bedeckt München 13°

Peggy und NSU:Folgenschwere Irrtümer eines Ermittlers

Fall Peggy

Erst im Sommer haben Pilzsammler die sterblichen Überreste von Peggy gefunden.

(Foto: dpa)
  • Wolfgang Geier war der zweite Chefermittler im Fall der 2001 verschwundenen Peggy K. - und brachte Ulvi K. hinter Gitter.
  • Später übernahm er die Soko "Bosporus", die eine Mordserie in Nürnberg aufklären sollte - und ging von Mafiastrukturen unter Migranten aus.
  • Später stellten sich beide Ermittlungsergebnisse als Irrtümer heraus.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Es gab immer schon einen Verknüpfungspunkt zwischen den beiden Fällen NSU und Peggy. Jedoch bestand der bislang nicht aus einer DNA-Spur. Das Gemeinsame, das die beiden Fälle verbindet, ist ein Ermittler: Wolfgang Geier. Er übernahm knapp ein Jahr nach dem Verschwinden des neunjährigen Mädchens die zweite Sonderkommission als Chefermittler im Fall Peggy. Und bald nachdem dieser Fall vermeintlich gelöst war - damals dachte man noch: zur allgemeinen Zufriedenheit - , wurde er Chefermittler in Nürnberg. Die Soko, die eine Mordserie an Migranten aufklären sollte, nannte sich "Bosporus". Und nahm vor allem in Deutschland lebende Türken ins Visier ihrer Ermittlungen.

Zwei der spektakulärsten Justizfälle der Nachkriegsgeschichte, zweimal leitete derselbe Polizist die Ermittlungen. Und in beiden Fällen muss er sich inzwischen harte Kritik anhören. Er habe sich, so lautet der Vorwurf, zweimal sehr früh auf eine Tathergangs-Hypothese festgelegt und andere Spuren konsequent ignoriert. Und er habe sich zweimal sozusagen auf "Klischeetäter" konzentriert - eine Formulierung des Autors Christoph Lemmer, der ein Buch über den Fall Peggy geschrieben hat.

In dem einen Fall habe er sich auf einen behinderten Mann mit Migrationshintergrund festgelegt, der Vater von Ulvi K. stammt aus der Türkei. In dem anderen Fall auf angebliche Mafiastrukturen unter Migranten in Deutschland. Im zweiten Fall lag die Soko mit dem Namen "Bosporus" katastrophal falsch, wie man heute weiß. Im ersten Fall musste der Mann, auf den sich Geiers Ermittlungen fixierten, nach Jahren in der geschlossenen Psychiatrie freigelassen werden. Nach einem Wiederaufnahmeverfahren, in dem Geiers These vom Tathergang nicht standhielt.

Als Geier in Nürnberg die Soko für jene Mordserie übernahm, die sich später als die Taten des NSU herausstellen sollten, wurde er von einer Boulevardzeitung als Superermittler gefeiert. Angeblich, so war es oft zu lesen, soll sich Günther Beckstein sogar persönlich dafür eingesetzt haben, dass Geier diese Aufgabe übernehmen durfte. So wie Beckstein ihn auch auf den Fall der verschwundenen Peggy angesetzt haben soll, nachdem der erste Leiter der Soko über Monate nicht weitergekommen war. Geier galt als smart, als Vorzeigepolizist, als einer, den man Medien präsentieren kann. Und ihm eilte spätestens nach der Verurteilung von Ulvi K. der Ruf als Siegertyp voraus: einer, dem man den Durchbruch in den komplexen Fällen zutraut.

Als "Macher", sagt der Anwalt Michael Euler, habe sich Geier selbst gesehen und sich entsprechend verhalten: ein Polizist, der Ermittlungserfolge liefert, nicht nur Ansätze. Euler ist der Anwalt, der das Wiederaufnahmeverfahren für Ulvi K. vorbereitet hat. Er glaubt, dass Geier von Belastungseifer gegen Ulvi K. getrieben war. Sämtliche Entlastungszeugen für Ulvi K. habe Geier "durch Mehrfachbefragungen" quasi aus dem Verfahren genommen, sagt Euler. Und diese frühe Fixierung auf einen Täter beziehungsweise eine Tat-Hypothese habe sich später bei den NSU-Morden auf fatale Weise wiederholt.

Geier: "Da war nie eine Spur zu erkennen"

Gegen solche Vorwürfe hat sich Geier schon im Wiederaufnahmeverfahren vehement gewehrt. Einseitige Ermittlungen, unlautere Vernehmungsmethoden? Nüchtern betrachtet waren es mehr als 4000 Ermittlungsspuren und 21 000 Datensätze, denen er und die Kollegen nachgegangen seien, erwiderte er Kritikern im Wiederaufnahmeverfahren. Als verdächtig sei keineswegs nur Ulvi K. eingestuft worden, sondern insgesamt 13 Personen. Als einziger aber habe Ulvi K. ein eindeutiges Motiv gehabt. Man sei davon ausgegangen, dass er den sexuellen Missbrauch Peggys vier Tage zuvor habe vertuschen wollen.

Geier ist seit anderthalb Jahren pensioniert, zuletzt war er als Leiter einer Ermittlungsgruppe bei der Kriminalpolizei in Würzburg tätig. Er äußert sich nur ungern über das, was war. Diesmal aber macht er eine Ausnahme. "Die einzige Verbindung zwischen dem NSU und dem Fall Peggy war für mich, dass ich in beiden Fällen tätig war", sagt er und atmet tief durch. Niemals habe er da einen Zusammenhang sehen können zwischen den beiden Fällen, "da war nie eine Spur zu erkennen". Dass er es war, der in beiden Fällen als Chefermittler tätig war, werde nun "Verschwörungstheoretiker" geradezu herausfordern, das ahne er. "Damit aber kann ich leben und werde es auch müssen", sagt Geier. Er sei zusammen mit Günther Beckstein schon mal als "Erfinder des NSU" verunglimpft worden, "in dieser Hinsicht kann mich nichts mehr erschrecken".

Und natürlich, sagt Geier, beschäftigen ihn die beiden Fälle noch, "auch wenn ich zum großen Teil damit abgeschlossen habe". Die Meldung vom Fund der DNA-Spur habe er "erst gar nicht glauben können", so "abenteuerlich" habe das für ihn geklungen. Nun aber plädiere er dafür, die Ermittler ihre Arbeit machen zu lassen.

Das sieht Herbert Manhart, Geiers Vorgänger als Soko-Chef im Fall Peggy, genauso. Ansonsten aber hat er einen ganz anderen Ansatz als Geier. Manhart hatte die Ermittlungen etwa elf Monate geleitet, nach ihm übernahm Geier. Dass dies auf Betreiben Becksteins geschehen sein soll, der einen fähigeren Ermittler haben wollte, hält Manhart für eine Legende. Der Grund sei vielmehr seine nahende Pensionierung gewesen und ausstehender Resturlaub.

Mit einem aber, sagt Manhart, habe er nie hinterm Berg gehalten: "Für mich hat nichts dafür gesprochen, dass Ulvi K. der Täter gewesen ist, zu keinem Zeitpunkt." Und er sei da unter Kollegen "nicht der einsame Rufer in der Wüste" gewesen, der dies für fast unmöglich gehalten habe. Umso erstaunter sei er gewesen, als Ulvi K. von den nachfolgenden Kollegen als Täter präsentiert wurde und das Landgericht sich von den Indizien überzeugen ließ. Einen Zusammenhang des Falls Peggy mit dem NSU, das sieht Manhart dagegen wie Geier, könne er sich schwer vorstellen.

© SZ vom 15.10.2016/bica

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite