Süddeutsche Zeitung

Der Facebook-Faktor:"Diese menschenverachtenden Postings machen mir zu schaffen"

Wähler der sieben großen Parteien erzählen, wie sie Facebook nutzen, was sie vom Niveau der Kommentare halten und ob soziale Medien ihre Wahlentscheidung beeinflussen.

Protokolle von Deniz Aykanat, Mirjam Hauck, Simon Hurtz, Antonie Rietzschel und Marvin Strathmann

Zwei Milliarden Menschen sind mittlerweile bei Facebook. Das Netzwerk ist für viele Teil des Alltags, sie nutzen es zur Unterhaltung, aber auch als Informationsquelle, als Diskussionsplattform und um sich - gerade zur Wahl - politisch eine Meinung zu bilden. Die SZ hat sieben Wählerinnen und Wähler aus verschiedensten politischen Richtungen befragt: Sie stehen jeweils einer der Parteien nahe, die aller Voraussicht nach im Herbst in den Bundestag einziehen werden. Wie nehmen sie Politik auf Facebook wahr? Wie politisch sind ihre Timelines - stecken sie in einer Filterblase? Und wie prägt das soziale Netzwerk ihre politische Haltung?

Facebook-Faktor: In der Echokammer

Deutschland vor der Wahl: Facebook ist zu einem entscheidenden Faktor geworden. Wie wird dort Politik gemacht, wie sehen die Facebook-Welten von rechts bis links aus? Die SZ wirft einen Blick in die Echokammern der politischen Lager - lesen Sie hier alle Texte zum Thema.

Gibt es (m)eine Filterblase?

"Ich sehe schon die Tendenz zu einer Echokammer. Viele Menschen wollen eben unter sich sein. Aber alles, was ich poste, ist öffentlich, nicht nur für Freunde. Und dann melden sich auch Kritiker, die mich direkt anschreiben oder über andere Wege. So hat man da auch eine Auseinandersetzung." Ralf-Dieter Brunowsky, FDP-Mitglied mit Sympathien für die CDU

"Meine Timeline ist wie meine politische Einstellung: Mitte-rechts. Was man likt, wird einem auch angezeigt. Es wird oft negativ dargestellt, dass die Timeline so beeinflusst wird, aber ich sehe das absolut positiv, denn ich will ja genau das angezeigt bekommen. Ich habe zwar vor allem rechte, aber eben auch linke Freunde in meiner Liste. Und ich schaue mir gezielt an, was SPD und Linke so posten. So bekomme ich die Informationen von beiden Seiten. Für mich ist das ausgewogen genug." Anton Koppenhofer, CSU-Mitglied

"Es gibt bei Facebook auf jeden Fall eine Filterbubble. Wenn ich mir mal meine aktuelle Timeline anschaue: Die ersten drei Beiträge stammen von Genossinnen. In einem steht: 'Die Linke ist einfach die geilste Partei überhaupt'. Der andere thematisiert Polizeigewalt. Klar, darunter kommen auch Beiträge von Kommilitonen, aber zumindest in dem einen geht es um die Flüchlingsrettungsmission Sea Watch. Und das ist ja auch wieder ein linkes Thema." Jonas Kath, Mitglied Die Linke

Wie sieht es in den Echokammern der Parteien aus?

Mit diesem Tool können Sie sich selbst in den politischen Echokammern umschauen. Wählen Sie dazu per Klick auf den Pfeil rechts oben zwei Parteien aus. Die Timelines aus deren Milieu werden Ihnen dann im direkten Vergleich präsentiert. Wie wir diese Feeds konstruiert haben, lesen Sie hier.

Hinweis der Redaktion: Mit dem Jahreswechsel 2017/18 werden die Nachrichtenfeeds der einzelnen Parteien nicht mehr aktualisiert. Ein Vergleich zurückliegender Posts bleibt aber weiterhin möglich.

Bei den in den jeweiligen Feeds angezeigten Posts handelt es sich nicht um Inhalte der SZ Digitale Medien GmbH, sondern um Posts, die von den dort angegebenen Urhebern im sozialen Netzwerk Facebook veröffentlicht wurden. Die SZ Digitale Medien GmbH distanziert sich hiermit ausdrücklich vom Inhalt der Seiten Dritter. Die dort gezeigten Inhalte entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung der SZ Digitale Medien GmbH. Die SZ Digitale Medien GmbH ist nicht verantwortlich i. S. von § 55 Absatz 2 RStV. Posts mit beleidigenden, diskriminierenden oder sonstigen strafrechtlich relevanten Inhalten können Sie uns über das Flaggen-Icon am oberen Rand jedes Beitrags melden.

