Umfrage Was Franken so besonders macht

Was macht Franken aus? Eine Umfrage.

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An diesem Sonntag findet wieder der "Tag der Franken" statt. Aber was wird da überhaupt gefeiert? Eine Umfrage.

Protokolle: Claudia Henzler und Olaf Przybilla

Ministerpräsident Markus Söder ist bekennender Franke, zum "Tag der Franken" aber wird er dieses Jahr nicht kommen. Er hat abgesagt, um Prinz Albert von Monaco in Bayern begrüßen zu können, der ein Autorennen in Nürnberg besucht. Möglicherweise ist Söder die Terminkollision ganz recht, kann er so doch vermeiden, dem Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) nützliche Bilder für dessen Wahlkampf zu liefern. Der Festtag wird nämlich erstmals länderübergreifend gefeiert: in der thüringer Stadt Sonneberg und dem bayerischen Neustadt bei Coburg. Seit 2006 richtet einer der fränkischen Regierungsbezirke auf Wunsch des Landtags den Festtag am ersten Juliwochenende aus. Er soll "Brauchtum und Geschichte der fränkischen Region erinnern und zugleich das Bewusstsein für die Entwicklungskraft und das Innovationspotenzial Frankens stärken". Den Festakt ergänzt ein Rahmenprogramm (www.tagderfranken2019.de).

Allmächd

Das Fränkische ist vielfältiger als das Bairische

(Foto: privat)

Mechthild Habermann, Professorin für germanistische Sprachwissenschaft in Erlangen: Wenn ich Altbayern und den bairischen Dialekt betrachte, ist beides von viel größerer Einheitlichkeit als das Fränkische. Innerhalb des fränkischen Sprachraums ist die Vielfalt schon enorm. Wenn Sie zum Beispiel an das Nürnberger "Allmächd" denken - das nimmt kein Bamberger in den Mund. Oder wenn die Unterfranken "Ich muss lern" sagen und die Endung "en" einfach weglassen: Das würden die Mittelfranken nie machen. Sprachwissenschaftler achten natürlich stark auf die Unterschiede. Was die Gemeinsamkeiten angeht: Es gibt Kernwörter wie das "fei". Selbst das wird allerdings nicht ausschließlich in Franken verwendet. Ein wirklich verbindendes Merkmal ist die Verwendung der Konsonanten P und T, die wir mit halber Kraft als B und D sprechen. Wobei dieses Phänomen in Nürnberg nicht so stark ausgeprägt ist wie am Main. Und die Franken haben es auch nicht erfunden. Von der sogenannten binnendeutschen Konsonatenschwächung sind seit dem Spätmittelalter recht viele mittel- und oberdeutsche Dialekte betroffen.

Die Diversität hat zahlreiche Gründe. Das Gebiet war territorial immer in viele Herrschaftsbereiche zersplittert, zum Teil kamen Glaubensgrenzen hinzu. An den Rändern haben weitere Einflüsse gewirkt. In Hof zum Beispiel, das hinter dem Fichtelgebirge liegt, war man von Sachsen beeinflusst, während sich Aschaffenburg stark in Richtung Hessen orientiert. Der Nürnberger Dialekt wiederum ist vom Oberpfälzischen geprägt, weil in der Zeit der Industrialisierung viele Arbeiter aus der Oberpfalz zugewandert sind. Deshalb verwenden Kenner des Nürnberger Dialekts zwar fränkische Wörter wie "braad" für breit, aber auch die gestürzten Diphthonge der Oberpfalz wie in "gout" für gut oder "Bou" für Bub.

Polyzentrisch

Einen Mittelpunkt? Gibt es nicht

(Foto: Matthias Hoch/oh)

