Archäologie Diese Frau lebte vor 7000 Jahren

Mithilfe eines 3-D-Drucks des Schädels und eines plastischen Gesichtsaufbaus wurde das Aussehen der Steinzeitfrau exakt rekonstruiert.

Wissenschaftliche Rekonstruktion: W. Schnaubelt & N. Kieser - Atelier WILD LIFE ART, Germany

(Foto: Armin Weigel/dpa/Bearbeitung: SZ)
  • Im Museum Quintana in Künzing ist die rekonstruierte Büste einer Frau zu sehen, die vor 7000 Jahren im niederbayerischen Donautal gelebt hat.
  • Die authentisch wirkende Rekonstruktion wäre so vor einigen Jahren noch nicht möglich gewesen.
  • Die Frau muss eine angesehene Position inne gehabt haben. Sie wurde wohl 50 Jahre alt.
Von Hans Kratzer

Ein Genderproblem hatte diese Frau vermutlich nicht, vielmehr scheint sie in ihrer Sippe schwer emanzipiert gewesen zu sein. Allein schon ihre strengen, leicht androgynen, von einem kostbaren Stirnband umrahmten Gesichtszüge lassen erahnen, dass sie vor 7000 Jahren im heute niederbayerischen Donautal eine herausragende Stellung genossen haben muss. Untermauert wird ihre Position durch teure Gaben, die man ihr ins Grab gelegt hat. Verblüffend ist auch, dass sie ein Alter von ungefähr 50 Jahren erreichte, was in der Jungsteinzeit, in der das Durchschnittsalter lediglich 30 Jahre betrug, eine Seltenheit war.

Seit einigen Tagen sind das Skelett und die rekonstruierte Büste dieser Steinzeitfrau im Museum Quintana in Künzing (Kreis Deggendorf) zu sehen. Man sollte das Wort Sensation nicht überstrapazieren, aber ein Staunen lässt sich beim Anblick dieses Gesichts kaum unterdrücken. Die Besucher, die sich über eine Treppe ins abgedunkelte Untergeschoss begeben, stehen plötzlich auf Augenhöhe vor einem Antlitz aus einer Zeit, von der eigentlich niemand eine Vorstellung hat - weder vom Leben noch vom Aussehen der Menschen. Umso verblüffter nimmt man hier unten zur Kenntnis, dass diese Frau gut in die Gegenwart passen würde. Ihr Gesicht trägt zeitlose Züge.

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Vor einigen Jahren wäre eine solch authentisch wirkende Rekonstruktion noch nicht möglich gewesen. Der modernen Wissenschaft ist es zu verdanken, dass man nun erstmals einem Menschen aus der Jungsteinzeit fast lebensecht in die Augen schauen kann. "Zu 90 Prozent hat die Frau so ausgesehen", sagt der Museumsleiter Roman Weindl. Ihre Zeitgenossen würden die Frau anhand der Büste jederzeit erkennen, vermutet er.

Vor vier Jahren wurde das Skelett in einem Grab in Niederpöring im Isartal entdeckt und von Mitarbeitern der Kreisarchäologie Deggendorf geborgen. Die Frau wurde in der für die Jungsteinzeit typischen Hockerhaltung bestattet. Die Kelten, die an dieser Stelle Jahrtausende später eine Palisade errichteten, zerstörten zwar das Grab teilweise, unter anderem auch das Becken der Leiche, aber der Schädel blieb erhalten und beglückt die heutigen Wissenschaftler mit einer Fülle von Informationen. Die Knochen und der an ihnen haftende Schmuck ermöglichen packende Einblicke in eine fremde Zeit, deren Errungenschaften, etwa die Landwirtschaft, bis heute nachwirken.

Will man die Tote von Niederpöring historisch einordnen, muss man sich vor Augen halten, dass sie eine der größten Umwälzungen der Menschheitsgeschichte erlebt hat. Im 6. Jahrtausend vor Christus klang die Ära der nomadisierenden Jäger und Sammler langsam aus, von da an machten sich die Menschen sesshaft, betrieben Ackerbau, hielten sich Tiere und kultivierten die Töpferei und den Steinschliff. Diese Entwicklung hatte sich vom Vorderen Orient über den Balkan nach Mitteleuropa ausgebreitet. Die Frau aus Niederpöring gehörte damit zur Schicht der ältesten Bauern in Mitteleuropa. Dass mitten im heutigen Niederbayern ein Brennpunkt dieses größten Umbruchs der Menschheitsgeschichte zu lokalisieren ist, wird in der Forschung nicht mehr angezweifelt.

