Süddeutsche Zeitung

Tourismus:"Passau wird zur Pappkulisse"

Mozartkugeln, Oktoberfesthüte, Kuckucksuhren: Haben mit Passau nix zu tun, sind bei Touristen aber gefragt. Weil immer mehr in die Stadt kommen, sorgen sich die Einheimischen. Der OB dagegen findet alles "sehr erfreulich."

Kein Schiffsmotor brummt, kein Rollkoffer rattert, keiner fragt nach Kuckucksuhren. "Cuckoo clocks", sagt Egon Greipl und verdreht die Augen. Er steht am Flussufer, trägt Hut und Schal und Mantel. Es ist kalt, es nieselt. Er könnte jetzt schimpfen über den Januar, über dieses Sauwetter. Aber er schimpft nicht. In Passau, sagt Greipl, sei das "die beste Zeit des Jahres".

Noch ein paar Wochen beste Zeit, dann brummt und rattert es wieder. Dann parken die Kreuzfahrtschiffe wieder in Dreierreihen am Flussufer, dann quetschen sich die Urlauber wieder durch die Altstadt. Ein paar Wochen Ruhe im Jahr, danach "kommt man nicht mehr durch die Gassen, weil sie so verstopft sind", sagt Greipl, 69, Denkmalpfleger. Er hat die Schnauze voll. Und er ist nicht allein. Lästereien über Touristen, schreibt die Passauer Neue Presse, könne in der Altstadt jeder "hören und beobachten - wenn er dort überhaupt einen Passauer antrifft".

Innerhalb eines Jahres kamen zuletzt fast zwei Millionen Urlauber nach Passau. 40-mal mehr, als Menschen in der Stadt leben. "Sehr erfreulich", findet Oberbürgermeister Jürgen Dupper (SPD). Sehr ärgerlich, finden Denkmalpfleger Greipl und viele Passauer. Vor allem diese Zahl macht Ärger: 314 000, die Zahl der Kreuzfahrttouristen, meistens Rentner aus Amerika. Sie tragen Shorts und Socken in den Sandalen. Zu ihren Lieblingssouvenirs zählen: Mozartkugeln, Oktoberfesthüte, Kuckucksuhren. Hat mit Passau nix zu tun, aber die Läden sind voll damit. "Passau wird zur Pappkulisse", sagt Egon Greipl.

Er steht jetzt am Residenzplatz, vor einem Schaufenster. Der Laden heißt "Kleine Residenz". An der Tür pappt ein Zettel. Er verrät, wie sehr sich die Altstadthändler dem Tourismus inzwischen angepasst haben. Auf dem Zettel steht: "Wintermonate bis März geschlossen". Im Schaufenster: Dackelfiguren, Dackelservietten, Dackeltassen, Wackeldackel in Rot, Pink, in Glitzeroptik. Was der Dackel mit Passau zu tun hat? Keine Ahnung, sagt Egon Greipl, aber die Touristen scheinen Dackel zu mögen. So sehr, dass die Besitzer des Ladens bald ein eigenes Dackelmuseum am Residenzplatz eröffnen. "Alles Kitsch", sagt Greipl, "ausgerechnet am nobelsten Platz in der ganzen Stadt."

Was es sonst noch gibt in der Altstadt: das "Cuckooclock Center", das "Bierkrug-Center", dazu Läden, die Nussknacker verkaufen und Oktoberfest-Nippes. Was es nicht mehr gibt: die Sparkassen-Filiale am Residenzplatz, den Brunner-Metzger nebenan, das Schuhgeschäft gegenüber vom Wittelsbacherbrunnen. Auch die Gastronomie, sagt Greipl, "hat der Massentourismus ruiniert". Mehr Fastfood, weniger Wirtshaus. Die Stadt müsse das stoppen, den Tourismus regulieren. "Das muss die Stadt doch sehen, dass das nicht gut für uns Passauer ist", sagt Greipl.

