Landkreis Traunstein:Asylunterkunftsbetreiber weist Vorwürfe als "erstunken und erlogen" zurück

Landkreis Traunstein: Seit drei Wochen campieren 27 Afghanen und Pakistaner unter einem Blechdach vor der Münchner Bayernkaserne.

Seit drei Wochen campieren 27 Afghanen und Pakistaner unter einem Blechdach vor der Münchner Bayernkaserne.

(Foto: Matthias Köpf)
  • Die Flüchtlinge erheben schwere Vorwürfe gegen die Betreiber ihrer Unterkunft in Ruhpolding.
  • Diese wiederrum halten die Angaben für erfunden und werfen den Männern vor, so ihre Verlegung erwirken zu wollen.

Von Matthias Köpf, Ruhpolding

Johann Huber lässt sich eine Tür nach der anderen aufsperren. Die Zimmer mit den eigenen kleinen Bädern sind normale Hotelzimmer, wie man sie vor 20 oder 30 Jahren eben eingerichtet hat, nur dass in manchen noch ein drittes Bett steht. Natürlich haben die Möbel und das ganze Haus bessere Zeiten gesehen. Zum Beispiel als der erste echte Starkoch des deutschen Fernsehens, Max Inzinger, hier in Ruhpolding seine Gäste bewirtet hat. Aber das ist lang her, und heute beherbergen Johann Huber und seine Frau hier im Auftrag des Landratsamts Traunstein Asylbewerber.

60 hätten Platz, um die 40 waren es zuletzt, und mit denen, die gerade da sind, pflegen die Hubers, die Köchin und ihr afghanischer Helfer einen entspannten Umgang. "Gut" sei es hier, das Essen, die Zimmer, alles, sagen manche. "Good", sagen andere. Trotzdem campieren 27 junge Männer aus den vielen leeren Zimmern seit drei regnerischen Wochen lieber unter einem schmalen Blechdach vor der Münchner Bayernkaserne.

Die Wortführer dieser 27 Afghanen und Pakistaner sprechen ganz anders über die Unterkunft und deren Betreiber. Die Liste der Vorwürfe reicht vom Essen über das Ignorieren von Krankheiten bis zum harschen Umgangston mit Drohungen und Einschüchterungen. Bewohner müssten im Keller schlafen, lautet noch so ein Vorwurf. Den Keller kann Johann Huber ebenfalls präsentieren, er nennt ihn - mit einigem Recht - lieber Souterrain. Hier im Aufenthaltsraum hätten wirklich oft Bewohner geschlafen, aber immer von sich aus und vermutlich, weil sich hier das Rauchverbot besser umgehen lasse.

Die Hubers und ihre Mitarbeiter reagieren mit Zorn und Unverständnis auf die Vorwürfe. Die seien alle "erstunken und erlogen", versichern sie. Man kaufe laufend frisch ein, besorge ausgefallene Zutaten und koche mit viel Aufwand nach den Wünschen verschiedener Nationalitäten. Kranke fahre man meist selbst zum Arzt und sei überhaupt so gut wie immer für alle da. Wenn die Männer zurückkommen, seien sie willkommen, beteuert Johann Huber. Er hoffe, dass sich aus dem Protest keine Nachteile in den Asylverfahren ergäben.

Dass diese Verfahren sich oft jahrelang hinziehen, sieht Huber als einen wahren Grund für den Protest an. Dies, unrealistische Ansprüche an ein Leben in Deutschland, Forderungen von Schleusern und Familienmitgliedern, großer Gruppendruck und der Einfluss eines Rädelsführers habe zur aktuellen Situation geführt, zeigt sich Huber überzeugt. Dazu kämen zu viel Alkohol und zu wenig zu tun, wobei speziell viele der nun Protestierenden alle Arbeitsangebote ausgeschlagen hätten und nicht zum kostenlos angebotenen Deutschkurs erschienen seien, weil ihnen auch der nicht gut genug sei. Eigentliches Ziel der Männer sei wohl, nach München verlegt zu werden, wo sie hofften, Frauen treffen und unter der Hand Geld verdienen zu können.

Aus den Reihen der verbliebenen Bewohner sowie der ehrenamtlichen Deutschlehrer und Flüchtlingshelfer in Ruhpolding erhält Huber einige Unterstützung für seine Darstellung. Flüchtlingshelfer an der Bayernkaserne haben von den am Eingang ausharrenden Männern wiederum einen ganz anderen Eindruck gewonnen. Die Männer selbst blieben am Dienstag bei allen Vorwürfen. Zurück wollen sie auf keinen Fall, alles sei besser als Ruhpolding oder Traunstein. Sonst würden sie überall hingehen, auch in kleine Orte, beteuern sie.

Im Landratsamt in Traunstein zeigt sich Landrat Siegfried Walch (CSU) derweil gelassen. Man habe die Unterkunft geprüft, an den äußeren Umständen könne es kaum liegen, und darüber hinaus kenne man auch nur die jeweiligen Darstellungen. Walch lässt wenig Neigung erkennen, in der aktuellen Lage eingreifen oder gar nachgeben zu wollen und damit einen Präzedenzfall für andere Asylbewerber zu schaffen. In München und in Ruhpolding geht das Warten weiter.

© SZ vom 22.06.2016/axi
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