70 000 Jahre

Backenzahnreste eines Neandertalers, gut 70 000 Jahre alt, zählen zu den frühesten menschlichen Spuren im heutigen Bayern. In der Jungsteinzeit vor gut 7500 Jahren wurden die ersten Einwanderer hier sesshaft. Sie besiedelten die fruchtbaren Lößflächen entlang der großen Flüsse Donau, Main und Isar. Die Steinzeit, die um 2200 vor Christus endete, wurde von der Bronzezeit abgelöst, auf die wiederum etwa 800 v. Chr. die von den Kelten geprägte Eisenzeit folgte. Die Kelten bauten die ersten Großsiedlungen und dominierten das hiesige Leben bis zu den Römern, deren Alpenfeldzug im Jahre 15 v. Chr. bayerisches Territorium erreichte und die Besiedlung Südbayerns in Gang setzte. Die Römer blieben bis zum Jahr 488 n. Chr. im Land. Die keltische und römische Restbevölkerung vermengte sich danach mit den Bayern, die erstmals im Jahr 551 schriftlich genannt werden.

Die Familie der Toten von Niederpöring hatte ihre Wurzeln nicht in der Donaugegend. Modern gesprochen, hatte sie einen Migrationshintergrund; die Vorfahren stammten aus der Gegend von Anatolien. Sie waren schon 500 Jahre vorher eingewandert, ohne sich mit den bereits hier lebenden Menschen zu vermischen. Die Hoffnung, es handle sich um frühe Vorfahren der Bayern, macht Joachim Pechtl, der wissenschaftliche Leiter des Projekts, zunichte. "Diese Menschen sind nicht mit uns verwandt."

Das hinderte die frühen Ackerbauern natürlich nicht, ihren Verstorbenen Schmuck, Werkzeug und Keramik mit in die Gräber zu geben. An einer Terrassenkante zur Isar hin gelegen, wurde das Gräberfeld dieser Menschen im Lauf der Jahrtausende weggespült. Sieben reiche Gräber aber blieben wie durch ein Wunder erhalten. Aus einem dieser Gräber stammt die geheimnisvolle Tote. Wie mag sie geredet haben, was mag sie gefühlt haben, wie sehr plagte sie das damalige Leben, in dem zum Beispiel Zahnschmerzen nicht kuriert werden konnten? Bislang hatte die Archäologie auf solche Fragen kaum Antworten parat. Nun aber gesellen sich neue Wissenschaften dazu, die endlich Licht ins Dunkel bringen. Die Zähne der Toten von Niederpöring, deren sterbliche Überreste ebenfalls im Museum zu sehen sind, wurden mit DNA- und Strontiumisotopen-Analysen untersucht. Dadurch konnte das Aussehen sowie die Herkunft der Toten bestimmt werden. Mit Methoden der Kriminalistik wurde das Gesicht geformt. Für die Plastik wurde mittels 3D-Scan ein 1:1-Modell des Originalschädels der Frau angefertigt, das dann als Basis für die Gesichtsrekonstruktion diente.

Das prächtige Stirnband, das die Frau trug, war ursprünglich mit gut 400 Gehäusen der heute seltenen Donaukahnschnecke verziert. Immerhin 207 Gehäuse waren noch am Kopf fixiert. Ein derartiger Schmuck ist nur aus sieben anderen jungsteinzeitlichen Gräbern in Süddeutschland bekannt.

Dieser spektakuläre archäologische Fall ist nun in einer multimedial zu bedienenden Vitrinenstation im Künzinger Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Es ist ein passender Ort, denn das Museum Quintana zeigt überdies zahlreiche herausragende Entdeckungen aus der mehr als 7000-jährigen Geschichte von Künzing, das zu den fundreichsten Gemeinden Niederbayerns zählt.

Museum Quintana in Künzing: www.museum-quintana.de; Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr, Telefon 08549-973112

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