Kulturmagazin:"Du, wia schaut's denn aus mit unserm Heftl?"

Lesezeit: 5 min

Josef Winkler, Gründer der Zeitschrift: Muh

Seit Josef Winkler nicht mehr in München, sondern in Palling wohnt, kümmert er sich um Schafe und seine anderen Tiere.

(Foto: Florian Peljak)

Josef Winkler macht seit zehn Jahren die "MUH", die über Musik, Heimat und Volksschauspieler wie Gustl Bayrhammer schreibt. Neulich stand die Zeitschrift kurz vor dem Aus.

Von Gerhard Fischer

Josef Winkler steht auf, geht zwei Meter und schiebt mit dem rechten Unterarm die Katze vom Tisch. "Das wollte ich schon immer machen", sagt er, "wie Michael Douglas in dem Film Der Rosenkrieg." Im Gegensatz zu Douglas hat Winkler die Katze ganz sanft vom Tisch gewischt. Aber die Szene in seiner Wohnstube zeigt, mit Verlaub, dass er närrisch genug ist, eine freche Zeitung wie die MUH zu machen, die eher grün als bayerntümelnd daherkommt - und die prall gefüllt ist mit Texten über Musikgruppen und über Volksschauspieler wie Gustl Bayrhammer. Die MUH gibt es seit zehn Jahren, doch diesen Herbst hat sie bloß überlebt, weil eine Spenden-Aktion mehr als 50 000 Euro eingebracht hat.

Das Treffen mit Winkler, 49, beginnt am Bahnhof in Traunstein. Es schneit, Winkler braust mit seinem roten Auto heran und öffnet einladend die Beifahrertür. Im Autoradio läuft die Jazzsängerin Nina Simone. Winkler war lange fester Mitarbeiter beim Musikexpress in München, noch heute schreibt er monatlich eine Kolumne.

Die Fahrt nach Palling, wo Winkler auf einem Aussiedlerhof wohnt, dauert 15 Minuten. Man redet über die aktuelle MUH und die Titelgeschichte über Bayrhammer. "War der früher dünn", sagt Winkler. "Man erkennt ihn auf alten Bildern gar nicht." Wer an Bayrhammer denkt, sieht tatsächlich ein wuchtiges Mannsbild mit wuchtigem Schnauzbart vor sich. Als junger, dünner Mann spielte er am Theater in Sigmaringen mit Toni Berger, der später auch ein großer Volksschauspieler geworden ist und einen alten, dünnen Mann spielte, den Boandlkramer beim "Brandner Kaspar". Jedenfalls begab es sich, dass sich die beiden einige Jahre nach ihrem Engagement in Sigmaringen wieder begegneten und Berger zu Bayrhammer sagt: "Ja, sag a mal, Gustl, du bist ja fett!"

Winkler lächelt kaum, als er die Geschichte erzählt. Er redet - mit bairischer Sprachfärbung - sehr bildhaft, was auf eine ausladende Fantasie schließen lässt, und er setzt die Pointen eher staubtrocken. Im Auto erzählt er noch, dass ein alter Bekannter aus dem Dorf die MUH neulich abbestellte, weil Winkler im Editorial dazu aufgerufen hatte, "das Herrengedeck des Grauens", bestehend aus Armin Laschet, "der BlackRock-Mutante Friedrich Merz" und dem "Gelben Sack" Christian Lindner, nicht zu wählen, sondern lieber SPD, Grüne oder Linke. "Die Linke, das war ihm zu viel", sagt Winkler.

Der Hof liegt kurz vor Palling. Winkler, der zuvor lange in München lebte, wohnt hier seit 2015 mit Frau, Kindern, Katzen, Schafen und Hühnern. Er sagt auch, wie viele Hühner, Katzen, Schafe und Kinder er hat, aber er redet manchmal so schnell, dass man nicht mitkommt. Fest steht: Er hat drei Kinder, sie sind zwischen sechs und elf Jahre alt, und sie nehmen viel Platz ein. Winkler geht an den Tisch in seiner Wohnstube, auf dem ein Laptop steht. Mit den Händen zeigt er an, dass ihm ein Viertel des Tisches sozusagen als Büro zusteht. "Das ist die Redaktion der MUH", sagt er.

Was das Redaktionelle angeht, macht er die 100 Seiten starke, vier Mal im Jahr erscheinende MUH quasi alleine, er schreibt, sucht Themen, redigiert die Texte der Autoren. Die Kollegin Nicole Kling sei, so Winkler, "für die geschäftliche Seite zuständig: Anzeigen, Druck, Vertrieb, Abo-Versand, Steuerdinge. Ich bin gottfroh, dass ich mich da raushalten darf." Mitherausgeber ist übrigens Stefan Dettl von der Band LaBrassBanda.

