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Asylbewerber:Es kommen weniger Flüchtlinge als erwartet nach Deutschland

Szene aus dem September vergangenen Jahres: In Passau kamen damals Tausende Flüchtlinge an.

(Foto: AP)
  • Migrationsforscher rechnen dieses Jahr mit 300 000 bis maximal 400 000 Flüchtlingen.
  • Das sind deutlich niedrigere Zahlen als die Prognose der Bundesregierung.
  • Auch die Zahlen für das vergangene Jahr werden nach Angaben der Forscher "überschätzt".

Nach Deutschland werden dieses Jahr vermutlich viel weniger Flüchtlinge kommen als zunächst erwartet. Herbert Brücker, Migrationsforscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), rechnet 2016 mit 300 000 bis maximal 400 000 Flüchtlingen, sofern sich an den politischen Rahmenbedingungen und der restriktiven Flüchtlingspolitik in der EU nichts wesentlich ändert. Die Bundesregierung war Anfang des Jahres noch von 600 000 Asylbewerbern ausgegangen.

Im Mai 2016 wurden 16 000 Flüchtlinge neu in Deutschland registriert, im Februar waren es noch mehr als 60 000. Die Schätzung des IAB-Forschers beruht auf einer Fortschreibung der aktuellen Statistiken. Auch die Zahlen für das vergangene Jahr werden nach Angaben des Bamberger Ökonomie-Professors "überschätzt".

Von den 1,1 Millionen, die 2015 in der Bundesrepublik Schutz suchten, seien vielleicht noch 800 000 im Land. "Es kann aber auch sein, dass es nur noch 600 000 oder 700 000 sind", sagte Brücker bei einem Seminar der Bundesagentur für Arbeit. Nach seinen Berechnungen sind bis zum Jahresende etwa 500 000 potenzielle erwerbsfähige Personen, die hier Asyl fanden, in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Die meisten Geflüchteten haben traumatische Erfahrungen hinter sich

Der IAB-Experte wies darauf hin, dass unter den Flüchtlingen der Anteil der Hochschulabsolventen etwa viermal so hoch sei, wie der Anteil dieser Gruppe in der Bevölkerung der Herkunftsländer. Dies hänge damit zusammen, dass sich eine Flucht oft nur Menschen leisten könnten, die zu Hause zu einem gewissen Wohlstand gekommen seien. Die Kosten für eine Flucht nach Deutschland bezifferte er mit durchschnittlich 5000 Euro.

Bisherige Befragungen von Geflüchteten zeigten, dass 80 bis 90 Prozent von ihnen vor oder während ihrer Flucht "traumatische Erfahrungen" gemacht hätten, sagte Brücker. Die Menschen hätten "eine hohe Wertschätzung für die Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit" in Deutschland. Auch die Polizei habe bei ihnen ein großes Ansehen.

Eine große Mehrheit befürworte die Trennung von Religion und Staat. Andererseits gebe es ein starkes Befremden über die Rolle der Frauen hierzulande. Bei dieser Frage sei die Diskrepanz zwischen den eigenen und den in Deutschland vorherrschenden Werten am größten, sagte Brücker. Das IAB bereitet gerade weitere Untersuchungen vor, 4000 Flüchtlinge werden befragt.

© SZ vom 17.06.2016/kjan
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