Andreas Starke, Oberbürgermeister von Bamberg: Das Besondere an Franken ist die Vielfalt, und zwar in historischer, kultureller und landschaftlicher Hinsicht. Das ist ein Reichtum, den es anderswo in Bayern so nicht gibt. Das hat natürlich Vor- und Nachteile, wobei für mich eindeutig die Vorteile überwiegen. Die fränkische Unterschiedlichkeit sollte uns alle bereichern, und wenn wir ehrlich sind, genießen wir die auch. Aber klar: Aufgrund der Verschiedenheit sagt man uns immer wieder nach, fränkisch-zänkisch zu sein. Schon allein, weil wir keinen geborenen Mittelpunkt in Franken haben. Dafür leben wir die Polyzentralität. Und müssen damit leben, dass die auch mal zu Orientierungslosigkeit und Rivalität führen kann. In Oberfranken wird das besonders deutlich. Da gibt es keinen Mittelpunkt, sondern gewissermaßen vier Fettaugen auf einer Suppe: Hof, Coburg, Bayreuth und die inzwischen größte Stadt Oberfrankens, das wachsende Bamberg. Daraus kann Neid und Missgunst entstehen, man kann aber - wenn die kommunale Familie zusammenhält - auch Vorteile daraus ziehen. Gelegentlich wurde Bamberg ja schon als eine Art heimliches Zentrum von Gesamtfranken ins Spiel gebracht. Nur: Wer glaubt, dass Bamberg selbst solche Ansprüche erheben würde, der hat die fränkische Seele noch immer nicht verstanden. Wir leben Bescheidenheit, wir drängen uns grundsätzlich nicht in die erste Reihe. Was ich vermisse, wenn ich auf Reisen bin, etwa meinen Klub, den SV Werder Bremen, bei Auswärtsspielen im Europapokal begleite? Klare Sache: das Schlenkerla. Das ist für uns ein Lebenselixier. Wir versuchen, Gäste davon abhängig zu machen, damit sie wiederkommen. Unser Rauchbier hat psychosomatische Wirkung - danach schaut der Tag ganz anders aus.

Ungeschminkt

Was den Franken sympathisch macht

(Foto: Michael Ullrich)

Julia Bartolome, Schauspielerin am Staatstheater Nürnberg: Ich bin ja gebürtige Münchnerin, lebe aber seit 2007 in Nürnberg. Wenn ich meinen Sohn frage, der hier geboren ist, wie das so ist in Franken - sagt der "ganz gut". Schon ein echter Franke. Obwohl ich ja der Meinung bin, dass es so große Unterschiede nicht gibt zu Oberbayern. Man ist grummelig, eher einsilbig. Im Rheinland etwa wird man ja richtig zugequatscht. Der Franke ist verlässlich, hilfsbereit, unkompliziert und ehrlich. Wenn man am Bahnhof ankommt, sieht man gleich alles. Ungeschminkt, da wird nichts kaschiert. Ist mir sympathisch. Was ich vermisse, fort aus Franken? Das Theater.

Offen für alle

Bei der Frankenpartei spielt Herkunft keine Rolle

(Foto: privat)

Max Tetzner, Vorstandsmitglied der Frankenpartei: Franken ist die Region in Deutschland, die für mich zum Zuhause geworden ist. Ich bin in Norddeutschland geboren, was man immer noch hört, aber in Franken aufgewachsen. Zur Ausbildung war ich zwar wieder im Norden, bin dann aber nach Bayreuth zurückgekehrt. Wenn ich auf der A 9 den Bindlacher Berg hinunterfahre und die Stadt glitzert da unten, kommt sofort ein wohliges Gefühl. Die Franken, zu denen ich mich mittlerweile auch selbst zähle, sind schon sehr offen geworden. Sie schreien zwar nicht sofort Juhu und sind erst mal abwartend gegenüber neuen Menschen und Ideen. Aber wenn's gut wird, dann ist man aufgenommen. Und das ist sehr schön. In der Frankenpartei war es nie ein Thema, dass ich aus Norddeutschland komme. Wir setzen uns dafür ein, dass wir mit unserer Region im globalen Kontext nicht ins Hintertreffen geraten. Wir sind pro-europäisch und wollen, dass die Regionen ihre Eigenheiten bewahren. So wie die bayerische Landesregierung immer in Berlin eine Sonderrolle einfordert, könnte sie die diese auch Franken oder Schwaben stärker zugestehen. Franken ist ja weitgehend ländlich geprägt, gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land sind hier ein wichtiges Thema. Da wird zwar schon einiges getan, aber die wirklich zündende Idee war bislang noch nicht dabei. Für typisch fränkisch halte ich neben der Landschaft und der guten Küche eine Eigenschaft: Bescheidenheit. Man kann natürlich nicht alle Franken über einen Kamm scheren, aber die meisten sind zufrieden mit dem, was sie haben.

Bereit zum Anschluss

Sonneberg fühlt sich mehr zu Franken zugehörig als zu Thüringen

(Foto: privat)

