haben die von Altkanzler Schröder beschworenen "Bild, Bams und Glotze" immer noch den größten Einfluss auf potenzielle Wähler. Und während Facebook immerhin einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung erreicht, ist Twitter schlicht irrelevant. Von Journalisten, Politikern und Youtubern (sowie deren minderjährigen Fans) abgesehen kennen die meisten Deutschen Tweets nur aus dem Fernsehen. Dementsprechend verdient das Atlantic Research Lab zwar Fleißbienchen für seine mühevolle Recherche zu russischen Botnetzen. Doch die Twitter-Hetze gegen Merkel hat weniger Bedeutung für den Ausgang der Wahl als das Wetter am Sonntag. Der vermeintliche Desinformationskrieg besteht aus wenigen Social-Media-Scharmützel, für die sich Angreifer auch noch die falsche Front ausgesucht haben.

Dennoch sind Fake News kein Fake-Problem. In Indien löste ein manipuliertes Foto Massenproteste aus, Dutzende Menschen wurden verletzt, ein Mann starb. Einem UN-Bericht zufolge befeuern bewusst gestreute Falschnachrichten maßgeblich den Bürgerkrieg im Südsudan. Auch in Kenia, Brasilien und Myanmar haben Fake News, die dort meist per Whatsapp geteilt werden, reale und teils tödliche Konsequenzen. Ende letzten Jahres stürmte ein 28-jähriger Trump-Anhänger eine Pizzeria in Washington und feuerte Schüsse ab. Er wollte ein vermeintliches Pädophilen-Netzwerk um Clintons Wahlkampfleiter aufdecken. Trumps Berater hatten die Verschwörungstheorie zuvor aktiv mit verbreitet.

Die AfD reduziert den Wahlkampf auf Flüchtlinge und innere Sicherheit

Auch in Deutschland belastete die erfundene Vergewaltigung eines 13-jährigen russlanddeutschen Mädchens die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Der "Fall Lisa" ist für Alexander Sängerlaub aber eher ein Einzelfall. Sollte die AfD als drittstärkste Fraktion in den Bundestag einziehen, habe das andere Gründe als Fake News: "In den letzten Monaten haben zwei Themen den Wahlkampf dominiert: Flüchtlinge und innere Sicherheit. Das ist extrem erfolgreiches Agenda-Setting und spielt der AfD in die Karten."

2013 gab es zehn Politikfelder, die den Wählern wichtiger waren als Einwanderung. In diesem Jahr nennen es Befragte mit Abstand am häufigsten als wahlentscheidendes Thema. Selbst die sonst so selbstbewusste CSU scheint angesichts der neuen Konkurrenz von rechts nervös zu werden. Sie verbreitet voreilig falsche Informationen über die angeblich dramatisch angestiegene Zahl der Vergewaltigungen durch Flüchtlinge - nur um kurz darauf zugeben zu müssen, dass es nicht 50, sondern lediglich fünf Prozent mehr Tatverdächtige gab als im Halbjahr zuvor.

Linke sind genauso anfällig für Fake News

Einmal in der Welt, lassen sich solche Falschinformationen aus vermeintlich seriösen Quellen kaum noch einfangen. An der Empörung über die entstellte Käßmann-Aussage lasse sich nachvollziehen, wie schwer es sei, falsche Informationen richtig zu stellen, sagt Sängerlaub. Mehrere Medien veröffentlichten ein sogenanntes Debunking, doch die Falschnachricht war deutlich erfolgreicher als die Korrektur: "Emotion schlägt Vernunft, das ist die Funktionslogik sozialer Netzwerke."

Das betrifft nicht nur AfD-Anhänger. Seit vergangenen Montag macht ein Zitat des AfD-Spitzenkandidaten Gauland die Runde. "Man muss auch wieder stolz auf Hitler sein dürfen", soll er dem Kölner Abendblatt zufolge gesagt haben. Zehntausende Menschen haben den Link auf Facebook und Twitter geteilt. Doch die reale Empörung fußt auf Fake News: Das Kölner Abendblatt gibt es gar nicht, die Satiriker von "Die Partei" haben Gauland das Zitat in den Mund gelegt.

Dieses Beispiel bestätigt eine Yale-Studie. Linke und Rechte sind gleichermaßen anfällig für Fake News. Die "Bullshit-Empfänglichkeit", wie es die Forscher nennen, hänge eher damit zusammen, ob Nutzer bereit sind, kritisch und analytisch zu denken. "Erst Denken, dann Teilen" gilt also für alle Menschen, egal wen sie am Sonntag wählen.

Psychologie Wie bekommt man Fake News aus den Köpfen?

Psychologie

Wie bekommt man Fake News aus den Köpfen?

Psychologen arbeiten sich an dieser Frage ab und haben deprimierend wenige Antworten. Immerhin aber können sie erklären, wieso sich manche Falschinformationen so hartnäckig im Hirn festhaken.   Von Sebastian Herrmann