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Religionsunterricht:Nein, das Schwein ist kein heiliges Tier im Islam

Was heißt nochmal halal? Christoph Carmesin betreibt Islam-Aufklärung in Sachsen-Anhalt.

(Foto: Illustration Jessy Asmus für SZ.de)

Nirgendwo gibt es so viele Ungläubige wie im Osten Deutschlands. Wie an einem Gymnasium in Sachsen-Anhalt Aufklärungsarbeit betrieben wird.

Wer im Deutschland nach Pisa noch so etwas wie Pennäler-Romantik erleben möchte, der kann nach Tangermünde in den Norden Sachsen-Anhalts fahren. Zwischen Bahnhof und Rathaus steht da ein Backsteinbau von 1896. An der Tafel wird noch mit Kreide geschrieben, das Motto der Abschlussklasse lautete "Abi looking for freedom", und in den Mädchentoiletten hat jemand nasse Papierhandtücher an die Decke gepappt, jetzt hängen sie dort wie verwaiste Wespennester. Am Diesterweg-Gymnasium, so scheint es, ist die Welt noch in Ordnung. So, wie sie beim feuerzangenbowlesaufenden Rühmann in Ordnung gewesen ist oder beim Lehrer Doktor Specht.

Nur dass sie hier eben doch ein bisschen mehr machen, als die Kids durchs Abitur zu schleusen und im richtigen Moment mahnend den Zeigefinger zu heben. Das Gymnasium darf sich "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" nennen. Über Monate haben Schüler und Lehrer Projekte vorangetrieben, Geld für antirassistische Initiativen gesammelt, Hefte, Stifte, Federmäppchen in eine Dorfschule nach Äthiopien geschickt. Nun gipfelt alles in einem großen Schulfest. Es gibt kein Klingelzeichen an diesem Tag, aber Marmorkuchen, dessen Konsistenz dem Namen alle Ehre macht, und Workshops zum Thema Rechtsextremismus, Asyl und Religion.

In Raum 201 wird der Sauerstoff knapp. Dreißig Schüler fläzen auf Hartplastikstühlen. Thema: "Islam und ich". Um Grundsätzliches soll es gehen, die fünf Säulen des Islam: öffentliches Glaubensbekenntnis, tägliches Gebet, Wohltätigkeit, Fasten während des Ramadan, Wallfahrt nach Mekka. Das sind die wichtigsten Regeln für Muslime. Den meisten Schülern in Tangermünde sind sie fremd.

Christoph Carmesin ist ein geduldiger Mann, Gott sei Dank. Als sie in der letzten Reihe beginnen, Papier einzuspeicheln und faustgroße Geschosse zu modellieren, zieht er nur die Augenbrauen hoch. Carmesin ist Islamwissenschaftler, steht nicht zum ersten Mal vor einer Klasse. Wöchentlich fährt er durch Sachsen-Anhalt und spricht mit Schülern über den Islam. Ob Gymnasium in Magdeburg oder Berufsschule in Quedlinburg, oft muss er ganz von vorn anfangen. Wann tragen Frauen Kopftuch? Was heißt halal, gibt es ihn überhaupt - den Islam?

Am Diesterweg-Gymnasium versucht Carmesin, das Eis zu brechen: "Schaut mich doch bitte mal genau an. Was schließt ihr aus meinem Äußeren?" Die Antworten gehen so:

Schüler 1: Ihre Brille verrät mir, dass Sie schlau sind. Und kurzsichtig.

Schüler 2: Sie haben nicht mehr so viele Haare. Sie sind also alt.

Schüler 3: Ihr Bart. Terroristen haben immer einen Bart.

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Worauf Carmesin hinauswill: Klischees sind Mist, beurteile dein Gegenüber nie allein nach dem Aussehen. Eigentlich kein zu hoher Anspruch, richtete er sich nicht an Schüler mitten in der Pubertät, jener unbarmherzigen Zeit voller Kajal- und Haargel-Exzesse. Aber immerhin kommen nun Fragen, Carmesin beantwortet sie mit der nötigen Ergebenheit: Nein, das Schwein ist kein heiliges Tier im Islam. Es heißt Allahu akbar nicht Aloha, und gebetet wird so: Richtung Mekka, mit der Stirn den Boden berührend, getrennt von den Frauen. Eifriges Nicken in der ersten Reihe, aus der letzten: "Wie beim Judo?" Ein Heidenspaß.

Und Heiden gibt es hier ja genug. Die malerische Altmark - Backsteingotik, Kopfsteinpflaster, Rentner auf Rädern - ist einer der gottlosesten Landstriche der Welt. Von den 10 500 Einwohnern Tangermündes, das hat die Volkszählung 2011 ergeben, gehören etwa 15 Prozent der evangelisch-lutherischen und um die drei Prozent der katholischen Kirche an. Der Rest ist konfessionslos.