Kratzers WortschatzSeeräuber im Sechzgerstadion

Das Bairische lebt von der Bildhaftigkeit - und da kann es passieren, dass die gröbste Beleidigung als Wertschätzung zu verstehen ist.

Seeräuber

Im Münchner Sechzgerstadion herrscht bisweilen ein rauer Umgangston. Wenn sich alte Freunde begrüßen, hört sich das so an: "Hä, oider Bazi, wo kimmstn her?" Antwort: "Des mägst jetz wissen, gell, du Säreiber (Seeräuber), du greisliger!" In diesem Biotop blüht die Schimpfwörterkultur, man muss sie aber richtig interpretieren. Je verletzender die Begriffe klingen, desto freundlicher sind sie gemeint. Die gröbste Beleidigung ist unter Sechzgerfans als Wertschätzung zu verstehen.

Früher war es Brauch, einem Mann mit struppigem Haupt- und Barthaar hinzureiben, er sehe aus wie ein Seeräuber. Der Straubinger Lehrer Hans Schlappinger stellte die Frage, wann und wie das altbayerische Binnenvolk mit Seeräubern bekannt geworden sei, da es doch nach Aventins Zeugnis "gern dahaim pleibt, nit vast auß in frembde land raist". Reiseberichte scheiden wohl aus, früher wurde wenig gelesen. Nach Schlappingers Theorie haben die Bayern wohl durch den Handel mit Venedig und Genua von den Piraten Kunde erhalten und den Begriff weitertradiert. Er lässt sich bis ins Fränkische hinein verfolgen, wo das Schimpfwort Seeräuber entlang der Handelsstraßen zu hören war. Warum viele Seeräuber die Sechzger auf Giesings Höhen heimsuchen, obwohl sie, geografisch betrachtet, die Bayern im Fröttmaninger Flachland bequemer erreichen könnten, muss noch erforscht werden.

Bild: Tobias Hase/dpa 3. Dezember 2018, 12:102018-12-03 12:10:50 © SZ vom 27.08.2018/vewo