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Interview am Morgen: Pandemie:"Schule so wie vor Corona kann es natürlich nicht geben"

SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach

Karl Lauterbach, 57, ist der Gesundheitsexperte der SPD und Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie an der Universität zu Köln.

(Foto: dpa)

Im neuen Schuljahr sollen Kinder wieder möglichst normal zum Unterricht gehen können. Der Mediziner Karl Lauterbach sagt: Das ist nicht gut vorbereitet.

Interview von Susanne Klein

Am vergangenen Montag ist Mecklenburg-Vorpommern ins neue Schuljahr gestartet - wenige Tage später mussten eine Grundschule und ein Gymnasium wegen Corona-Fällen wieder schließen. Nichts scheint sicher in dieser Phase der Epidemie, doch die Schulöffnungen gehen weiter, Hunderttausende Schüler aus vier Bundesländern kehren diese Woche aus den Ferien zurück - und die Nervosität steigt.

SZ: Herr Lauterbach, ist die Rückkehr zum sogenannten Regelbetrieb eine "Illusion", wie Ihre Parteivorsitzende Saskia Esken sagt - oder kann sie klappen?

Karl Lauterbach: Die ganz normale Schule so wie vor Corona kann es natürlich nicht geben. Aber es gibt einen Betrieb, der dem ähnelt. Dazu zählen dann allerdings die Abstände und die Maskenpflicht auf dem Weg zur Schule, auf den Gängen und dem Schulhof.

Die Debatte kreist vorrangig ums Maskentragen. Die Länder machen es mehrheitlich zur Pflicht, Nordrhein-Westfalen verlangt es sogar im Unterricht, Rheinland-Pfalz und Bayern auch in der Grundschule. Ist das wirklich nötig?

Bei älteren Schülern ist es sicher vertretbar, bei Grundschülern weiß ich nicht, wie stark es sie im Schulleben beeinträchtigt. Ob man es auch im Unterricht verlangt, hängt von den Infektionszahlen ab, Nordrhein-Westfalen hat ja hohe Zahlen. Ich bin ein Vertreter der Maskenpflicht, aber sie ist und bleibt eine Notlösung. Für Schüler ist das wirklich nicht schön.

Einige Länder verzichten ja darauf - aber um welchen Preis? Kita-Kinder wurden zuletzt beim kleinsten Schniefen heimgeschickt. Erwartet das auch Schüler?

Das kann passieren. Lässt man die Masken weg, müssen erkältete Kinder zu Hause bleiben. Aber Sicherheit gibt das nicht, da mit dem Coronavirus infizierte Kinder oft keinerlei Symptome zeigen. Sie bleiben unentdeckt. Gerade deshalb sollten in der Schule möglichst alle Masken tragen.

Aber wenn das nur eine Notlösung ist, wie Sie sagen: Was wäre der bessere Weg?

Wir wären gut beraten, schnellstmöglich eine kluge Teststrategie zu entwickeln. Schließlich kann man auch in Schulen Schnelltests machen.

Eine Strategie? Im Föderalismus kommen eher 16 Strategien dabei heraus.

Ein großes Durcheinander, die Länder handeln auf der Basis sehr unterschiedlicher Bewertungen. Zum Beispiel ist nicht überall klar, ob, wie oft und mit welchen Verfahren Lehrer und Schüler getestet werden. Wir sollten wieder zurückfinden zu einer deutschlandweiten, wissenschaftlich untermauerten und gut erklärten Strategie. Das ist uns unterwegs verloren gegangen.

Wie sähe so eine Strategie aus?

Das betrifft Tests, Abstände, Masken, Lerngruppengrößen und so weiter. Aber ich gebe hier keine Empfehlungen ab, das ist es doch gerade: Es gibt mittlerweile über 150 Studien zur Sicherheit von Schulen und der Übertragung von Sars-CoV-2 bei Kindern. Da muss man sich beraten und gemeinsam einen Kompromiss bei der Bewertung finden. Es müsste doch möglich sein, mithilfe der vielen guten Wissenschaftler, die wir haben, eine nationale Strategie zur Wiedereröffnung der Schulen vorzubereiten, auf die sich die Länder dann einigen.

