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Wallerstein:Kein Muslim - kein Kandidat

In Wallerstein im Landkreis Donau-Ries lehnten Teile der CSU einen Muslim als Bürgermeisterkandidaten ab

In Wallerstein ist seit 2002 der parteifreie Joseph Mayer Bürgermeister. Einen Gegenkandidaten der CSU hat er bei der Wahl am 15. März nicht.

(Foto: Getty Images)
  • Sener Sahin sollte für die CSU im schwäbischen Wallerstein als Bürgermeisterkandidat antreten.
  • Doch die Basis lehnte den Unternehmer ab, der Muslim ist - er zog seine Kandidatur zurück.
  • Die CSU geht nun ohne eigenen Bürgermeisterkandidaten in die Kommunalwahl am 15. März.

Sener Sahin ist am Donnerstagabend lieber Fußballspielen gegangen. Er ist also gar nicht anwesend im Sportheim des SC Wallerstein, wo die örtliche CSU ihre Liste für den Gemeinderat aufstellt. Trotzdem ist er ständig präsent. Sahin ist ja nun der bekannteste Beinahe-Bürgermeisterkandidat Deutschlands, nachdem die CSU Wallerstein ihn erst nominieren wollte, er dann aber doch einen Rückzieher gemacht hat. Im Ort gab es Gerede: Ein Muslim, als Bürgermeisterkandidat der Christlich-Sozialen Union, das geht doch nicht. Und deshalb sitzen nun hier im Sportheim zwischen Pokalen und unter Holzkassetten an der Decke nicht nur 40 örtliche CSUler, wie das sonst so üblich ist bei solchen Versammlungen. Sondern auch der Kreisvorsitzende und CSU-Bundestagsabgeordnete Ulrich Lange und der Landtagsabgeordnete Wolfgang Fackler.

Ein bisschen was von ihrem Humor haben sie noch nicht verloren, trotz Spott und auch Bedrohungen im Internet, die der CSU-Ortsvorsitzende Georg Kling in den vergangenen Tagen über sich ergehen lassen musste. Wolfgang Fackler scherzt gleich einmal, dass er heute eigentlich der Aufstellungsversammlung im nahen Wolferstadt beiwohnen wollte. "Aber da ist es nicht so spannend wie hier." Wie spannend es ist, verdeutlicht Ulrich Lange. Der Mann sitzt seit zehn Jahren im Bundestag, ist dort stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion, er ist Verkehrsexperte, hat einen Diesel-Untersuchungsausschuss mitgemacht und muss sich mit der Mautdiskussion herumschlagen. "Aber so viele Journalisten, die mich plötzlich kannten, die ich aber nicht kenne, habe ich auch noch nicht erlebt", sagt er über die vergangenen Tage, in denen laut Fackler so etwas wie ein medialer Tsunami über den Ort gekommen war.

Es war aber auch eine bemerkenswerte Konstellation: 70 Leute hat der CSU-Ortsvorsitzende Georg Kling in den vergangenen sechs Monaten abgeklappert, um eine Liste für den Gemeinderat zusammenzustellen. "Das ist ja auch nicht mehr so einfach", betont er am Donnerstagabend noch einmal. Und dann findet er einen, der sich als Bürgermeisterkandidat aufstellen lassen will: 44 Jahre alt, Unternehmer, türkische Wurzeln, als Fußballtrainer ehrenamtlich engagiert, bestens vernetzt und integriert. Seine Frau ist evangelisch, sein Schwiegervater katholisch. Aber Leute im Ort und in der Partei störten sich daran, dass Sener Sahin Muslim ist, weil sich das nicht mit dem C in CSU vereinbaren lasse.

Als Ortsvorstand kann man da verzweifeln, der stand ja geschlossen hinter der Personalie. Als Bundes- oder Landtagsabgeordneter auch: "Wir hätten als Partei gezeigt, dass wir modern sind", sagt etwa Wolfgang Fackler; nun hat sich die Diskussion eher in die entgegengesetzte Richtung entwickelt. Es komme aber doch nur auf die Werte an, die ein Kandidat teilen müsse, auch Atheisten und Agnostiker seien willkommen. Und auch Lange wiederholt, was schon sämtliche CSU-Größen bis hinauf zu Ministerpräsident und Parteichef Markus Söder in den vergangenen Tagen betont haben: "In der CSU steht die Tür für jeden offen, der unseren Wertekompass teilt." Sahin hätte einen guten und geeigneten Kandidaten abgegeben, da ist sich Lange sicher. Er bedauert den Rückzug ausdrücklich.

Sener Sahin

Statt zur Nominierungsversammlung ist Sener Sahin am Donnerstagabend lieber Fußball spielen gegangen.

(Foto: Privat)

Die Parteispitze ist in solchen Fragen offenbar schon weiter als Teile der Parteibasis, vor allem auf dem Land, vor allem unter älteren CSU-Mitgliedern. Sachliche Diskussionen, sagt Lange, müssten ja möglich sein, er verurteile aber verletzende Äußerungen gegen Sahin. Wobei es in der örtlichen CSU schon auch Stimmen gibt, die Sahin vorwerfen, bereits beim ersten Gegenwind hingeworfen zu haben. Geschlossenen Rückhalt habe ja auch kaum ein anderer Kandidat. Der CSU-Ortsvorsitzende Kling hätte es durchgezogen mit Sahin, doch der wollte sich nicht mehr umstimmen lassen. Übrigens auch nicht von CSU-Generalsekretär Markus Blume, der ihn inmitten all der Aufregung extra angerufen hatte.

Nun will Kling die Diskussion beenden und sich wieder um Themen wie den Breitbandausbau, die Kita-Ausstattung und Neubaugebiete kümmern. 16 Kandidaten für die Gemeinderatsliste hat die CSU am Donnerstagabend nominiert, neben Sahin ist noch einer kurzfristig abgesprungen wegen all dem Ärger um den muslimischen Beinahe-Bewerber. Auf die Schnelle hat Kling zwei Ersatzkandidaten aufgetrieben. Einen Bewerber für das Amt des Bürgermeisters stellt die CSU dem parteifreien Amtsinhaber Joseph Mayer, der seit dem Jahr 2002 im Amt ist, nun aber nicht entgegen. Mayer wird ohne Gegenkandidat antreten, auch die anderen Parteien verzichten auf Bewerbungen. Mayer mache seine Sache gut, heißt es etwa aus der örtlichen SPD. Auf der Liste der CSU stehen nun zwölf Männer und vier Frauen. "Wir hätten auch gerne mehr Frauen gehabt, nur waren Kandidatinnen schwierig zu finden", sagt Kling. Das jedoch ist wieder ein anderes Thema.

© SZ.de/vewo/kast

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Von Florian Fuchs, Olaf Przybilla, Lisa Schnell und Wolfgang Wittl

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