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Landkreis Traunstein:Flüchtlinge erheben schwere Vorwürfe gegen Unterkunftsbetreiber in Ruhpolding

  • 27 junge Flüchtlinge campieren derzeit vor der Bayernkaserne, weil sie nicht in ihre eigentliche Unterkunft in Ruhpolding zurückkehren wollen.
  • Sie erheben schwere Vorwürfe gegen die Betreiber.
  • Im Landratsamt Traunstein konnte man den Männern bislang nicht helfen.

Das Blechdach über ihren Köpfen ist vielleicht drei Meter breit. Auf den Seiten prasselt der Regen auf den Asphalt und beginnt, die Ränder der Kartons aufzuweichen, die sie auf dem Boden ausgebreitet haben. Die meisten der 27 Männer haben sich in Decken gehüllt, so gut es geht, viele sitzen barfuß auf den fleckigen Schlafsäcken. Seit mehr als einer Woche harren sie schon aus auf einem Vorplatz an der Münchner Bayernkaserne, doch kaum jemand nimmt von ihnen Notiz.

Die jungen Afghanen und Pakistaner haben sich am Mittwoch vergangener Woche hieher geflüchtet zur Erstaufnahme für Asylbewerber. Doch sie sind nicht über die Balkanroute gekommen oder übers Mittelmeer. Sondern mit den Zug aus Ruhpolding, Landkreis Traunstein. In ihrer dortigen Gemeinschaftsunterkunft halten sie es nicht mehr es aus, sagen sie. Selbst das hier sei immer noch besser als dort.

Die Männer richten schwere Vorwürfe gegen die Betreiber der Unterkunft in einem ehemaligen Hotel. Die hätten ärztliche Überweisungen einfach zerrissen und bezichtigten kranke Bewohner selbst nach einem epileptischen Anfall als Lügner und Simulanten. Sie servierten Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum und hätten vier Männern Zimmer im Keller zugewiesen.

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Immer, wenn sich das Landratsamt ankündige, drücke man den Männern Geld in die Hand und schicke sie weg, bis auch die Mitarbeiter des Amtes wieder gefahren seien. Wer sich beschwere, werde bedroht und beim Landratsamt denunziert und falscher Dinge bezichtigt. Im Amt sei man zwar freundlich zu ihnen, habe aber nicht helfen können, sagen die Männer, von denen manche seit mehr als eineinhalb Jahren in der Unterkunft wohnen und andere erst seit wenigen Monaten. Zurück wollen sie auf keinen Fall, auch wenn sich hier niemand für sie zuständig sieht und sie weder duschen noch kochen können. Alles besser als wieder dorthin, sagt Mirwais, der eine Jacke mit der Aufschrift "Ruhpolding - Bayerische Alpen" trägt.

Für das Landratsamt Traunstein ist es schon die zweite Gruppe streikender Asylbewerber, mit denen sich die Behörde befassen muss. Denn in Bergen weigern sich 21 überwiegend aus Senegal stammende Männer, den Ort zu verlassen und stattdessen in eine 30 Kilometer entfernte und einige Kilometer außerhalb des Dorfes Petting am Waginger See gelegene Unterkunft zu ziehen. Doch das Landratsamt hat den Pachtvertrag für den früheren Gasthof in der Bergener Ortsmitte zum Monatsbeginn auslaufen lassen und besteht auf dem Umzug in das von der Gemeinde Petting günstiger zur Verfügung gestellte Haus.

Die jungen Männer haben sich aber geweigert, in die bereits vorgefahrenen Busse zu steigen. Seit Beginn des Monats campieren sie auf dem Dorfplatz. In Bergen seien sie bestens integriert, sagen ihre lokalen Helfer. Viele hätten auch gearbeitet, was ihnen als Geduldeten nicht mehr erlaubt und im zweifellos idyllischen Abseits am Waginger See auch kaum möglich sei. Zuletzt halfen sie nach der Flutkatastrophe in Simbach beim Schlammschaufeln, doch das scheitert inzwischen an der mangelnden Mitfahrgelegenheit dorthin.

Unterdessen gewinnt die Debatte zwischen dem Landratsamt und den Flüchtlingshelfern an Schärfe. Landrat Siegfried Walch (CSU) hat sich am Mittwoch erstmals zur Wort gemeldet, indem er auf Facebook die Strategie verteidigt hat, teure Unterkünfte zugunsten billigerer aufzulösen. Zur Integration gehöre es zu lernen, dass der Rechtsstaat die Regeln festlege und "der Sozialstaat kein Wunschkonzert" sei, schrieb Walch und kündigte an, jegliche Leistungen an die 21 Männer, die alle keine Kriegsflüchtlinge seien, nur noch in Petting auszuzahlen.

Die Flüchtlingshelfer werfen Walch eine eigenmächtige und gesellschaftspolitisch kurzsichtige Zwangsumsiedlung von gut integrierten Menschen vor. Walch habe überhaupt nicht versucht, die bisherige Unterkunft in Bergen billiger anzumieten.

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