Seehofer-Vertrauter "Er wurde systematisch demontiert"

Sündenbock für viele? Horst Seehofer

(Foto: picture alliance/dpa)

Horst Seehofer war der Sündenbock für alle, sagt Hans-Jürgen Binner. Er ist ein enger Freund des Noch-Innenministers und findet: In der CSU sollten sich auch andere an der eigenen Nase packen.

Interview von Elisa Britzelmeier und Roman Deininger

Horst Seehofer wird - voraussichtlich im Januar - als CSU-Vorsitzender zurücktreten. Ein Einschnitt auch für seine Heimat, den Stadtteil Gerolfing im Ingolstädter Westen. Hans-Jürgen Binner, 60, kommt wie Seehofer dort her, die beiden kennen sich seit 45 Jahren. Binner ist für Seehofer ein Freund und als CSU-Ortschef auch so etwas wie sein Strippenzieher in der Heimat. Hauptberuflich arbeitet Binner als Prokurist der Ingolstädter Verkehrsbetriebe.

SZ: Herr Binner, der Abschied von Horst Seehofer aus der Politik rückt näher. Was löst das bei Ihnen aus?

Hans-Jürgen Binner: Ich spüre schon eine gewisse Traurigkeit. Erschreckend ist, wie wenig Solidarität sich in der Partei zeigt. Auf meiner Ebene, an der kommunalen Basis, ist das etwas anders. Da ist der persönliche Zusammenhalt stärker. Je weiter man hinauf kommt, desto dünner wird die Luft.

Wie haben Sie Horst Seehofer kennengelernt?

Das war im Januar 1973. Ich war 15, er war 24 und schon Bundeswahlkreisgeschäftsführer der CSU in Ingolstadt. Ich habe an der CSU-Geschäftsstelle geläutet und der Horst hat mir die Tür aufgemacht. "Was wuist na?", hat er gefragt. "Mitglied werden? Dann geh nei."

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Wie hat er sich verändert in fast vier Jahrzehnten in der großen Politik?

Er ist immer nahbar geblieben. Aber er ist auch ernster geworden, da hat man die Bürde seiner Ämter schon gemerkt.

Hat sich Horst Seehofer in den vergangenen Jahren in Gerolfing auch mal im Wirtshaus blicken lassen?

Klar, er war sich nie zu gut, sich im Feuerwehrhaus zu uns an den Stammtisch zu setzen und mit uns zu diskutieren. Auch als Ministerpräsident oder Innenminister. Manchmal hat er mich auch gebeten, eine Schafkopfrunde zu organisieren. Er hat die Leute dann auch immer gefragt, was sie zu politischen Fragen denken. Es war kein Zufall, dass er oft besser als andere Politiker wusste, wie die Bevölkerung tickt.

Dass er auf Stimmungsumschwünge flexibel reagiert hat, hat ihm den Beinamen "Drehhofer" eingebracht.

Er hat dem Volk aufs Maul geschaut, sich auch mal belehren lassen. Wenn etwas nicht mehr vermittelbar war, hat er sich neu orientiert. Was soll daran falsch sein? Die absolute Mehrheit der CSU bei der Landtagswahl 2013 war seinem Politikstil zu verdanken. Und in wichtigen Fragen hat er auch immer den Mut zur Unbeliebtheit gehabt - denken Sie an seine sozialpolitischen Überzeugungen.

Hans-Jürgen Binner, Horst Seehofers Vertrauter daheim in Ingolstadt-Gerolfing.

(Foto: oh)

Zuletzt soll er sich selbst für Parteifreunde rar gemacht haben, es sollen viele Nachrichten ins Leere gelaufen sein.

Wir hatten immer guten Kontakt. Ich konnte ihm auch immer meine Meinung sagen. Entweder per SMS oder ich habe seiner Frau Karin einfach einen Zettel für ihn in die Hand gedrückt. Ich habe immer eine Reaktion von ihm bekommen. Natürlich nicht immer nur Zustimmung.

Konnten Sie die öffentliche Empörung über einige Aussagen von Horst Seehofer nachvollziehen, etwa die "Mutter aller Probleme"?

Wenn er manche Dinge als Ministerpräsident gesagt hätte, wäre das nicht so schlimm gewesen wie als Innenminister. Auf Bundesebene ist eine kräftige Sprache leider nicht mehr üblich, das ist alles weichgespült. Eine offene Auseinandersetzung, wie sie es bei Strauß und Wehner gegeben hat, ist so nicht mehr möglich. Diese ganze Aufregung über ein Wort hier und ein Wort da: Vielleicht geht es uns allen zu gut, wenn wir uns solche Probleme suchen.

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Wer ist für Sie schuld am Image-Absturz, den Horst Seehofer in den vergangenen Monaten und Jahren erlebt hat?

Söder, Merkel, Medien: Alle haben einen Sündenbock gebraucht, und in Horst Seehofer haben sie ihn gefunden. Er wurde systematisch demontiert. Das war teilweise schäbig. Ich würde mir wünschen, dass sich auch andere in der CSU an der eigenen Nase packen. Das Problem war gewiss nicht nur Horst Seehofer. Er hat in der Flüchtlingskrise früh erkannt, dass man die Menschen nicht überfordern darf. Das hat er zum Beispiel Merkel voraus.

Noch ist Seehofer ja Bundesinnenminister - aber was wird er einmal mit seinem Leben nach der Politik anfangen?

Jeder Mensch in so einer Situation würde erst mal in ein emotionales Loch fallen und mit sich und der Welt hadern. Aber Horst Seehofer hat sich sein Leben lang sozial engagiert und wird das sicher auch weiter tun. Er wird sich auch freuen, wieder mehr Zeit zum Lesen zu haben und für seine berühmte Modelleisenbahn. Und wir freuen uns, wenn er künftig wieder öfter zum Feuerwehr-Stammtisch kommt.

Was wünschen Sie ihm jetzt?

Dass sich alles wieder beruhigt und wieder ein sachlicher Blick auf seine Leistungen möglich ist.

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