bedeckt München 18°

Naturschutz:Jagdverband: Über kurz oder lang werden "wieder Wolfsrudel in Bayern leben"

Erster Wolf im Süden Sachsen-Anhalts entdeckt

Den Wolf heißen nicht alle willkommen in Bayern.

(Foto: Arno Burgi/dpa)
  • Bei Memmingen ist ein wildes Tier in ein Rotwildgatter eingedrungen und hat eine junge Hirschkuh gerissen, möglicherweise ein Wolf oder ein wilder Hund.
  • Der Präsident des bayerischen Jagdverbands fordert trotzdem schon einmal ein besseres Wolfsmanagement in Bayern.
  • Wildtierexperten halten das Wolfsmanagement für ausreichend. Es könne leicht ergänzt werden.

Von Christian Sebald

Noch ist es ungewiss, ob es ein Wolf war, der am Wochenende bei Memmingen in ein Rotwildgatter gesprungen ist und ein sogenanntes Schmalstück - eine einjährige Hirschkuh - gerissen hat. Es könnte auch ein wildernder Hund gewesen sein.

Aber der Jagdverband ist schon mal vorgeprescht. "Wir dürfen die Augen nicht länger davor verschließen, dass über kurz oder lang wieder Wolfsrudel in Bayern leben werden", sagt Jägerpräsident Jürgen Vocke. "Und auch nicht davor, dass das Probleme mit sich bringt." Deshalb fordert Vocke, dass sich Politiker, Naturschützer, Bauern und Jäger intensiv damit befassen, was es bedeutet, wenn wieder Wölfe durch Bayern streifen. "Wir brauchen ein richtiges Wolfsmanagement", sagt Vocke.

Fachleute wundern sich über Vockes Vorstoß. "Denn es ist ja nicht so, dass wir in Bayern kein Wolfsmanagement hätten", sagt der Jagd- und Wildtierexperte Ulrich Wotschikowsky. "Zwar ist unser Managementplan bislang nur auf Einzeltiere abgestellt, die durch Bayern ziehen und womöglich hier längere Zeit leben, und nicht auf ganze Rudel." Aber in dem 58 Seiten starken Heft "ist wirklich alles angesprochen, was angesprochen werden muss" - von den gesetzlichen Vorgaben über den Schutz der Raubtiere sowie den Umgang mit auffälligen Wölfen und Schutzmaßnahmen für Kühe auf den Weiden bis hin zu Schadenersatz für gerissene Schafe und andere Nutztiere.

"Mehr braucht es nicht", sagt Wotschikowsky, "zumindest derzeit". Denn wenn sich irgendwann einmal das erste Wolfspaar gefunden habe, könne man den Managementplan jederzeit ergänzen. "Es gibt genügend hervorragende Vorbilder in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen, wo es schon lange nicht nur ein, sondern viele Rudel gibt." Manch einer vermutet deshalb schlicht Profilierung hinter Vockes Vorstoß.

Der Jägerpräsident weist das weit von sich. Er nimmt vielmehr für sich in Anspruch, einen Wandel durchgemacht zu haben. Denn früher, da war der Jägerpräsident strikt dagegen, dass Wolf, Bär oder Luchs wieder eine Heimat in Bayern haben sollen. Als vor zehn Jahren Braunbär Bruno aus dem italienischen Naturpark Adamello-Brenta nach Bayern zuwanderte, ließ der Jagdverband sogleich verlauten, dass es im 19. Jahrhundert "gute Gründe gab, warum die Bären ausgerottet wurden". Später wetterte Vocke gegen die Rückkehr von Wölfen und Luchsen.

So etwas hört man jetzt nicht mehr von Vocke. Stattdessen sagt er: "Die Wölfe werden kommen, wir haben da keinen Einfluss. Außerdem gibt es viele Menschen, die sich ihre Rückkehr wünschen und als Bereicherung empfinden würden." Auch der Forderung nach "wolfsfreien Zonen" - Gebieten, in denen Wölfe abgeschossen werden, wie sie die Almbauern für Schutz ihrer Nutztiere auf den Bergweiden fordern - sieht Vocke inzwischen eher mit Skepsis.

"Zum einen sind sie vom Naturschutzrecht her nicht so ohne Weiteres möglich", sagt er. "Zum anderen stellt sich die Frage, wie so eine wolfsfreie Zone funktionieren soll. So ein Wolf hält sich ja nicht daran, wenn wir sagen, da darf er nicht rein, das ist eine wolfsfreie Zone." Stattdessen wünscht sich Vocke eine Debatte über bessere Entschädigungsregelungen, auch für Jäger, in deren Revieren ein Wolf Rehe und andere Wildtiere reißt. Am Landesamt für Umwelt analysieren sie derweil mit Hochdruck, ob es bei Memmingen wirklich ein Wolf war, der die Hirschkuh gerissen hat.

© SZ vom 07.12.2016/bhi

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite