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Augsburg:Der Übersetzer des Papstes

Vietnamesischer Übersetzer des Papstes Hong Lam Pham

Hong-Lam Pham hat lange bei der Caritas gearbeitet. Zum Abschied würdigte sie ihn als "Übersetzer des Papstes".

(Foto: Bernhard Gattner/oh)

Hong-Lam Pham kam 1980 als Flüchtling nach Bayern. Der gläubige Christ hat im Laufe der Jahre mehrere Werke Benedikts XVI. ins Vietnamesische übertragen.

Mit 35 Menschen zusammengekauert in einem sieben Meter langen und zwei Meter breiten Boot, so begann 1980 auf dem "Ostmeer" am Rande des Pazifiks Hong-Lam Phams neues Leben. Die See wurde rauer, Tanker fuhren achtlos an den Bootsflüchtlingen vorbei. "Dennoch fühlte ich mich geborgen, wie von einer höheren Macht getragen", sagt er.

Tatsächlich hielt ein Rettungsschiff für Flüchtlinge an: die Cap Anamur aus Deutschland. Nach der glücklichen Bergung kam Pham nach Bayern - zur Eingewöhnung ins Allgäu, dann nach Augsburg. Dort beginnt für ihn augenblicklich wieder ein neues Leben. Nach Jahren als Berater für Asylbewerber ist Pham in Rente gegangen - er, "der Übersetzer des Papstes", wie ihn die Caritas in Augsburg zum Abschied würdigte.

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Pham ist einer jener rund 1,6 Millionen Vietnamesen, die sich einst kleinen Booten anvertraut hatten, um der kommunistischen Herrschaft zu entkommen. Bei seiner Flucht im Jahr 1980 glaubte er noch, in spätestens zehn Jahren wieder nach Vietnam zurückkehren zu können. Nun, rund 38 Jahre später, schmiedet er in Augsburg Pläne für die Zeit nach dem Berufsleben. Es tun sich Freiräume auf. Die will er dafür nutzen, tiefer als bislang in die geistige Arbeit einzusteigen.

Insgesamt 26 Bücher hat Pham bereits aus dem Deutschen ins Vietnamesische übersetzt. Darunter auch zwölf grundlegende Werke des Theologen Joseph Ratzinger, den seit 2005 alle Welt als Papst Benedikt XVI. kennt. "Sein Buch ,Salz der Erde' hat mich von Anfang an gepackt", sagt Pham, und diese Faszination habe er teilen wollen - mit den Gläubigen aus seinem Kulturkreis. Der 65-Jährige ist Mitglied des Ständigen Ausschusses der Katholischen Laienbewegung Vietnams in der Diaspora.

In der Augsburger Caritas gilt Phams Fleiß als sprichwörtlich. Als er trotz eines mit Bravour abgeschlossenen Studiums der Soziologie, Psychologie und Politikwissenschaften in Augsburg lange Zeit keine Stelle fand, habe er freiwillig das Pfarrzentrum seiner Gemeinde geputzt. Endgültig voll war seine Terminplanung aber, nachdem er über die damalige Pfarrsekretärin auf eine freie Stelle bei der Caritas aufmerksam wurde: Nun kam er abends von seiner neuen Dienststelle in der Asylberatung nach Hause und saß wenig später bereits wieder am Schreibtisch, um Bücher zu übersetzen.

"Wenn ich etwas angefangen habe, kann ich nicht mehr loslassen", sagt er fast entschuldigend. Seinen Vater hätte es wohl gefreut, denn der hatte ihn einst für den Priesterberuf vorgesehen. Woraus aber nichts wurde. Hong-Lam Pham widmete sich stattdessen an der Universität in Da Lat den Sozialwissenschaften und der Anglistik. 1975, nach der kommunistischen Machtübernahme, orientierte er sich um, studierte Wirtschaftsplanungswesen, um zum Wiederaufbau der kriegszerstörten Heimat beizutragen. Doch als gläubiger Katholik geriet er zunehmend in Konflikt mit dem Regime. Er entschied sich zur Flucht.

Kommt Pham auf seine Ankunft in Bayern zu sprechen, so hebt er stets den herzlichen Empfang hervor, der ihm und seinen Schicksalsgefährten einst im Allgäu bereitet worden sei. "Das Wetter war furchtbar, aber die dortige Gemeinschaft begegnete uns mit großer Wärme", sagt Pham über diese Zeit, in der er viele Freunde gefunden habe. Diese hätten sogar die Hochzeit für ihn und seine Partnerin gestaltet, mit der er 1980 geflohen war.

Phams Gespräche mit den Flüchtlingen von heute haben ihn indes belehrt, dass sich seitdem in Deutschland etwas verändert hat: "Früher waren die Menschen hier toleranter", glaubt er. Flüchtlinge würden nun oft als Last gesehen - eine Tatsache, die er sich mit den weltpolitischen Machtverschiebungen erklärt. "Als sich der Westen und die kommunistischen Länder noch in verfeindeten Blöcken gegenüberstanden, da waren wir, die dem Kommunismus den Rücken gekehrt hatten, ja quasi ein Gewinn für den Westen", sagt er. Folglich hätten sich den vietnamesischen Bootsflüchtlingen andere Perspektiven eröffnet als vielen Asylbewerbern heute.

Für das Leben im Westen zahlte Hong-Lam Pham indes einen hohen Preis. Er vermisst die zurückgebliebenen Verwandten. "Dank moderner Technik habe ich jetzt mehr Kontakt zu ihnen", sagt er. Mit seiner Mutter - inzwischen in den 90ern - rede er zum Beispiel regelmäßig über den kostenlosen Kommunikationsdienst Skype. Auch mit seinen Geschwistern, die in Vietnam von der Landwirtschaft leben, ist er im Austausch. Doch zurückkehren, und sei es nur zu Besuch? "Nicht solange das Regime an der Macht ist, vor dem ich einst geflohen bin", sagt er.

Einige seiner Landsleute, die ihr Leben als Rentner in Vietnam verbringen wollten, seien wieder nach Deutschland zurückgekehrt. "Die heutige Mentalität dort ist ihnen fremd geworden", sagt er. Oder vielleicht auch das: Deutschland habe sie selbst zu sehr verändert. Seine drei Kinder, so meint Hong-Lam Pham, hätten durchaus Interesse daran, Vietnam kennenzulernen. Aber ständig dort leben? "Nein, sie haben hier gute Berufe, und fühlen sich als Deutsche", sagt er.

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