"Natürlich sehe ich mehr Links zu Artikeln, die meiner politischen Meinung entsprechen. Ich umgebe mich im echten Leben ja auch eher mit Gleichgesinnten. Als Echokammer würde ich meine Facebook-Timeline aber nicht bezeichnen. Zumindest ist sie nicht schalldicht: Aus dem Studium habe ich noch etliche Bekannte, die bei den Jusos oder der Grünen Jugend aktiv sind. Deren Posts sehe ich zwar seltener, aber für mich reicht das an Ausgewogenheit." Annika Kramer, AfD-Wählerin

"In meiner Facebook-Welt sind viele Positionen und Haltungen vertreten. Einerseits zum Beispiel der CSU-Bürgermeister von Brunnthal, der zugleich CSU-Ortsvorsitzender ist - und die Vorsitzende der örtlichen Frauenunion. Einige Autoren, mit denen ich befreundet bin, tendieren meist eher nach links, es gibt aber auch rechte Tendenzen darunter. Da fehlt mir bei manchen das gesunde Mittelmaß in beide Richtungen." Bettina Sprenzel, FDP-Wählerin

"In meiner Timeline gibt es vor allem Kunst, Politik, Naturschutz und Umwelt. Manchmal tauchen auch ganz unpassende Sachen auf. Ich habe mal eine Petition unterschrieben, die nannte sich 'Volkspetition' und ich habe erst im Nachhinein begriffen, dass sie von einer rechten Organisation war. Dadurch kommen ab und zu immer noch rechte Inhalte auf meine Seite, obwohl ich das abbestellt habe. Dass ich darauf reingefallen bin, kann ich mir bis heute nicht verzeihen." Claudia Jacobs, Mitglied Bündnis 90/Die Grünen

"Ich habe keine Lust mehr auf analoge Medien"

Welche Bedeutung hat Facebook für Sie?

"Ich bin täglich auf Facebook. Ich sitze im Rollstuhl und bin deshalb nicht so oft draußen, wie ich gerne möchte. Die Dinge, die ich nicht draußen begleiten kann, verfolge ich dann eben bei Facebook. Wenn zum Beispiel Demonstrationen sind, kann ich mich dort einlesen, statt direkt auf der Straße teilzunehmen." Claudia Jacobs, Mitglied Bündnis 90/Die Grünen

"Ich nutze fast ausschließlich Facebook als Nachrichtenquelle. Denn darüber erhalte ich alle möglichen Beiträge verschiedener Medien. Facebook nutze ich etwa drei, vier Stunden am Tag. Das nimmt bei mir so viel Zeit ein, dass ich analoge Medien nur noch als schmückendes Beiwerk bei Gelegenheit lese." Anton Koppenhofer, CSU-Mitglied

"Ich bin schon lange bei Facebook und nutze es vor allem für die Kontaktpflege. Ich kann es aber manchmal nicht lassen, mich an Diskussionen zu beteiligen, und bereue es dann auch gleich wieder. Ich stelle immer wieder fest, dass gegen Dummheit kein Kraut gewachsen ist." Renate Hilberg, SPD-Mitglied

"Auf Facebook schreibe ich vor allem Nachrichten. Manchmal poste ich auch selbst etwas. Ich schreibe über Begebenheiten, die mich in der analogen Welt aufgeregt haben. Da bin ich nämlich mit Leuten aus verschiedenen politischen Milieus konfrontiert. Durch mein Medizinstudium bin ich derzeit viel im Krankenhaus und dort regen sich die Patienten zum Beispiel über Pflegekräfte aus dem Ausland auf." Jonas Kath, Linken-Mitglied

"Ich bin seit sieben Jahren bei Facebook. Ich finde die sozialen Medien toll, sie werden zu Unrecht verteufelt, ich habe darüber viele andere Roman-Autoren kennengelernt. Und ich like sehr viele Seiten, um mich zu informieren. Ich habe den Christian Lindner gelikt, den Kubicki, auch den Söder, den Seehofer, den Aiwanger, den Kurz aus Österreich und die FDP in allen möglichen Bundesländern. Ich finde die Unterschiede in den Bundesländern sehr interessant. In NRW ist das Thema Sicherheit und Wirtschaftskraft noch einmal ein ganz anderes Thema als bei uns in Bayern." Bettina Sprenzel, FDP-Wählerin

"Für mich sind soziale Medien wichtig, um mir eine Meinung zu bilden, vor allem bei politischen Themen. Ich habe den Eindruck, dass die großen Medien da kein vollständiges Bild zeichnen. Ich glaube nicht an die große Verschwörung, aber ab und zu werden da schon Dinge verschwiegen. Ich würde es nicht 'Lügenpresse' nennen, 'Lückenpresse' trifft es besser. Facebook hilft mir, um Nachrichten zu entdecken, die Mainstream-Medien nicht aufgreifen." Annika Kramer, AfD-Wählerin

"Mit welchem Hass manche Leute dort zugange sind ..."

Wie wird auf Facebook kommentiert und diskutiert?

