Oberpfalz Turbowachstum und Korruptionsskandal - gibt es da einen Zusammenhang?

Schmiergeld gegen Baugrund, abgehörte Telefonate, ein seltsamer Beratervertrag, Parteispenden in Millionenhöhe, kostenlose Segeltörns, Razzien in Banken und beim SSV Jahn - die Regensburger Affäre liefert Stoff für einen Mafiafilm. Es ist nichts bewiesen, die Beschuldigten streiten alles ab. Aber es ist auffällig, dass 70 Kilometer entfernt ein früherer OB ebenfalls angeklagt ist. Auch dort geht es um Korruption und die Nähe zwischen Politik und Baugewerbe. Die Rede ist von Ingolstadt, das sich ähnlich kometenhaft wie Regensburg in die Wirtschafts- und Wohlstandsrankings katapultiert hat.

Beide Städte sind ähnlich groß, beide haben sich in Rekordzeit zu riesigen Spielwiesen für Baufirmen entwickelt. Doch die Wege sind kurz, und der Kreis der Handelnden ist klein geblieben. Ist Turbowachstum also doch eine Korruptionsfalle? "Ja, klar", sagt MR-Chef Maier-Scheubeck. Es sei gefährlich, wenn eine Stadt so schnell wächst, dass sie nicht nachkommt mit dem Wohnbau. Korruption wolle er keinem unterstellen, aber man habe sich "zu leichtfertig" den Bauträgern "ausgeliefert", sagt Maier-Scheubeck. Er sieht das so: Wenn Politiker einen Boom "steuern sollen und alle Hände voll damit zu tun haben, am Lenkrad zu bleiben", dann könne es passieren, dass sie die Kontrolle verlieren, "dass die Zentrifugalkräfte dich rausschleudern".

Eine Stadt im Schleudergang, das trifft es gut. Der Boom hat ja auch das Stadtbild durcheinandergewirbelt. Wo eben noch Tabak Götz war, ist jetzt "Coffee Fellows". Wo das Café Prock war, ist "Dean and David". Auch der kleine Teeladen, "einfach rauskatapultiert. Schade drum", sagt Waltraud Ernst und fädelt ein Büschel Ziegenhaar ums andere ins Bürstenholz. Nebenan, im Laden, hängen, türmen und stapeln sich Haarbürsten, Staubbürsten, Klobürsten, Zahnbürsten. Wo Kaffee- und Modeketten den Handel verdrängen, hat ausgerechnet ein Bürstengeschäft dem Boom getrotzt? Na ja, sagt Waltraud Ernst, "Gott sei Dank gibt es die Touristen."

Gott sei Dank, Touristen! Man hört das nicht oft in Regensburg. Der Tourismus, das ist ja auch so ein Kapitel im Regensburger Boomtown-Lehrbuch. Innerhalb eines Jahres kamen zuletzt drei Millionen Urlauber. 200-mal mehr, als Menschen in der Altstadt leben. Vor allem diese Zahl macht Ärger: 1130, die Zahl der Donaukreuzer, die im vergangenen Jahr hier angelegt haben. Seit 2006 ist die Altstadt Weltkulturerbe, seitdem drücken immer mehr Schiffe rein, spülen die Urlauber in Massen in die ohnehin engen Gassen. "Touristen: Ist Regensburg am Limit?", fragte die Mittelbayerische Zeitung im Frühjahr ihre Leser. Fast zwei Drittel sagten: Ja.

Waltraud Ernst sagt: Nein. Weil ihr Laden profitiert, wenn in Regensburg wieder eine Kaffeekette aufmacht oder ein Souvenirladen, der den gleichen Kram verkauft, den Touristen auch in München oder in Passau kriegen: Oktoberfesthüte, Schwarzwälder Kuckucksuhren oder was die Kreuzfahrer noch für typisch bayerisch halten. Je austauschbarer die anderen Läden, desto interessanter ist das Bürstengeschäft. Inzwischen taucht es in fast allen Reiseführern auf. "Touristen sind ganz groß bei uns", sagt Ernst und fädelt weiter. Sie macht das seit 50 Jahren. Sie hat schon gefädelt, als in Regensburg "alles grau" gewesen sei, "alles runtergekommen, alles primitiv". Heute, sagt sie, "ist doch alles viel besser als früher".

Die einen wollen bremsen, die anderen weiter Gas geben

Früher galt die Oberpfalz als Armenhaus, inzwischen hat die Region mit die niedrigste Arbeitslosenquote der EU - und Regensburg mehr Arbeitsplätze als Einwohner. Fast wieder wie damals, 1135, als die Regensburger Kaufleute die Steinerne Brücke bauen ließen. Das Geld war da, wegen seiner verkehrsgünstigen Lage am nördlichsten Donaupunkt gehörte Regensburg zu den reichsten Städten Europas - und wurde noch reicher, weil die Brücke die einzige Donauquerung weit und breit war und immer noch mehr Handelsverkehr durch die Stadt lenkte.

Nun hat Regensburg das Selbstverständnis als Wirtschaftwunderstadt neu entdeckt. Die Stadt zahlt ihren Preis für den Boom und ihre Schönheit. Aber sie zeigt wieder, was in ihr steckt. Dass sie mehr kann als Knackwürste. Zum Beispiel Senf. Der Senfkönig, so nennen sie Franz Wunderlich, empfängt in einem Bürokomplex am Nordrand der Stadt. Viel Weiß, viel Glas, viele Senfgläser in Schaukästen. Wie die Stadt ist auch Wunderlichs Senf- und Soßenfabrik gewachsen. Bundesweit kommen acht von zehn Gläsern süßem Senf aus der Händlmaier-Produktion.

Wunderlich, 53, Gelhaar, randlose Brille, kann sich noch gut erinnern, wie seine Oma Luise den Senf noch in der Altstadt kochte, in der kleinen Küche ihrer Metzgerei. Auch das: nicht lang her, keine 30 Jahre. Gute, alte Zeit? Schmarrn, sagt Wunderlich. Es ärgert ihn, wenn in Regensburg geschimpft wird über den Boom, die Mieten, die Touristen. "Das ist die natürliche Entwicklung, wenn eine Stadt positiv vorangeht", findet Wunderlich. Ihn treibt die Sorge, dass Regensburg "sich wieder ins Provinzielle zurückzieht", jetzt, da der Boom den Leuten nicht mehr nur Freude bereitet. Sondern auch Furcht, dass der Boom ihre Stadt zerreißt. Geht es nach Franz Wunderlich, darf der Grill in Regensburg ruhig weiter feuern. Aber Wunderlich ist ja auch Senffabrikant. Ohne Grill keine Wurst, ohne Wurst kein Senf.

Es ist ein Kreuz. Die einen wollen den Boom bremsen, die anderen weiter Gas geben. Einig ist sich Regensburg nur bei diesen Zutaten: süßer Senf, Meerrettich, Essiggurke. "Mit allem" bestellt man hier die Regensburger in der Semmel, Pardon: die Knacker. Denn welche Stadt will schon heißen wie eine Wurst.