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Michael Adam:Sein Parteibuch war Adam nie besonders wichtig

Und dann gab es da ja noch die Pfeile, die er ausgerechnet denen hinschoss, die so stolz auf ihn waren. Vor der Landtagswahl 2013 nannte er SPD-Landeschef Florian Pronold einen "Speichellecker" und "Ja-Sager". Die SPD, sagte er öffentlich, sei "nicht wählbar". Also wählte der SPD-Hoffnungsträger die CSU - und posaunte auch diese Frechheit ungefragt in die Öffentlichkeit hinaus.

"Es gibt Sachen, die hätte er lieber nicht sagen sollen", sagt Rita Röhrl. "Da war er einfach zu jung, diplomatisches Verhalten muss man erst lernen." Ob nun kindisch, kalkuliert oder irgendwie selbstzerstörerisch: Den Heldenstatus in der Bayern-SPD war er nach seinen Attacken jedenfalls los, die Chance auf eine Parteikarriere war dahin. Damals, sagen die Leute, begann der Abstieg des Michael Adam.

Doch gekratzt hat ihn dieses Gerede nie, sein Parteibuch war ihm nie besonders wichtig, nach außen kam das zumindest so rüber. "Er hat die Fähigkeit, alle Parteien und Gruppierungen einzufangen, sodass auch schwierige Entscheidungen problemlos getroffen werden können. Das bewundere ich", sagt Rita Röhrl. "Aber vielleicht war er halt doch zu jung, es ging alles zu schnell, es war zu viel."

Zu jung, zu schnell, zu viel. Vielleicht ist das Scheitern des Michael Adam ganz einfach zu erklären. Und vielleicht ist es gar kein Scheitern, vielleicht ist sein Rückzug nur die logischste, weil menschlichste aller Konsequenzen. "Er hat ein ganzes Stück seiner Jugend verloren, als er Bürgermeister geworden ist", sagt Ina Gruber. Sie leitet das Jugendzentrum in Bodenmais, kennt Adam seit er ein Teenager war, hat ihn bei seinem Coming-Out unterstützt.

Und sie hat mitgekriegt, wie Adams Freunde tanzen gingen, während er selbst bei Feuerwehrversammlungen saß oder bis spät in die Nacht am Computer. Ina Gruber glaubt, dass er endlich "etwas nachholen kann", wenn er nicht mehr Landrat ist. Dass er sich holt, was er damals weggeschmissen hat: seine Jugend.

So ähnlich sagt das auch Rita Röhrl. Dass Adam aufhört, "bedauere ich sehr", er sei ein toller Landrat. Trotzdem findet sie, dass sein Rückzug "ein guter Weg für ihn ist. Er kann jetzt die Jugend nachholen, die er so nicht erleben konnte". Aber geht das jetzt überhaupt noch, mit 32? Da ist sich Röhrl dann doch nicht ganz sicher: "Im Moment ist es unheimlich reizvoll, sich von den Zwängen zu befreien. Ob er das auf Dauer so empfindet? Mit den Folgen muss er fertig werden."

Zumal er gute Chancen gehabt hätte, wieder gewählt zu werden. Sogar politische Konkurrenten loben den Job, den er als Landrat macht, die Leute im Landkreis mögen ihn immer noch. Manche trotz, manche wegen seiner Eskapaden, die ihn unberechenbar machten, aber halt auch menschlich, weil jeder Mensch seine inneren Widersprüche hat. "Er hätte den bequemeren Weg gehen können. Er hätte wieder kandidieren, nach zwei Jahren aufhören können und wäre versorgt gewesen", sagt Rita Röhrl.

Ihm scheinen die Kräfte zu fehlen

Schon im Frühling 2018 hätte Adam ja die zehn Amtsjahre vollmachen können, die ein Wahlbeamter braucht, um eine lebenslange Pension zu bekommen. Doch ihm scheinen selbst für ein, zwei weitere Amtsjahre die Kräfte zu fehlen. "Ich glaube, dass der Michael den Stress nicht mehr haben will und den Druck, den so ein Wahlkampf mitbringt", sagt Ina Gruber.

Und was sagt Michael Adam? Er steht jetzt im Flur des Jobcenters, sein Auftritt ist rum, er gibt die Hand, aber keine Antworten. Er wirkt gehetzt, muss weiter zum nächsten Termin. Man muss sich also zufrieden geben mit seinem Facebook-Eintrag und mit der Pressemitteilung, die er vor einer Woche verschickt hat. Darin heißt es, er habe "stets darunter gelitten", dass er sein Studium abgebrochen hat, als es ihn damals so plötzlich in die Politik spülte. "Ich bin nun mit 32 Jahren in einem Alter, in dem ich gerade noch relativ unkompliziert einen berufsfähigen akademischen Abschluss nachholen kann."

Normalerweise ist es ja so: Jemand geht studieren, um irgendwann mal Landrat zu werden. Bei Michael Adam ist es andersrum: Er hört als Landrat auf, um studieren zu gehen. Schon irgendwie irre, zumal er nicht mal weiß, was er hinterher mit seinem Politikstudium anstellen will, das sagt jedenfalls Rita Röhrl.

Ein letzter Blick auf Facebook. Er bedauere die Sex-Affäre und auch manche hitzige Äußerung, schreibt Michael Adam. Manchmal, da habe ihm die Gelassenheit gefehlt, doch "für Gelassenheit hätte ich Lebenserfahrung gebraucht", die habe er bis heute nicht.

Die Lebenserfahrung, so klingt es, will er sich jetzt endlich holen. Irgendwo da draußen, irgendwo außerhalb des goldenen Käfigs.

© SZ vom 25.03.2017/amm

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