bedeckt München 21°

Sprachforschung:Niemand beleidigt so kreativ wie die Franken

Die Miltenberger nehmen Beschimpfungen locker und schufen 2016 einen gleichnamigen Brunnen.

(Foto: Stadt Miltenberg)

Franken fühlen sich oft benachteiligt und missverstanden. Mit Ihresgleichen sind sie aber auch nicht gerade höflich.

Die gemeine Stammesbeschimpfung unterliegt ganz besonderen Regeln. Wird ein Stamm oder eine Region von jemandem beleidigt, der nicht dazugehört, so darf sich der Beschimpfer auf geharnischte Gegenmaßnahmen einstellen, die Phalanx reicht vom Leserbrief bis zum allgemeinen Betretungsverbot. Ganz anders sind die Regeln für den regionalen Selbstbeschmutzer. Ein solcher darf schwerstes Geschütz gegen die eigene Heimat auffahren, wird von Einheimischen aber gegebenenfalls sogar gefeiert (weil offenbar alle der Ansicht sind: Exakt so ist mein Nachbar!).

Insofern ist es natürlich geschickt, dass der Buchautor Martin Droschke auf der Suche nach der Antwort, warum eigentlich die Franken ihre regionalen Nachbarn - und also den eigenen Stamm - als Tellerlecker, Pflasterscheißer oder Totenschieber umgarnen, der Einfachheit halber einen Einheimischen gefragt hat. Und zwar Helmut Vorndran, der nicht nur Kabarettist ist, sondern auch über eine astreine fränkische Biografie verfügt - und damit über die ultimative Lizenz zum Frankenbashing.

Mitten in Bayern "Ganz suu arch schlechd woars ja goar net"
Satire

"Ganz suu arch schlechd woars ja goar net"

Ein Telekolleg Fränkisch, kann das sein? Ein Video des BR lässt manche Zuschauer ratlos zurück.   Kolumne von Olaf Przybilla

Vor Vorndrans Antwort müssen Menschen mit nordbayerischem Wurzelwerk gewarnt werden, sie ist womöglich doch etwas heftig ausgefallen. Aber es nützt ja nichts: "In Ermangelung größerer geografischer, historischer oder sonstiger Sensationen beschränkte sich der Franke in den vielen Jahrhunderten seiner Existenz vorwiegend auf sich selbst. Die große weite Welt war ihm fremd und blieb es im Prinzip auch bis heute", analysiert Vorndran - und schlussfolgert: "Dieses Desinteresse dem Fremden gegenüber förderte einerseits ein nicht unbeträchtliches Beharrungsvermögen, was Traditionen und Althergebrachtes anbelangte, andererseits auch die intensive Beschäftigung mit sich selbst und seinen Nachbarn."

Und so, glaubt Vorndran festgestellt zu haben, entstanden aus der mal freundlichen und mal nicht ganz so freundlichen Absicht zur Abgrenzung allerlei Namen für die Bewohner der jeweiligen Nachbarkommune. Wobei man gern auf ein unnötiges Übermaß an Sensibilität verzichtet. Dafür weiß im Zweifelsfall jeder (der es soll), wer gemeint ist, wenn im schönen Franken von Vorstadtkakerlaken, Staffelbrunsern, Schmalzküblern, Maulaffen, Rossbollenfischern, Pressackdreschern, Stehpreußen, Wurstzipfeln, Schlotenscheißern, Sackaufschneidern, Ölpumpern oder Kloakenreinigern die Rede ist.

Kloakenreiniger? So müssen sich die Einwohner von Pappenheim besudeln lassen, wie Droschke in seinem Werk "Von Hundefressern und Zwiebeltretern" (Köln, 2019) notiert. Die Geschichte, warum das so ist, lässt erahnen, wie kulturhistorisch verschlungen der Pfad zur eingeführten Lokalbeschimpfung sein kann. Das Wort "Daran erkenn' ich meine Pappenheimer" dürfte jeder kennen, dafür braucht man nicht 7500 Verse "Wallenstein" gelesen zu haben. Schillers Protagonist sagt den Satz anerkennend zu denen von Pappenheim, er weiß ihre Treue zu schätzen. Gleichwohl hat das heute gängige "Ich kenn' doch meine Pappenheimer" einen Stich ins Abwertende - was mit deren tradierter Funktion zu tun haben dürfte. Die Pappenheimer wurden zu Reichserbmarschällen ernannt, auf Reichstagen aber kamen ihnen dadurch nicht nur ehrenhafte Funktionen zu: So hatten sie für gereinigte Gruben zu sorgen, nachdem Reichstagsvertreter einmal unfreiwillig im Stadtodel gelandet waren. Was blieb? Pappenheimer sind Kloakenreiniger!

Aber Hundefresser? Nun, die Neustädter waren arm und glaubten sich mit Hundefett gegen die Tuberkulose wappnen zu können. Die Coburger aber machten sich einen eigenen Reim auf die signifikante Hundenachfrage ihrer Nachbarn: Hundsfrassa! Am Fränkischsten mutet womöglich das Fallbeispiel der Staffelbrunser an. Lange haben sich die Miltenberger aufziehen lassen mit der angeblichen Angewohnheit, bei Hochwasser ihren Urin praktischerweise direkt von der Staffel, also der Treppe, in den Main abzuschlagen. So lang, bis es ihnen zu blöd wurde. Sollen die anderen sich's Maul zerreißen, wir stehen dazu! 2016 eröffneten sie einen Staffelbrunserbrunnen.