"Bei Facebook kommentieren oft die, die sich im wahren Leben nicht politisch äußern. Wenn ich bei der CSU oder der FDP einen Kommentar setze, dann passiert das mit meinem richtigen Namen, weil ich dafür einstehe. Ich finde es wichtig, dass man sich politisch äußert und natürlich auch zur Wahl geht. Das sage ich auch meinen Kindern." Bettina Sprenzel, FDP-Wählerin

"Facebook-Kommentare sind kein Ponyhof. Natürlich geht es da manchmal zur Sache. Aber das ist am Stammtisch doch nicht anders. Wenn Leute glauben, dass sie unter sich sind, dann lassen sie halt auch mal die Sau raus. Ein paar wütende Kommentare sind doch allemal besser als echte Beleidigungen oder Drohungen. Ich glaube, dass soziale Medien als Ventil dienen, um sich abzureagieren. Dass sich Menschen dort radikalisieren, kann ich mir nicht vorstellen." Annika Kramer, AfD-Wählerin

"Man muss andere Meinungen akzeptieren, aber definitiv nicht gutheißen. Und das ist auch das Schwierige an Facebook, dass es sofort ins Persönliche geht. Da halte ich mich dann raus." Anton Koppenhofer, CSU-Mitglied

"Es passiert bei einer Tageszeitung nicht, dass Tausende Menschen über einen herfallen. So einen Shitstorm hat man nur in sozialen Medien. Durch die virale Verbreitung können in ganz kurzer Zeit Fake News verbreitet werden. Das hat man ja auch professionell zur Desinformation genutzt, wie die Russen im Fall Lisa." Ralf-Dieter Brunowsky, FDP-Mitglied mit Sympathien für die CDU

"Diese menschenverachtenden Postings machen mir schon zu schaffen. Mit welchem Hass manche Leute dort zugange sind - vor allem gegenüber Menschen, die vom Namen her ausländisch klingen. Ich schalte mich in Diskussionen ein, wenn offensichtlich falsche Dinge dastehen. Ich bohre nach und frage, woher jemand überhaupt seine Informationen hat." Claudia Jacobs, Mitglied Bündnis 90/Die Grünen

"In meinem Privatleben und auf der Arbeit führe ich keine politischen Diskussionen, bei Facebook schon. Man kann Freundschaften riskieren, wenn man auf Leute trifft, die anderer Meinung sind und nicht diskutieren wollen. Im Internet bin ich mit Klarnamen unterwegs - nicht hinter Pseudonym versteckt - und da geht es, was die Politik betrifft, viel intensiver zu als im analogen Leben." Renate Hilberg, SPD-Mitglied

"Ich lese auch die Posts von AfD-Anhängern"

Welche Rolle spielt Facebook vor der Wahl?

"Nein, ich glaube, Facebook beeinflusst meine Wahlentscheidung nicht. Die SPD war schon immer meine Partei. Mir dient Facebook dazu, mich zu informieren - auch, um argumentieren zu können. Wenn ich auf die Straße gehe mit einem SPD-Wahlkampfstand und von Bürgern angesprochen werde, dann möchte ich vernünftig argumentieren können." Renate Hilberg, SPD-Mitglied

"Ich glaube nicht, dass Facebook die Bundestagswahl entscheiden kann. Der persönliche Kontakt der Politiker mit den Menschen ist viel wichtiger. Aber natürlich kann man dort seine Meinung verbreiten und ohne Zeitverzug Nachrichten teilen." Anton Koppenhofer, CSU-Mitglied

"Ich finde die Posts von Christian Lindner sehr ansprechend. Wer von uns ist kein Selbstdarsteller? Meine Wunschkoalition nach der Wahl ist Schwarz-Gelb, und Lindner kann ich mir gut als Wirtschaftsminister vorstellen. Ich finde viele Positionen der FDP gut, zum Beispiel dass man die Leistungsbereitschaft nicht durch höhere Steuern mit unsinnigen Umverteilungsplänen abwürgen will." Bettina Sprenzel, FDP-Wählerin

"Ich weiß jetzt schon, dass ich im September zum ersten Mal für die AfD stimme. Aber das hätte ich auch ohne Facebook-Account getan. Wobei, ganz so sicher bin ich mir dann doch nicht. Vielleicht wäre die AfD ohne Facebook auch niemals so erfolgreich geworden. Für uns sind soziale Medien definitiv ein Glücksfall. Politiker können direkt mit ihren Wählern kommunizieren, Journalisten sind plötzlich hilflos. Das finde ich schon super." Annika Kramer, AfD-Wählerin

"Meine Quellen auf Facebook sind bunt gemischt. Es nutzt mir ja nichts, wenn ich nur Argumente von den Grünen lese und gar nicht mitbekomme, was es noch für andere Argumente gibt. Wenn ich zufällig auf Posts von AfD-Anhängern treffe, dann lese ich die und ich forsche nach und schaue mir deren Profile an. Ich muss ja auch wissen, was CDU, SPD, FDP und so weiter zu sagen haben. Sonst kann ich ja nicht dagegenhalten. Dafür braucht man ein breitgefächertes Wissen." Claudia Jacobs, Mitglied Bündnis 90/Die Grünen

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