Das Gegenargument ist stets, die Länder seien ungleich betroffen und würden daher besser unterschiedlich vorgehen.

Aber das stimmt so nicht mehr. In der jetzigen Pandemiephase treten die Neuinfektionen flächendeckend in ganz Deutschland auf. Daher kann ich dem Argument nicht folgen. Eine gute Strategie für alle wäre dem Flickenteppich aus mal mehr, mal weniger schlüssigen Konzepten vorzuziehen. Nicht zuletzt, weil man sie gezielt umsteuern kann, wenn sie nicht funktioniert.

Stattdessen sollen in einigen Ländern die Schulen selbst über die Maskenpflicht entscheiden. Noch mehr Flicken im Teppich.

Das können die gar nicht leisten. Es ist nicht möglich, dass jede Schule für sich die komplexe wissenschaftliche Literatur auswertet. Das dürfte kaum über das Niveau von "Jugend forscht" hinausgehen. Nein, wir sollten uns wie am Anfang der Epidemie in Berlin mit den Spezialisten zusammensetzen und auf der Grundlage einer gut zusammengefassten Evidenzlage ein Konzept finden. Und zwar schleunigst. Das macht ein, zwei Tage Arbeit, aber das müssen uns die Schüler wert sein.

In einem sind sich immerhin alle einig: Der Mindestabstand trennt jetzt nicht mehr einzelne Schüler, sondern nur noch Schülergruppen. Kann das gut gehen?

Das wissen wir noch nicht. Mir wäre wohler, wenn die Einzelabstände gewahrt blieben. Denkbar wäre zum Beispiel, dass wechselweise eine halbe Klasse im Klassenraum lernt und die andere Hälfte zu Hause online am Unterricht teilnimmt.

Aber das ist im "Regelbetrieb" nicht vorgesehen. Man setzt auf die Kohorte, meist ein oder zwei Jahrgänge, die zu den anderen Kohorten Abstand halten.

Eine epidemiologische Kohorte im Schulbetrieb kann maximal eine Klasse sein, besser nur eine halbe. Daher muss auch unbedingt das klassenübergreifende Kurssystem pausieren. Wir werden zwangsläufig zu Isolationen kommen, aber die sind nur sinnvoll, wenn sie möglichst kleine Einheiten betreffen und man nicht gleich ganze Jahrgänge nach Hause schicken muss.

Was können wir alle tun, um die Schulen zu schützen?

Uns größte Zurückhaltung bei Festen und Großveranstaltungen auferlegen. Je mehr Ansteckungen wir außerhalb der Schule provozieren, desto mehr Schulen müssen schließen. Aber wir dürfen Schüler auf keinen Fall ein zweites Mal zu den Verlierern dieser Krise machen. Wir Erwachsenen müssen uns einschränken, um Platz zu machen für sie. Kein Recht auf Party, kein Geburtstag mit 50 Gästen, kein volles Fußballstadion. Je weniger Hintergrundgeschehen wir verursachen, desto sicherer machen wir unsere Schulen.

Lehrerinnen und Lehrer kritisieren, dass an jeder Kasse, an jedem Schalter Plexiglas hängt, nur nicht vor ihrem Pult. Wie können sie sich schützen?

In allererster Linie durch das Lüften. Ich höre ständig, dass Fenster in höheren Etagen nicht geöffnet oder nur gekippt werden können. Dafür fehlt mir jedes Verständnis. Acht Wochen Ferien müssen doch reichen, um Fenster entsprechend umzurüsten! Abstände sind auch sehr wichtig, aber wenn ich 30 Kinder unterrichte, davon ein, zwei mit hoher Viruslast, und ich kann nicht richtig durchlüften, dann bin ich trotz Abstand stundenlang gefährlichen Aerosolen ausgesetzt. Und mit FFP2-Maske kann ich ja schlecht unterrichten. Ohne Lüften geht es einfach nicht.

© SZ vom 10.08.2020
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