Ist die Stadt so geblendet von den Tourismus-Rekorden, dass sie blind geworden ist für die Bedürfnisse ihrer eigenen Menschen? Schmarrn, sagt Jürgen Dupper. Der OB sitzt am Besprechungstisch seines Büros. Wer mit ihm spricht, hat nicht den Eindruck, dass sich da einer fürchtet vor dem Zorn seiner Bürger. Die Klagen, "dass unsere Stadt voller Fremder ist, höre ich in den letzten Jahren gar nicht mehr so sehr", sagt Dupper. Hm. Ist die Stadt nicht nur blind, sondern taub?

Früher, sagt Dupper, "war es ja eine alteingesessene Bevölkerung, die sich am Tourismus vielleicht mehr gestört hat", an den überfüllten Gassen, am Lärm. Heute sei "die Bevölkerungszusammensetzung in der Altstadt ein bisschen anders. Sehr viele Studierende, sehr viele Leute, die bewusst gesagt haben, sie möchten da hin, wo die Musik spielt". Stimmt, aber ist das nicht genau das Dilemma: Dass den Passauern ihre eigene Stadt fremd wird, weil nicht mehr sie selbst das Stadtbild bestimmen, sondern die Studenten und die Touristen?

"Natürlich verändert sich das Stadtbild, wenn am Drei-Flüsse-Eck permanent Schiffe liegen", sagt Jürgen Dupper, "und natürlich wird es manchmal richtig eng in der Stadt." Aber darauf habe die Stadt ja schon reagiert. Im Jahr 2016 haben Kreuzfahrtschiffe in Passau 2330-mal an- und wieder abgelegt. Damit sei eine Grenze erreicht, verspricht Dupper, mehr Schiffe lasse er nicht mehr zu. Daran, die Kreuzfahrten zu reduzieren, denkt der OB aber nicht. Der Tourismus sei "mit der vorhandenen Infrastruktur bewältigbar". Er arbeite daran, die Interessen der Passauer noch besser mit denen der Touristen zu vereinbaren, sagt Dupper. Er wolle einen Tourismus, der "ein Mehrwert ist und keine Belastung. Unsere Maxime ist, dass wir ein touristisches Angebot wollen, das zu unserer Stadt passt".

Und wie passen jetzt Kuckucksuhren genau zu Passau? Jürgen Dupper grinst. Er sagt: "Man kann geteilter Meinung sein, ob man das braucht, auch diese Hüte, die ausschauen wie Masskrüge. Aber das gehört halt mit dazu. Das sehe ich jetzt nicht so tragisch." Dass die Souvenirläden alteingesessene Metzger oder Schuhhändler verdrängen, ist für den OB nicht die Schuld der Stadt. "Es ist in erster Linie eine Sache des Sortiments und des Service, dass man die Leute zu sich in den Laden bringt", sagt Dupper. Man könnte das auch umgedreht formulieren: Wenn die Leute Kuckucksuhren wollen, dann muss man ihnen halt Kuckuckuhren verkaufen.

Mit den Flusskreuzfahrten kam der Touristifizierungsgegner

Auch Walter Landshuter, 72, hat sein Angebot den Touristen angepasst. Ein bisschen jedenfalls. Er ist Mitbegründer des Scharfrichterhauses, der bekannten Passauer Kabarettbühne. Die Geschäftsführung hat er abgegeben, geht aber immer noch ein und aus, auch im Restaurant des Scharfrichterhauses. Am Eingang hängt die Speisekarte, die wegen der Touristen zweisprachig ist. Wer wissen will, was Pfannkuchensuppe auf Englisch heißt, erfährt es auf der Karte am Eingang: "Beefsoup with pancake-stripes".

