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Passionsspiele in Oberammergau:An den Haaren sollst du sie erkennen

Schreinern, schneidern, streiten: Oberammergau bereitet sich auf die Passionsspiele 2020 vor. Eine Initiative will per Bürgerentscheid den Umbau der Kulissen im Theater verhindern.

Bis zum offiziellen Beginn der Oberammergauer Passionsspiele am 16. Mai 2020 sind es noch etwas mehr als 270 Tage. Nach dem inzwischen traditionellen Vorspiel "Die Pest" gibt es diesmal noch ein weiteres Präludium: Am Freitag sind im Rathaus die Unterschriften für ein Bürgerbegehren überreicht worden. Die drei Initiatorinnen wenden sich damit gegen den Umbau der Kulissen im Passionstheater aus dem Jahr 1930. Bühnenbildner Stefan Hageneier will unter anderem mehrere Treppen und Rundbögen verändern. Das geht den Traditionalisten im Ort schon wieder zu weit. Voraussichtlich am 11. September wird der Gemeinderat darüber entscheiden, ob das Bürgerbegehren zugelassen wird.

Bis dahin wird in Oberammergau weitergebaut, der Terminplan ist eng. Auch die Schneiderei ist bereits mitten in den Vorbereitungen, der Kartenvorverkauf läuft. Die Haare der Schauspieler wachsen langsam zur Bühnenreife heran. Wenn man davon ausgeht, dass ein Haar einen Zentimeter im Monat wächst, bedeutet das, es ist noch mit etwa neun Zentimeter Zuwachs zu rechnen auf den Oberammergauer Köpfen und an den Bärten. Wer beim Passionsspiel dabei ist, so lautet eine der vielen wunderlichen Regeln, lässt sich die Haare wachsen. Traditionell am Aschermittwoch, in diesem Jahr am 6. März, wurde der "Haar- und Barterlass" verkündet.

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Feierlich riefen Oberammergaus Bürgermeister Arno Nunn und Passionsspielleiter Christian Stückl die Spielerinnen und Spieler dazu auf, sich die Haare nicht mehr zu schneiden, die Männer müssen außerdem auf die Bartrasur verzichten. Eine eigenwillige Tradition, schließlich weiß niemand, wie Jesus und seine Zeitgenossen ausgesehen haben. Und überhaupt ist Theater doch das Medium der Abstraktion, da könnte man ja alles behaupten. Man könnte Jesus Dreadlocks verpassen, eine Glatze, man könnte ihn sogar von einer Frau spielen lassen, wenn es der Regisseur denn für eine gute Idee befände. Christian Stückl aber hat ein Herz für Traditionen. Schon im März sagte er, er wolle seine Zeit nicht damit zubringen, liebenswerte Bräuche wie den Barterlass zu hinterfragen.

Er will sich lieber darum kümmern, die Idee der Passion, die auf ein Gelübde von 1632 zurückgeht, zu vermitteln, auch an jüdische Gemeinden, die dem Ganzen in der Vergangenheit durchaus kritisch begegnet sind. Es sei außerdem schön, durch Oberammergau zu gehen und an Bart und Haaren sofort zu erkennen, wer Teil der Passionsfamilie ist, findet Stückl. Haare als Symbol der Zugehörigkeit.

Rund 2000 Oberammergauer werden nächstes Jahr dabei sein. Nicht alle stehen auf der Bühne, dennoch: Es wächst gerade jede Menge Haar heran am Fuße des Kofels. Für die Frauen ist das Ganze freilich weniger spektakulär, ein paar Zentimeter hin oder her fällt sowieso nicht auf. Aber an den Männern ist die Verwandlung doch drastisch. Nun, fünf Monate nach dem Erlass, kringeln sich bereits die ersten Locken, haben sich die ersten Strähnen bis unters Ohr vorgearbeitet. Erstaunlich, wie ein bisschen mehr Bart ein Gesicht verändert, wie er ihm gleich ein paar Jahre Alter hinzu mogelt und das Gesamtbild erdiger, holzfällerischer scheinen lässt.

In zwei Wochen geht es für die Hauptdarsteller, die jeweils paarweise besetzt sind, richtig los: Sie reisen nach Israel zu den Originalschauplätzen des Neuen Testaments. Die erste Leseprobe ist für den Sonntag, 1. Dezember, angesetzt. Danach nimmt das weltberühmte Spektakel seinen Lauf. Auf welcher Bühne, das muss sich allerdings noch herausstellen.