Die erste MUH-Ausgabe war 2011 erschienen, aber bereits "im November oder Dezember 2009", so Winkler, sei der "Urmoment der MUH" gewesen. Nicole Kling, damals in der Marketing-Abteilung des Münchner Axel-Springer-Mediahouse, war als Gast mit LaBrassBanda in London. "Vor einem Konzert waren Nicole und Stefan Dettl in einem Pub", erzählt Winkler. Kling habe über den anstehenden Umzug der Springer-Zeitschriften nach Berlin gesprochen, und irgendwann sei sinngemäß der Satz gefallen: "Wurscht, wir machen unser eigenes Magazin." Es sollte eine Zeitschrift für Musi und Heimat werden: MUH. Bei Musi war eher die progressive Neue Volksmusik gemeint als der Heile-Welt-Schlager der Berge. Solche Sachen sind nach fünf Guinness oft wieder vergessen, aber diesmal war es anders. Einige Tage später rief Dettl bei Kling an: "Du, wia schaut's denn aus mit unserm Heftl?"

Josef Winkler hing zu dieser Zeit zwischen Baum und Borke, denn auch der Musikexpress zog nach Berlin um. Sollte er mitgehen? Der Vater war gestorben und die Mutter alleine auf dem Bauernhof. Winklers Frau war schwanger. Er wollte in Bayern bleiben. Eines Tages, nicht lange nach ihrem London-Trip, tauchte Nicole Kling in der Redaktion des Musikexpress auf und fragte Winkler, ob er sich vorstellen könnte, bei "so einem Heftl" mitzumachen. Er konnte. "Und die vage Idee einer eigenen Zeitschrift wurde schnell konkret - in 30 Minuten haben wir die MUH konzipiert", erzählt Winkler. Das Heft sollte von der CSU bis Irgendwie und Sowieso, von Kofelgschroa bis zum FC Bayern alles enthalten. "Ein General-Interest-Magazin wie der Stern mit Fotostrecken, ernsten Themen, leichten Themen."

Die Autoren bekamen damals geringe oder keine Honorare, und Winkler und Kling blieb auch nicht viel Geld. Machte er es aus Idealismus? Er lacht ein kurzes Ha!-Lachen. "Idealismus wäre ein bissl hoch gegriffen", sagt er, "aber der ist schon auch dabei. Und eine gewisse Bereitschaft zur Selbstausbeutung."

Wenn man Winkler beobachtet, stellt man fest, dass er immer irgendwie unterwegs ist. Körperlich sowieso. Einmal geht er mitten in den Raum, beugt sich nach unten und macht mit der rechten Hand tippende Bewegungen - als ob er einen Basketball, der am Boden liegt, in die Höhe trommeln würde. "So langsam ist die MUH nach oben gekommen", sagt er. "Quasi aus einer Eigenschwingung heraus."

Winkler sandte einen Hilferuf, eine Crowdfunding-Aktion brachte 50.625 Euro ein

Aber er ist auch gedanklich immer unterwegs, denn er springt zwischen den Themen. Mal sagt er, dass er Gitarre spiele, seit er 18 sei; dass er aber nie in einer Band gespielt habe. Dann erzählt er, wie er eines Tages in die Redaktion des Musikexpress gekommen sei, weil ein Freund dort arbeitete, und wie der Freund beiläufig die Sekretärin gefragt habe, ob man einen Praktikanten brauche. Winkler machte das Praktikum, blieb und beendete sein kurzes Studium der Kommunikationswissenschaften. Beim Musikexpress war er der Mann, der auch mal dafür sorgte, dass bayerische Themen unterkamen; dass etwa die erste LaBrassBanda-Platte besprochen wurde. "Und ich habe einmal sogar das Wort ,fei' im Musikexpress untergebracht."

Dann kommt er wieder zur MUH.

"Wir waren immer in finanzieller Schieflage", sagt Winkler. 2017 wollte Nicole Kling aufhören, und Winkler war kurz davor. Beide seien "ausgelaugt von sieben Jahren kompletter Eigenverantwortung" gewesen. Aber dann wollte er doch noch "irgendwas" probieren. "Ich wollte einen Verlag finden, der die MUH unter seine Fittiche nimmt." Er überzeugte den Oekom-Verlag. Kling blieb. Winkler machte weiter. Es gebe seither etwas mehr Bezahlung, sagt er, aber das Budget sei dennoch überschaubar. "Etwa 3500 Euro pro Heft - mit Text- und Fotohonoraren", sagt Winkler. "Da muss ich brutal knausern."

Und dann kam Corona.

Zwar hat die MUH in der Hauptsache Abonnenten, es sind etwa 4000, aber die Schließung der Läden hat dem Einzelverkauf geschadet. Im Sommer 2021 sandte Winkler einen Hilferuf, die MUH startete eine Crowdfunding-Aktion, die 50 625 Euro erbrachte. "Das war wirklich der Knaller", sagt Winkler, "aber der allergrößte Teil geht drauf, um das Bilanzloch zu stopfen." Er müsse weiter sparsam wirtschaften, aber er hoffe, dass die Existenz der MUH nun für ein paar Jahre gesichert sei.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusEin Künstlerleben
:"Ich werde nie angemessen sein"

Cora Frost prägte das München der Achtzigerjahre durch Auftritte in Clubs und Bars. Die Chansonette war schon queer, als der Begriff hierzulande noch unbekannt war. Über Schutzengel, Zwischenwesen und die Zeitverschwendung, sich alt und hässlich zu fühlen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB