Bildung:"Wo ist der Mut?"

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Piazolo diskutiert mit Schülern

Stuhlkreis mit Minister: Schülerinnen und Schüler aus ganz Bayern diskutieren mit Michael Piazolo über die bayerische Bildungspolitik.

(Foto: Viktoria Spinrad)

Schüler diskutieren mit Kultusminister Michael Piazolo über Digitalisierung, Umwelt - und die leidige Maskenpflicht, die nach den Herbstferien wohl wieder zurückkehrt an die Schulen.

Von Viktoria Spinrad, München

Es dauert nicht lang, da beginnt der Minister mit dem rechten Fuß zu wippen. Kein Wunder, denn Fabian Ernstberger ist im Angriffsmodus und lässt kein gutes Haar an der Schulpolitik. Bayern rühme sich ja als das Bildungsland, sagt der 19-jährige Berufsschüler aus Weiden, "obwohl das schon lange nicht mehr so ist". Während sich Bayern auf seinem Standard ausruhe, würden Termine mit Schülern hauptsächlich für schöne Fotos genutzt, statt mit ihnen neue Konzepte zu entwickeln. "Wo ist der Mut?"

Freitagnachmittag, kurz nach 16 Uhr im Münchner Presseclub. Statt gleich in die Herbstferien zu verschwinden, sind sieben Schüler aus ganz Bayern angereist, um mit Kultusminister Michael Piazolo (FW) zu sprechen. Sie alle sind Gewinner des Schreibwettbewerbs der "Initiative Werterhalt und Weitergabe", haben ihre Gedanken zu Zukunftsthemen wie Klima und Digitalisierung verschriftlicht. Nun sitzen sie im Schulkreis mit dem Schirmherrn, dem es auch bei Lehrern und Eltern mit eher kurzer Zündschnur meist gelingt, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

Alles für die schönen Bilder? Die Kritik reicht der Minister genüsslich weiter

So ist es auch an diesem Nachmittag. Draußen auf dem Marienplatz lärmen Aktivisten, drinnen schauen ihn sieben Augenpaare erwartungsvoll an. Piazolo wiegt den Kopf. Er ist nicht gerade bekannt dafür, überdurchschnittlich viel den Kontakt zur Außenwelt zu suchen, die Opposition charakterisiert ihn gerne als verkopften Akademiker mit eher durchschnittlicher Beherztheit. Doch er ist schlagfertig. Den Seitenhieb reicht er erst einmal weiter. "Es soll ja den einen oder anderen fotoaffinen Politiker geben", sagt er. Dann zählt er Projekte des Ministeriums auf: Umweltschule, Schule mit Courage, Insektenhotels, Tablet-Klassen.

Letztere werden von der Politik gerne zum Nonplusultra erhoben. Doch die Schüler sehen sie durchaus kritisch. Jeder zweite in ihrer Klasse habe ein Tablet, sagt die Tutzinger Realschülerin Greta Weber. "Die spielen im Unterricht immer irgendwelche Spiele", sagt die 16-Jährige. In ihrer Nähe sitzt Maria Schilcher, auch die 18-jährige Gymnasiastin aus Murnau hat Bedenken. Sie wolle nicht wissen, wieviel mehr heimliche Bildern von Lehrern wegen der Tablets existieren, sagt sie. Dass Thema Medienkompetenz ist indes ein dringendes: Auch auf Bayerns Schulhöfen haben sich Schüler in den vergangenen Wochen nach dem Vorbild einer Netflix-Serie regelrechte Gefechte geliefert.

Heftige Auseinandersetzungen gibt es auch in Piazolos Partei, nur eben über den Sinn und Unsinn des digitalen Klassenzimmers. Er selber ist auch hin- und hergerissen. Schließlich seien Tablets ja nicht klimaneutral. "Wenn wir jetzt Millionen bestellen, wie werden die dann entsorgt?" Ein Gedanke, der noch weit weg zu sein scheint: Laut einer Forsa-Umfrage ist bisher erst jeder vierte Schüler in Bayern mit einem Gerät ausgestattet.

Als es um die Maskenpflicht geht, zeigen sich die Schüler kooperativ

Dass es am Ende drauf ankommt, wie man die Dinge umsetzt, zeigt sich auch bei den vielen Schulauszeichnungen wie "Umweltschule" oder "Schule mit Courage". Für die "Schule ohne Rassismus" seien die Ansprüche viel zu niedrig, moniert Laura Gießl vom Pullacher Gymnasium. "Das sind nicht gerade die, die am wenigsten Rassismus aufweisen", sagt die 17-Jährige. Warum nicht die Messlatte hochsetzen? "Das prüfen wir mal", verspricht der Kultusminister.

Ihn dürften dieser Tage weniger Label-Kriterien umtreiben als die grundsätzliche Frage, wie man den Präsenzunterricht im Winter trotz immer mehr Ansteckungen unter den Kindern und Jugendlichen aufrechterhalten kann. Dass die Maskenpflicht nach einem Monat zurückkommen wird, gilt als ausgemacht. Doch kann man bei den Jüngsten die Regeln verschärfen, während die Älteren zum Feiern in die Clubs dürfen?

Durchaus, meinen die Schüler - zumindest, solange es bei der OP-Maske bleibt. Weber musste ihre Prüfungen im vergangenen Jahr mit FFP2-Maske schreiben, "echt anstrengend" sei das gewesen, sagt sie. Es müsse eben ausgeglichen sein, sagt Piazolo. Wie dieser Ausgleich aussehen könnte, wird sich in dieser Woche zeigen: Am Mittwoch treffen sich die Minister zu einer Sonder-Kabinettsitzung.

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