Handynetze im Test Telefonieren im Zug bleibt eine Qual

Resigniert bis genervt: Ein weit verbreiteter Gesichtsausdruck unter Menschen, die versuchen, im Zug mobile Daten zu übertragen.

(Foto: dpa-tmn)
  • Die Telekom bietet das beste Handynetz, Vodafone folgt knapp dahinter. O2 kann den Abstand zur Konkurrenz verringern.
  • Zu diesem Ergebnis kommen Connect und Chip, die unabhängig voneinander Mobilfunknetze vergleichen.
  • Vor allem in Städten bieten alle drei Provider gutes Netz. Auf dem Land fällt O2 deutlich ab, in der Bahn sind auch Telekom und Vodafone mies.
  • Wer in einer Großstadt wohnt, kann mit einem O2-Vertrag Geld sparen.
Von Simon Hurtz

Der Deutsche meckert gern. Nicht nur über das Wetter (zu nass) und die Bahn (zu spät), sondern auch über das Internet: zu langsam. Und er hat ja recht: In Spanien scheint die Sonne öfter, in der Schweiz kommen die Züge pünktlicher, und in Südkorea fließen die Bytes schneller.

Doch während der Breitbandausbau in Deutschland lahmt, sind zumindest die Handynetze besser als ihr Ruf. Zu diesem Ergebnis kommen jedenfalls die Zeitschriften Connect und Chip. Beide vergleichen unabhängig voneinander Abdeckung und Qualität der Mobilfunknetze der drei großen Anbieter. Die Tester legen jeweils Zehntausende Kilometer in Auto und Bahn zurück, laufen telefonierend durch Großstädte und versuchen, auf dem Land zu surfen.

Die Zeitschriften rühmen sich ihrer aufwendigen, praxisnahen und statistisch belastbaren Methoden. Chip vergibt Schulnoten bis auf die zweite Nachkommastelle, Connect hat ein komplexes System aus Punktzahlen und Prozentsätzen entwickelt. Die exakten Werte dürften für die meisten Nutzer keine Rolle spielen, wohl aber die grundlegenden Aussagen. In dieser Hinsicht sind sich die beiden Zeitschriften fast überall einig:

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  • Telekom liegt vor Vodafone, O2 abgeschlagen auf Platz drei. So war es 2017. Und 2016. Und 2015. Diesmal ist es enger geworden. Die Reihenfolge bleibt gleich, aber O2 holt erstmals kräftig auf. Chip sieht die Telekom nur knapp vorn, Connect ermittelt einen etwas deutlicheren Vorsprung zu Vodafone. Aber beide sind sich einig, dass sich O2 im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesteigert hat. Das hängt damit zusammen, dass die Integration des E-Plus-Netzes 2014 von O2 nahezu abgeschlossen ist.
  • Vor allem in Großstädten kann O2 mithalten. Das Unternehmen hat sich offenbar auf diese besonders wichtigen Märkte mit vielen potenziellen Kunden konzentriert. Zwar dauert der Gesprächsaufbau etwa anderthalb Sekunden länger als bei der Konkurrenz, aber nur wenige Telefonate brechen ab, und die Sprachqualität ist kaum schlechter als bei Telekom und Vodafone. Dasselbe gilt für die Geschwindigkeit beim Surfen: nicht ganz auf dem Niveau der Konkurrenz, aber schnell und zuverlässig genug, um sich nicht ständig darüber ärgern zu müssen.
  • Chip hat Detail-Ergebnisse für fünf Großstädte veröffentlicht. In Berlin und Köln liegt die Telekom knapp vor Vodafone, in Frankfurt ist der Vorsprung größer. Hamburg und München sind dagegen Städte, in denen Vodafone-Kunden - zumindest laut Test - am besten telefonieren und surfen. Dort kommt auch O2 auf sehr gute Ergebnisse, während es in Berlin und Köln nur zu guten Gesamtnoten reicht. Besonders groß ist der Rückstand in Frankfurt, hier stört sich Chip vor allem an den teils niedrigen Datenraten im O2-Netz.
  • Auf dem Land und in kleineren Städten stellt O2 dagegen nach wie vor keine gleichwertige Alternative dar. Connect und Chip bemängeln unisono die spürbar schlechtere Netzabdeckung und häufige Verbindungsabbrüche. Telekom- und Vodafone-Kunden können auch in ländlichen Regionen meist mit LTE surfen, das O2-Netz hat hier Nachholbedarf. Das macht sich auch in der Sprachqualität bemerkbar: Wer im LTE-Netz telefoniert, ist besser zu verstehen und kann seinen Gesprächspartner deutlicher hören. O2-Kunden müssen abseits der großen Städte oft darauf verzichten.
  • Das Gleiche gilt für Landstraßen und Autobahnen, wobei die Telekom dort in allen Kategorien teils deutlich vorne liegt: Up- und Downloads sind am schnellsten, Telefonate brechen vergleichsweise selten ab. Vodafone folgt mit einigem Abstand auf Platz zwei, O2 ist abgeschlagen Letzter.
  • In der Bahn gelten andere Regeln: Für Zugreisende gibt es immer noch keine wirklich gute Wahl. Am wenigsten Ärger macht Vodafone, das knapp vor der Telekom liegt und von Chip immerhin eine befriedigende Gesamtnote erhält. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich allerdings kaum etwas verbessert. "Beim Internet in der Bahn bleibt in Deutschland also noch sehr viel zu tun", schreibt Connect. Die Schweiz zeigt, dass es besser geht: Dort können Bahnreisende fast so zuverlässig surfen wie in Städten.