Landshuter sperrt die Tür zum Scharfrichterhaus auf. Vor fünf Jahren hat das Hochwasser hier drin alles zerstört. Inzwischen ist das Haus saniert, jetzt müsse die Stadt einen anderen "Quell in den Griff kriegen, sonst überfluten uns die Touristen", sagt Landshuter. Natürlich sei der Tourismus wichtig für Passau, auch für das Scharfrichterhaus, er gibt das zu. Aber es darf nicht sein, dass "der Passauer in Passau überhaupt nicht mehr vorkommt". Wenn der OB sagt, dass kaum jemand über die Touristen klage, habe er dafür nur eine Erklärung, sagt Landshuter: "Es beschweren sich immer weniger Passauer, weil immer mehr Passauer wegziehen." All die Schiffe, die vollen Gassen, die Souvenirläden - "was willst du da als Passauer noch in der Altstadt?"

Wenn man so will, ist Landshuter ein Touristifizierungsgegner. Den Begriff Touristifizierung gibt es wirklich, nur konnte man die Gegner dieses Phänomens lange Zeit nur in Berlin beobachten, in Venedig, in Barcelona. Mit der Zahl der Flusskreuzfahrten ist der Zorn nun auch in bayerischen Städten gewachsen. In Passau, Bamberg, Regensburg, überall lästern die Leute. Tourismus müsse Mehrwert sein, keine Belastung, hat Passaus OB Jürgen Dupper gesagt. Die Frage ist nur, welchen Mehrwert der Tourismus den Einheimischen wirklich bringt?

Der einzelne, sagt OB Dupper, profitiere "durch den Beitrag des Tourismus zum Bruttoinlandsprodukt". Viele Passauer sehen das anders. Sie argumentieren, dass Kreuzfahrer gar keine Zeit haben, ihr Geld in Passau auszugeben. Oft bleiben sie nur wenige Stunden, "trampeln bis zum Dom, kaufen auf dem Rückweg einen Oktoberfesthut und auf Wiederschauen", sagt Egon Greipl. In Bamberg etwa, sagt eine Studie, lassen Kreuzfahrer im Schnitt nur 28 Euro in der Stadt. Es muss ja weitergehen, auch in Passau, weiter donauabwärts, nach Wien, Bratislava, Budapest.

"Verträumte Winkeln" und "authentische Läden"

Aber, mal ehrlich: Ist es nicht kleingeistig und menschenfeindlich, sich derart gegen Touristen zu sperren? "Ich habe keine Aversion gegen Touristen", sagt Landshuter, "ich mag nur keine Touristen, die keine Zeit haben." Ums Geld gehe es da weniger, sagt Landshuter. Und Egon Greipl sagt: Wenn Stadtführer die Kreuzfahrer im Eiltempo durch die Gassen "schleusen", bleibe keine Zeit, sich wirklich mit der Stadt zu befassen. Die meisten Führungen seien "ein Event, das mit der Passauer Geschichte wenig zu tun hat". Man dürfe den Reichtum Passaus "nicht auf die größte Kirche und die größte Orgel reduzieren". OB Dupper sagt, er wolle die Stadtführer bitten, ihre Touren vielfältiger zu machen. Geschieht das nicht, werde die Stadt "vollends zum Klischee und ihr Geist wird zerstört", sagt Greipl.

Wirklich atmen könne er diesen Geist nur jetzt, im Januar und Februar, wenn die alte Urlaubssaison vorbei ist und die neue nicht begonnen hat. "Aufschnaufpause", nennt Greipl diese Zeit. Während er aufschnauft, wirbt die Stadt bereits um neue Urlauber. In ihrer Urlaubsbroschüre ist von "verträumten Winkeln" die Rede und von "authentischen Läden".

Für die Texter der Broschüre ist Passau eine Stadt, "die Ihren Aufenthalt angenehm entspannt und Ihren Urlaub zu den schönsten Tagen des Jahres" macht. Für Egon Greipl dagegen gehen die schönsten Tage des Jahres bald zu Ende. Noch ein paar Wochen, dann brummt und rattert es wieder in Passau.

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SZ vom 20.01.2018/khe/ebri
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