Tourismus "Passau wird zur Pappkulisse"

Jährlich kommen fast zwei Millionen Besucher nach Passau: 40-mal mehr, als Menschen in der Stadt leben. Aber vor allem eine Zahl löst Ärger aus: 314 000, die Zahl der Kreuzfahrttouristen.

(Foto: Imago)

Mozartkugeln, Oktoberfesthüte, Kuckucksuhren: Haben mit Passau nix zu tun, sind bei Touristen aber gefragt. Weil immer mehr in die Stadt kommen, sorgen sich die Einheimischen. Der OB dagegen findet alles "sehr erfreulich."

Von Andreas Glas

Kein Schiffsmotor brummt, kein Rollkoffer rattert, keiner fragt nach Kuckucksuhren. "Cuckoo clocks", sagt Egon Greipl und verdreht die Augen. Er steht am Flussufer, trägt Hut und Schal und Mantel. Es ist kalt, es nieselt. Er könnte jetzt schimpfen über den Januar, über dieses Sauwetter. Aber er schimpft nicht. In Passau, sagt Greipl, sei das "die beste Zeit des Jahres".

Noch ein paar Wochen beste Zeit, dann brummt und rattert es wieder. Dann parken die Kreuzfahrtschiffe wieder in Dreierreihen am Flussufer, dann quetschen sich die Urlauber wieder durch die Altstadt. Ein paar Wochen Ruhe im Jahr, danach "kommt man nicht mehr durch die Gassen, weil sie so verstopft sind", sagt Greipl, 69, Denkmalpfleger. Er hat die Schnauze voll. Und er ist nicht allein. Lästereien über Touristen, schreibt die Passauer Neue Presse, könne in der Altstadt jeder "hören und beobachten - wenn er dort überhaupt einen Passauer antrifft".

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Innerhalb eines Jahres kamen zuletzt fast zwei Millionen Urlauber nach Passau. 40-mal mehr, als Menschen in der Stadt leben. "Sehr erfreulich", findet Oberbürgermeister Jürgen Dupper (SPD). Sehr ärgerlich, finden Denkmalpfleger Greipl und viele Passauer. Vor allem diese Zahl macht Ärger: 314 000, die Zahl der Kreuzfahrttouristen, meistens Rentner aus Amerika. Sie tragen Shorts und Socken in den Sandalen. Zu ihren Lieblingssouvenirs zählen: Mozartkugeln, Oktoberfesthüte, Kuckucksuhren. Hat mit Passau nix zu tun, aber die Läden sind voll damit. "Passau wird zur Pappkulisse", sagt Egon Greipl.

Er steht jetzt am Residenzplatz, vor einem Schaufenster. Der Laden heißt "Kleine Residenz". An der Tür pappt ein Zettel. Er verrät, wie sehr sich die Altstadthändler dem Tourismus inzwischen angepasst haben. Auf dem Zettel steht: "Wintermonate bis März geschlossen". Im Schaufenster: Dackelfiguren, Dackelservietten, Dackeltassen, Wackeldackel in Rot, Pink, in Glitzeroptik. Was der Dackel mit Passau zu tun hat? Keine Ahnung, sagt Egon Greipl, aber die Touristen scheinen Dackel zu mögen. So sehr, dass die Besitzer des Ladens bald ein eigenes Dackelmuseum am Residenzplatz eröffnen. "Alles Kitsch", sagt Greipl, "ausgerechnet am nobelsten Platz in der ganzen Stadt."

Was es sonst noch gibt in der Altstadt: das "Cuckooclock Center", das "Bierkrug-Center", dazu Läden, die Nussknacker verkaufen und Oktoberfest-Nippes. Was es nicht mehr gibt: die Sparkassen-Filiale am Residenzplatz, den Brunner-Metzger nebenan, das Schuhgeschäft gegenüber vom Wittelsbacherbrunnen. Auch die Gastronomie, sagt Greipl, "hat der Massentourismus ruiniert". Mehr Fastfood, weniger Wirtshaus. Die Stadt müsse das stoppen, den Tourismus regulieren. "Das muss die Stadt doch sehen, dass das nicht gut für uns Passauer ist", sagt Greipl.

Ist die Stadt so geblendet von den Tourismus-Rekorden, dass sie blind geworden ist für die Bedürfnisse ihrer eigenen Menschen? Schmarrn, sagt Jürgen Dupper. Der OB sitzt am Besprechungstisch seines Büros. Wer mit ihm spricht, hat nicht den Eindruck, dass sich da einer fürchtet vor dem Zorn seiner Bürger. Die Klagen, "dass unsere Stadt voller Fremder ist, höre ich in den letzten Jahren gar nicht mehr so sehr", sagt Dupper. Hm. Ist die Stadt nicht nur blind, sondern taub?

Früher, sagt Dupper, "war es ja eine alteingesessene Bevölkerung, die sich am Tourismus vielleicht mehr gestört hat", an den überfüllten Gassen, am Lärm. Heute sei "die Bevölkerungszusammensetzung in der Altstadt ein bisschen anders. Sehr viele Studierende, sehr viele Leute, die bewusst gesagt haben, sie möchten da hin, wo die Musik spielt". Stimmt, aber ist das nicht genau das Dilemma: Dass den Passauern ihre eigene Stadt fremd wird, weil nicht mehr sie selbst das Stadtbild bestimmen, sondern die Studenten und die Touristen?

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"Natürlich verändert sich das Stadtbild, wenn am Drei-Flüsse-Eck permanent Schiffe liegen", sagt Jürgen Dupper, "und natürlich wird es manchmal richtig eng in der Stadt." Aber darauf habe die Stadt ja schon reagiert. Im Jahr 2016 haben Kreuzfahrtschiffe in Passau 2330-mal an- und wieder abgelegt. Damit sei eine Grenze erreicht, verspricht Dupper, mehr Schiffe lasse er nicht mehr zu. Daran, die Kreuzfahrten zu reduzieren, denkt der OB aber nicht. Der Tourismus sei "mit der vorhandenen Infrastruktur bewältigbar". Er arbeite daran, die Interessen der Passauer noch besser mit denen der Touristen zu vereinbaren, sagt Dupper. Er wolle einen Tourismus, der "ein Mehrwert ist und keine Belastung. Unsere Maxime ist, dass wir ein touristisches Angebot wollen, das zu unserer Stadt passt".

Und wie passen jetzt Kuckucksuhren genau zu Passau? Jürgen Dupper grinst. Er sagt: "Man kann geteilter Meinung sein, ob man das braucht, auch diese Hüte, die ausschauen wie Masskrüge. Aber das gehört halt mit dazu. Das sehe ich jetzt nicht so tragisch." Dass die Souvenirläden alteingesessene Metzger oder Schuhhändler verdrängen, ist für den OB nicht die Schuld der Stadt. "Es ist in erster Linie eine Sache des Sortiments und des Service, dass man die Leute zu sich in den Laden bringt", sagt Dupper. Man könnte das auch umgedreht formulieren: Wenn die Leute Kuckucksuhren wollen, dann muss man ihnen halt Kuckuckuhren verkaufen.