Wer einen neuen Mobilfunkvertrag abschließen will, kann aus diesen Ergebnissen mehrere Schlüsse ziehen:

  • Man bekommt, was man bezahlt. Das Telekom-Netz ist die Nummer eins - das gilt aber auch für den Preis. Wer in einer Großstadt wohnt und selten auf stabiles Netz in ländlichen Regionen angewiesen ist, kann sich den Aufpreis möglicherweise sparen. Bei Vodafone kosten vergleichbare Verträge rund zehn Euro weniger pro Monat, O2 ist noch mal günstiger.
  • Das größte Einsparpotenzial liegt woanders: Für alle Netze gibt es zahlreiche Discounter, die Netz-Infrastruktur der drei Provider anmieten. Sie bieten vergleichbare Verträge für einen Bruchteil des Geldes, nur der Service ist oft noch schlechter als bei Telekom, Vodafone und O2. Eine Telefonie-Flatrate mit mehreren Gigabyte Datenvolumen und EU-Roaming kostet im O2-Netz teils weniger als zehn Euro pro Monat.
  • Einige Discounter tricksen allerdings: Sie enthalten Kunden das LTE-Netz vor, das in den meisten Regionen deutliche Geschwindigkeitsvorteile bringt und bessere Sprachqualität bietet. Teils schließen sie auch EU-Roaming aus, das Smartphone lässt sich im Ausland dann nur noch im Wlan oder als Kamera nutzen. Solche "National-Tarife" sind für viele Nutzer keine gute Wahl.
  • Relativ unwichtig ist dagegen die maximale Datenrate. Theoretisch sind Übertragungsgeschwindigkeiten von mehreren Hundert Mbit/s möglich - dann ist das monatliche Datenvolumen aber auch in wenigen Minuten aufgebraucht. Solange der Vertrag LTE beinhaltet, reicht die Geschwindigkeit für fast alle Anwendungsszenarien aus. Schließlich surft immer nur ein Nutzer. Der Breitbandanschluss zu Hause muss dagegen oft für mehrere Menschen reichen, die gleichzeitig Netflix streamen, Videotelefonieren oder auf Cloud-Speicher zugreifen.
  • Verglichen mit anderen Ländern, sind Mobilfunkverträge in Deutschland noch immer relativ teuer. Die Preise sinken aber stetig. Deshalb kann es sich lohnen, einen Vertrag abzuschließen, der sich monatlich kündigen lässt, um im Falle eines deutlich besseren Angebotes wechseln zu können. Auf jeden Fall empfiehlt es sich, Verträge mit längerer Laufzeit rechtzeitig zu kündigen. Meist bieten die Anbieter dann von sich aus günstigere Konditionen an, um keine Kunden zu verlieren.
  • Wer im kommenden Jahr einen Vertrag abschließt, kann 5G getrost ignorieren. Darüber wird zwar gerade ständig geredet, weil im Frühjahr die Frequenzen des neuen Mobilfunkstandards versteigert werden. Bislang gibt es aber weder 5G-Tarife noch 5G-Smartphones. Bis der Standard bei Nutzern ankommt, wird es noch einige Jahre dauern.

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