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Minderjährige:Auf den Spuren der verschwundenen Flüchtlinge

Manche Jugendlichen nutzen die Zeit in einer Jugendhilfeeinrichtung nur zum Durchschnaufen nach der Flucht. Dann ziehen sie weiter.

(Foto: Robert Haas)
  • 4452 Kinder und Jugendliche, die als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Bayern angekommen sind, haben die Jugendämter aus den Augen verloren.
  • Nur 1090 der als vermisst Gemeldeten konnten wieder aufgegriffen werden.
  • Die meisten Jugendlichen machen sich auf die Suche nach ihren Verwandten im Bundesgebiet oder im Ausland.

Von Dietrich Mittler

Von mehr als 3360 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die 2015 in Bayern von Jugendämtern als vermisst gemeldet wurden, fehlt nach wie vor jede Spur. Dies ist das Ergebnis einer Landtagsanfrage der Grünen-Abgeordneten Christine Kamm. Im Vorjahr haben demnach 4452 Kinder und Jugendliche still und heimlich jene Einrichtungen der Jugendhilfe in Bayern verlassen, in denen sie nach ihrer Flucht untergebracht waren - meist in der Hoffnung, nun endlich zu ihren bereits in anderen Bundesländern oder in Skandinavien lebenden Verwandten zu gelangen. Nur 1090 der als vermisst Gemeldeten konnten schließlich "im Bundesgebiet sowie in den skandinavischen Ländern wieder aufgegriffen werden", teilte das Innenministerium auf Kamms Anfrage mit.

Beunruhigt durch Medienberichte über Flüchtlingskinder, die in Berlin in die Fänge von Drogen- und Hehlerbanden geraten sind, befürchtet die asylpolitische Sprecherin der Grünen nun Schlimmes. Bayerns Behörden haben indes keine Kenntnisse darüber, ob und wie viele der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge womöglich "Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung oder zur Ausbeutung der Arbeitskraft wurden". Ein Grund dafür liegt allerdings schlicht darin, dass in der polizeilichen Kriminalstatistik das Merkmal "unbegleiteter minderjähriger Flüchtling" nicht erfasst ist. Kamm indes wittert dahinter auch "Desinteresse".

Das sieht das Sozialministerium, zuständig für die Unterbringungsmodalitäten, ganz anders: "Wenn die unbegleiteten Minderjährigen aus der Obhut der Jugendhilfe verschwinden, werden sie in Bayern nach zwei Tagen bei der Polizei als vermisst gemeldet", erklärte ein Sprecher des Ministeriums. Und: Man könne nicht davon ausgehen, "dass alle Jugendliche, die hier in Bayern aufgegriffen werden, hier auch bleiben wollen". Viele von ihnen hätten ein anderes Ziel. "Manche unbegleiteten Jugendliche nutzen nach ihrer beschwerlichen Flucht die Unterbringung und Versorgung in einer Jugendhilfeeinrichtung kurzfristig zum Durchschnaufen, bevor sie sich weiter auf den Weg zu ihrem Wunschort machen", hieß es.

"Wenn wir die Jugendlichen in Obhut nehmen, heißt das nicht, dass wir sie einsperren", sagt indes Alois Kriegl, der Leiter des Passauer Jugendamtes. Aufgabe einer Jugendhilfe-Einrichtung sei es, den Kindern und Jugendlichen nach ihrer Flucht Sicherheit zu geben, ihnen eine Perspektive zu eröffnen. "Sie einzusperren, das ist nicht Ziel der Jugendhilfe. Sie können sich also auch wieder auf den Weg machen", sagt Kriegl. Doch oft hinterlässt das plötzliche Verschwinden eines vertraut gewordenen Jugendlichen auch Spuren bei den Betreuern.

Sie sind wie vom Erdboden verschluckt

"Natürlich fragt man sich, wo sie abgeblieben sind", sagt etwa Sigrun Rose, die Geschäftsführerin der Diakonie in Neu-Ulm. Vor kurzem erst sei wieder ein Jugendlicher verschwunden, von dem man nun vermute, er sei vielleicht "nach Italien zurückgegangen". Genaueres könne sie aber nicht sagen. "Die meisten melden sich ja nicht mehr, sondern sind wie vom Erdboden verschluckt", sagt Rose. Und dann könne man ihnen nur wünschen, "dass sie in gute Hände gelangt sind".

Der 17-jährige Rashid (Name geändert) aus Pakistan, der vor sechs bis acht Wochen aus einer schwäbischen Einrichtung verschwand, gibt seinen Betreuern immer noch Rätsel auf. "Sein Zimmer sah aus, als ob er jeden Augenblick wiederkommen würde", sagt die Einrichtungsleiterin, die allein schon im Interesse des Jugendlichen anonym bleiben will. Rashid sei ihr als ein stiller, introvertierter Junge in Erinnerung. "Wir machen uns große Sorgen um ihn", sagt sie. Nach seinem Verschwinden habe man sämtliche Krankenhäuser in der Umgebung abtelefoniert. Jugendliche aus seiner Gruppe hätten über Facebook und Whatsapp nach ihm gesucht - vergeblich. Die Sorge ist nicht unbegründet: Rashid, traumatisiert durch schlimme Erlebnisse in der Heimat, leidet unter Depressionen.

Viele ziehen weiter zu ihren Familien

Der 17-Jährige ist bei weitem nicht der Einzige, der plötzlich nicht mehr da war, sagen seine Betreuer. Aber in etlichen anderen Fällen müsse man sich nicht solche Sorgen machen, etwa wenn sich die Jugendlichen in Gruppen auf den Weg machten. "Rund ein Drittel der gut 1800 jungen Flüchtlinge in unserer Obhut ist letztes Jahr weitergezogen", sagt der Passauer Jugendamtsleiter Kriegl. Von nur 150 erfuhr er schließlich über die Polizei, wo sie sich jetzt aufhalten. Sigrun Rose aus Neu-Ulm hat indes folgende Beobachtung gemacht: "Wenn die erst einmal eine gute Woche da sind, dann bleiben sie in der Regel."

Die Grünen-Abgeordnete Kamm indes sieht in den Absetz-Aktionen vieler Jugendlicher auch ein Zeichen dafür, dass sie mit der Unterbringung in der Jugendhilfe unzufrieden sind. Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat hält dies ebenfalls für ein Problem: "Bei den Jugendlichen werden manchmal von den Behörden falsche Hoffnungen geweckt, und manche Einrichtungen erweisen sich dann auch als ungeeignet", sagt er. Auch ihm macht die Ungewissheit zu schaffen, was aus den vielen jungen Menschen geworden ist.

Jugendamtsleiter Kriegl ist nur ein Fall in Erinnerung, der an das Happy End in Filmen erinnert. Ein junger Bursche, fast noch ein Kind, hatte sich ebenfalls aus Passau abgesetzt. Eines Tages klingelte das Telefon: "Der Bub hat brav bei uns angerufen und gesagt: Ich bin jetzt da angekommen, wo ich hin wollte." Der Anruf kam aus Schweden.

© SZ vom 18.04.2016/vewo
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