Heiko Voigt, Bürgermeister von Sonneberg in Thüringen: Wir haben mit unseren Nachbarn in Neustadt und Coburg mehr gemeinsam als mit dem Rest Thüringens, von dem uns ja der Thüringer Wald trennt. Wir sprechen den gleichen Dialekt, was sich erstaunlicherweise trotz der 40-jährigen Teilung nicht geändert hat. In meiner Generation - ich bin 1961 geboren - war die fränkische Identität natürlich lange kein Thema, weil das Fränkische immer mit Bayern und dem Westen behaftet war. Inzwischen merkt man gar nicht mehr, wo die eine Stadt beginnt und die andere aufhört. Wir bilden mit Neustadt und Coburg einen Lebens- und Wirtschaftsraum. Die Leute pendeln in beide Richtungen. Es gab vor einigen Jahren eine ernsthafte Initiative zum Anschluss an Bayern. Im Moment ist das leider unrealistisch, ich würde aber natürlich nicht Nein sagen, wenn es doch so käme. Stellen Sie sich vor, zwischen Nürnberg und Fürth verliefe eine Landesgrenze und beidseits davon gäbe es unterschiedliche Ferienzeiten, Ausbildungsregelungen und Gesetze. Das wäre für das alltägliche Leben und für die wirtschaftliche Entwicklung hinderlich. So ist es in der Realität bei uns. Wer eine Lehrstelle in Sonneberg hat, muss oft weit zu seiner Berufsschule in Thüringen fahren, obwohl die bayerische viel näher liegt. Wir sind aber dabei, praktische Lösungen zu finden, um die Zusammenarbeit leichter zu machen. Sinnvoll wäre auch, dass wir uns bestimmte Infrastrukturmaßnahmen teilen. Aber wenn wir hier einen Sportplatz planen, der auch für Neustadt genutzt werden soll, gibt es keine Zuschüsse aus Bayern - oder umgekehrt.

Die gewisse Ruhe

So kommt man gut durchs Leben

(Foto: Derek Henthorn/oh)

Alexander Herrmann, Sternekoch aus Wirsberg: Der Franke hat eine gewisse Ruhe. Wenn der FC Bayern mal nur Zweiter wird, dann kann es sein, dass sie in München heulen. Der Club steigt ab, am Tag des Abstiegs sagen alle: Schee war's. Mit diesem Talent kommst du relativ gut durchs Leben. Außerdem haben wir ein didaktisch reduziertes Alphabet. T und D etwa - kein Unterschied. Dadurch sparen wir Buchstaben. Und können beim Reden mehr denken. Als Koch musst du dir halt Gedanken machen. "Ratatouille" auf der Speisekarte? Schwierig, können wir nicht aussprechen. Was wir Franken besser können als die anderen? Klare Sache: Brot backen.

Wahnsinnig schön

Landschaftlich gibt's viel zu entdecken

(Foto: privat)

Pauline Füg, Poetry-Slammerin und Psychologin: Ich lebe in Fürth, weil ich meinen Nachnamen auf dem Nummernschild haben wollte. Okay, das ist zwar jetzt tatsächlich so. Der wahre Grund aber ist, dass ich Fürth charmant finde, tolle Altbauwohnungen. Ich bin in Leipzig geboren, mag aber Franken total gern, vor allem die Landschaft. Als ich in Berlin und Hannover gewohnt habe, da hab' ich dieses "Grüß Gott" vermisst. Das ist so angenehm. Ich kann hier die Menschen lesen, ganz intuitiv. Am meisten liebe ich Würzburg: mediterranes Flair, der Blick auf die Festung. Wahnsinnig schön.

Humorvoll

Franken darf man auch veräppeln

(Foto: privat)

Claudia Bill, Kabarettistin, spielt im "Lebkuchenmann" in Weißenburg mit: Ich bin im Ruhrgebiet mit ganz vielen Zugereisten groß geworden. Wir haben da aber nicht mal ein Wort dafür. In Franken ist das immer ein Thema, wenn jemand nur von drei Orten weiter weg stammt. "Na, wo kommst du denn her?", war auch die erste Frage, die ich in Effeltrich gehört habe. Das ist ein Dorf in der Nähe von Erlangen, in dem ich mit meinem Mann seit dreißig Jahren lebe. Die zweite Frage war meistens: "Is dei Mo beim Siemens?" Weil sonst würde ja niemand herziehen. Ich wundere mich manchmal immer noch über das fränkische Getue. Wenn ich zum Beispiel mal in der Zeitung stehe und auf dem Bild die Effeltricher Tracht trage, wie bei einem meiner Kabarettprogramme, dann gibt's bestimmt Kommentare von den Alteingesessenen: "Etzert hats scho widder unsere Tracht o, und dazu no dodal verkehrt, so a Preiß, die is schlimmer wie der Giecher vom Nachbarn. Der kräht wenigstens richtig fränkisch!" Aber das ist gut so, weil ich wäre sonst wahrscheinlich gar nicht zum Kabarett gekommen. Das Programm heißt "Franke? - nein danke!", was natürlich liebevoll gemeint ist. Die Franken haben sehr viel Humor und merken, wenn man sie mag und dann etwas veräppelt. Und sie lieben ihre fränkische Küche sehr. Zu Recht. So ein Schäufele ist was Feines - einmal im Jahr.

Brauchtum und Geschichte Niemand beleidigt so kreativ wie die Franken

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