"Fall Lisa" Eine Nacht beim Freund

In mehreren Städten demonstrierten in der vergangenen Woche Hunderte Russlanddeutsche gegen Flüchtlinge.

(Foto: Hannibal Hanschke/Reuters)

Das als vermisst gemeldete russlanddeutsche Mädchen traute sich nicht nach Hause - wegen Problemen mit der Schule.

Von Jens Schneider, Berlin

Der Fall der angeblichen Vergewaltigung eines 13-jährigen russlanddeutschen Mädchens aus Berlin-Marzahn ist offenbar aufgeklärt. Die Staatsanwaltschaft hat ermittelt, dass es die fragliche Nacht bei einem Freund verbracht hat. Das habe die Rekonstruktion der Handy-Daten ergeben, hieß es. Der Mann habe zudem bestätigt, dass das Mädchen bei ihm gewesen sei. Gegen ihn werde nicht ermittelt, weil es keinen Verdacht auf eine Straftat gebe. Es heißt, das Mädchen habe sich wegen Schulproblemen nicht nach Hause getraut.

Die 13-Jährige war am 11. Januar vermisst gemeldet worden und für 30 Stunden verschwunden. Nach seiner Rückkehr war von einer Entführung und Vergewaltigung durch eine Gruppe südländisch aussehender Männer berichtet worden. In Berichten vor allem im Internet und in russischen Medien richtete sich dieser Verdacht gegen Flüchtlinge. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten aufgrund ihrer Erkenntnisse klar widersprochen und eine Entführung sowie eine Vergewaltigung ausgeschlossen.

Der Fall hatte in den vergangenen Tagen Verstimmungen zwischen Berlin und Moskau ausgelöst. Der russische Außenminister Sergej Lawrow warf den deutschen Ermittlern vor, die Hintergründe der Straftat zu vertuschen. Am Freitagnachmittag telefonierten Lawrow und der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) miteinander. Es sei in dem Gespräch um "aktuelle Aspekte der russisch-deutschen Beziehungen" gegangen, hieß es in Moskau. Mehr wollten beide Seiten dazu nicht sagen. Das Mädchen gehört einer russlanddeutschen Familie an und hat offenbar die deutsche und die russische Staatsangehörigkeit. In mehreren Städten demonstrierten in der vergangenen Woche Hunderte Russlanddeutsche gegen Flüchtlinge und bekundeten Angst vor Übergriffen auf Kinder.

Berliner Innensenator kritisiert "Propaganda" aus Moskau

Der Fall ist aber noch nicht abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit noch gegen zwei in Berlin geborene Männer, die das Mädchen bereits mehrere Monate gekannt haben soll. Die beiden sollen in der Zeit vor ihrem Verschwinden sexuelle Kontakte zu der 13-Jährigen gehabt haben.

Weil sie jünger als 14 Jahre ist, wäre das strafbar. Der Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) nahm die Ermittlungsergebnisse zum Anlass für eine heftige Reaktion auf die Kritik aus Moskau. "Die neuen Entwicklungen entlarven deutlich die Propaganda, die in den letzten Tagen mit diesem Fall verbunden war", sagte Henkel.