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Apple:App verbreitet Verschwörungstheorien - und schafft es in die Top 10

QAnon

Auf dieser Seite finden die QAnon-Anhänger ihre tägliche Dosis Verschwörungstheorie.

(Foto: Screenshot)
  • Mit der App "QDrops" können rechte Trump-Anhänger eine Verschwörungstheorie mitverfolgen.
  • Monatelang steht sie in den App-Charts. Erst am vergangenen Sonntag wurde die App gelöscht.
  • Anhänger der QAnon-Theorien glauben, dass Hillary Clinton ein Pädophilen-Netzwerk betreibt und die Air Force One von Donald Trump abschießen lassen wollte.

Von Simon Hurtz

Barack Obama und Hillary Clinton haben einen geheimen 16-Jahres-Plan entwickelt, um die USA zu zerstören. Im Verborgenen arbeiteten sie daran, ein totalitäres Regime zu etablieren. Nur der Wahlsieg von Donald Trump hat die Amerikaner davor bewahrt. Eliten aus Hollywood, den Geheimdiensten und der Demokratischen Partei wollten seine Air Force One abschießen lassen. Jetzt müssen Trumps Gegner nach Guantanamo.

Das klingt nicht nur wie eine Verschwörungstheorie, das ist auch eine.

Aber der Unsinn, der so absurd ist, dass ihn niemand glaubt, muss noch erfunden werden. Seit Herbst des vergangenen Jahres verbreiten rechte Trump-Anhänger diese hanebüchenen Theorien. Es sind mehr als nur eine Handvoll Verrückter: Einflussreiche Journalisten und Prominente wie Fox-News-Moderator Sean Hannity, Alex Jones von der rechten Webseite Infowars und Schauspielerin Roseanne Barr verschafften der "QAnon"-Szene Aufmerksamkeit. Der Name geht auf einen Nutzer zurück, der sich Q nennt und behauptet, über vertrauliche Informationen zu verfügen.

Aber auch Apple und Google halfen indirekt mit. Wie NBC News berichtet, war eine App namens QDrops monatelang im App-Store zu finden, ohne dass Apple eingriff. Für 99 Cent konnte man sie herunterladen und sich über jedes "neue" Detail der Verschwörungstheorie informieren lassen. Erst am vergangenen Sonntag entfernte Apple die App, nachdem die Journalisten das Unternehmen mit ihren Recherchen konfrontiert hatten. Im Google Play Store lässt sich QDrops nach wie vor herunterladen. 500 Downloads und 20 Bewertungen deuten allerdings darauf hin, dass die App unter Android keine große Rolle spielte.

Ganz im Gegensatz zur iPhone-Version: Auswertungen der Analyse-Firmen Appannie und APPlyzer zufolge gelangte QDrops am 15. April in den App-Store. Ende April war die Anwendung in den USA auf Platz 10 der erfolgreichsten kostenpflichtigen Apps. In der Kategorie "Entertainment" hielt sich QDrops den gesamten Mai über in den Top 20, stürzte dann kurz ab und war Mitte Juni wieder in den Top 10 zu finden. Auch in Deutschland zählte QDrops Mitte Mai zu den zehn erfolgreichsten Entertainment-Apps. Die genaue Zahl der Downloads und aktiven Nutzer lässt sich nicht rekonstruieren.

Apple und Google kassieren jeweils 30 Prozent des Kaufpreises. Ungewollt verdienen sie also daran mit, dass eine App politische Verleumdungen verbreitet. Das widerspricht Apples Grundsätzen: "Wir glauben nicht, dass zur Meinungsfreiheit auch Hatespeech gehört", sagte Apple-Manager Eddy Cue im März. Wenig später bekräftigte Apple-Chef Tim Cook: "Wir überprüfen jede App sorgfältig, und wir sind nicht der Ansicht, dass es zur Meinungsfreiheit gehört, dass jeder reinkommt." Apple sei in dieser Hinsicht wie der Laden an der Ecke: Was der Verkäufer dort anbiete, sage auch etwas über ihn selbst aus. Im Gegensatz zu Google und Facebook war Apple bislang stärker bemüht, verleumderische oder volksverhetzende Inhalte herauszufiltern. Die strikten Zugangsbegrenzungen zum App-Store haben schon so manchen Programm-Entwickler zur Verzweiflung gebracht.

Verschwörungstheoretiker sind mehr als harmlose Irre im Netz

Verschwörungstheorien können reale und auch dramatische Folgen haben: Ende 2016 stürmte ein junger Mann eine Pizzeria in Washington und schoss um sich. Er hatte den gezielt gestreuten Falschmeldungen geglaubt, die unter dem Schlagwort #Pizzagate behaupteten, dass Hillary Clinton und ihr Wahlkampfleiter von dem Restaurant aus ein Pädophilen-Netzwerk betrieben.

Auch die QAnon-Anhänger begnügen sich nicht damit, in obskuren Foren über ihre Überzeugungen zu diskutieren. Eine Gruppe ehemaliger Soldaten namens "Veterans on Petrol" verlangte von der Polizei, ein Obdachlosen-Camp in Arizona zu räumen. Angeblich würden dort Kinder gezwungen, sich zu prostituieren. Obwohl es dafür keine Belege gibt, sahen Hunderttausende Menschen die Videos mit den Vorwürfen. Sie gehen auf die Pizzagate-Verschwörungstheorie zurück, die QAnon weitergesponnen hat.

Vergangenen Monat wurde ein bewaffneter Mann festgenommen, der auf einer Brücke an der Grenze von Nevada und Arizona den Verkehr blockierte. Er verlangte, den "OIG-Report" zu veröffentlichen, der angeblich Teile der QAnon-Theorien belege. Deren Unterstützer bauten Ende Juni eine riesige Plakatwand in Georgia auf, um mehr Menschen von der Theorie zu überzeugen. Zuvor war ein ähnliches Schild in Oklahoma entdeckt worden. Bei Trump-Kundgebungen tauchten ganze Familien mit QAnon-T-Shirts auf.

Die Entwickler wollen QDrops zurück in den App-Store bringen

Die beiden Eheleute, die aus Unsinn Geld gemacht haben, heißen Richard und Adalita Brown und wohnen in North Carolina. Als Eigentümer der Tiger Team Inc. haben sie die QDrops-Apps entwickelt. Auf Anfrage von NBC News wollten sie nicht sagen, wie viel sie damit verdient haben. Es scheint sich aber gelohnt zu haben: Anfang Mai suchte Richard Brown nach einem Android-Entwickler, der helfen solle, die iOS-App zu portieren. Diese sei so erfolgreich, dass jetzt auch Nachfrage nach einer Android-Version bestehe.

Der Rauswurf aus Apples App Store kommt da natürlich ungelegen. Daran sei der "Anti-Q-Artikel" von NBC News schuld, ist auf dem Twitter Account von QDrops zu lesen. Man arbeite mit Apple zusammen, um Bedenken auszuräumen und zurück in den App-Store zu kommen.

Manche QAnon-Anhänger würde das gar nicht freuen. Die Theorien dürften nur auf der Originalseite verbreitet werden, antwortete ein wütender Reddit-Nutzer den QDrops-Entwicklern, die dort ihre App bewarben. "Fahr zur Hölle dafür, dass du versuchst, damit zu verdienen, du Drecksack." (And get fucked trying to make money off this you sack of shit.)

© SZ.de/jab

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