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Wasserkraft:An der Loisach entsteht das erste ökologische Wasserkraftwerk der Welt

Großweil Loisach Kraftwerk

Naturschützer kritisieren, dass das Projekt an der Loisach getestet wird und nicht an einem weniger sensiblen Fluss.

(Foto: Manfred Neubauer)
  • An der Loisach nahe Großweil entsteht das erste sogenannte Schachtkraftwerk.
  • Die Technologie wurde an der TU München entwickelt und soll umweltschonender sein als herkömmliche Wasserkraftwerke.
  • Trotzdem kommt Kritik von Naturschützern.

Es war ein gewiss großer Tag für Peter Rutschmann. Viele Jahre hat der Ingenieur, der an der TU München Professor für den Lehrstuhl Wasserbau und Wasserwirtschaft ist, an einem völlig innovativen Wasserkraftwerktyp geforscht: dem Schachtkraftwerk. Am Freitag war es so weit. An der Loisach nahe dem oberbayerischen Großweil fand der Spatenstich für das erste Schachtkraftwerk weltweit statt.

Wenn die Anlage fertiggestellt ist, wird sie mehr Strom produzieren als der 1500-Einwohner-Ort braucht. Aber das ist es nicht alleine: Sollte Rutschmann recht behalten, wird in Großweil das erste ökologische Wasserkraftwerk überhaupt stehen. Denn ein Schachtkraftwerk passt sich dem jeweiligen Fluss oder Bachlauf so optimal an wie bisher kein anderer Anlagentyp. Vor allem aber, so verspricht Rutschmann, schont es die Fischwelt.

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Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) setzt sehr auf die Technologie. "Es ist erklärtes Ziel der Staatsregierung, vorhandene Potenziale der Wasserkraft zu nutzen und umweltverträglich auszubauen", sagt Aigner. "Ich bin überzeugt von der neuen Technik. Sie verspricht eine optimale Verbindung von Wirtschaft und Umwelt." Wie Rutschmann erwartet sich Aigner von der Anlage in Großweil wichtige Erkenntnisse für eine breitere Anwendung. "Wenn das Kraftwerk an der Loisach funktioniert, sind Gewässerökologie, Fischschutz und Energieerzeugung gleichzeitig möglich", sagt sie. "Das ist unser bayerischer Weg: Fortschritt durch Innovation, auch und gerade in der Wasserkraft."

Schon rein optisch hat das neue Schachtkraftwerk nichts mit konventionellen Anlagen gemeinsam. Für Standard-Wasserkraftwerke wird der jeweilige Bach oder Fluss mit massiven Wehren aufgestaut, bevor das Wasser direkt oder über einen Kanal zum Maschinenhaus geleitet wird. Dort fließt es durch die Turbinen. Danach wird das Wasser in den Bach oder Fluss zurückgeleitet. Zwar sind Wasserkraftwerke sehr effizient, außerdem ist Wasserkraft eine erneuerbare Energie. Doch die Anlagen sind umstritten. Die Wehre sind unüberwindliche Hindernisse für Fische. Und in den Turbinen werden Millionen Fische regelrecht zerstückelt.

Rutschmanns Schachtkraftwerk verzichtet auf massive Wehre, Ausleitungen und Maschinenhäuser. Der Ingenieur verspricht, dass Natur und Landschaftsbild kaum beeinträchtigt werden. Die Turbinen liegen in einem Schacht unter dem jeweiligen Gewässer. Das Wasser fällt von oben auf sie herab und fließt gleich danach zurück in den jeweiligen Bach oder Fluss. Damit eignet sich die Technologie für den Einbau in kleine Wehre oder Schwellen, wie es sie zu Tausenden gibt in Bayerns Bächen und Flüssen.

Trotzdem sehen Naturschützer das Projekt kritisch

Außerdem verspricht Rutschmann, dass sein Schachtkraftwerk keine Gefahr für die Fischwelt ist. Denn ein Teil des Flusswassers fließt nicht in die Turbine, sondern überströmt die Anlage. Dadurch bleiben die Wanderwege des Fische flussabwärts erhalten. Flussaufwärts werden Fischtreppen oder andere Wanderhilfen errichtet. Gitter über den Zuläufen zu den Turbinen sollen verhindern, dass Fische in sie hineingeraten. Versuchen zufolge schwimmen Fische, die dennoch in die Turbinen geschwemmt werden, meist problemlos durch sie hindurch.

Dennoch prozessierten Naturschützer gegen das Projekt. Die Region bei Großweil ist wegen der einzigartigen Fischwelt in der Loisach ein Naturschutzgebiet von europäischem Rang. So ist der Fluss hier Lebensraum für die extrem seltene Mühlkoppe. "Wir sind nicht grundsätzlich gegen die neue Technik", sagt Axel Döring vom Bund Naturschutz (BN). "Aber es gibt so viele Wehre an weniger sensiblen Flüssen, die sich dafür bestens eignen." Die Verbände zogen aber die Klage zurück, als die Investoren strengere Naturschutzauflagen akzeptierten.

Dem Schachtkraftwerk an der Loisach sollen weitere folgen. Eine Investmentgesellschaft plant an der unteren Iller unterhalb von Illertissen acht solche Anlagen. Das Projekt ist ebenfalls umstritten. Zum einen führt die Iller laut BN nur zehn Prozent ihres eigentlichen Wassers. Die anderen 90 Prozent werden ausgeleitet - für Wasserkraftwerke. Zum anderen haben Umweltministerin Ulrike Scharf und ihr baden-württembergischer Kollege Franz Untersteller (Grüne) dieser Tage an der unteren Iller ein Renaturierungsprojekt für 70 Millionen Euro gestartet. "Die Pläne für die Schachtkraftwerke konterkarieren diese Bemühungen komplett", sagt ein BN-Sprecher. Deshalb klagt der BN gegen die Genehmigung des ersten Iller-Schachtkraftwerks.

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