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Islam:Erdoğans Spitzel in Bayern

Muslime beim Freitagsgebet in München, 2016

Muslime beim Freitagsgebet in München

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Moscheeverband DITIB steht in Deutschland unter Druck. Türkische Imame sollen für die Regierung in Ankara in ihren Gemeinden spioniert haben. Auch in Bayern beobachtete der Münchener Religionsattaché deutsche Vereine des Predigers Fethullah Gülen.

Von Stefanie Schoene

Diplomaten der türkischen Regierung haben offenbar bayerische Bürger ausspioniert. Der Süddeutschen Zeitung liegt ein Dokument des türkischen Generalkonsulats München vor, das detailliert die Vereinsstrukturen der muslimischen Bildungsbewegung um den Prediger Fethullah Gülen auflistet. Der Bericht des Religionsattachés an seine Vorgesetzten in Ankara umfasst zehn Seiten und trägt in türkischer Sprache die Überschrift "Informationen über den Religionsmissbrauch und die Strukturen der Terrororganisation Fethullah Gülen in unserer Region".

Der in den USA lebende Prediger Gülen und seine weltweit etwa zehn Millionen Anhänger werden von der türkischen Regierung für den Putschversuch im vergangenen Jahr verantwortlich gemacht. Bildungsinstitutionen, der Medienkonzern World Media Group, Unternehmen, Krankenhäuser und Universitäten die die Gülen-Bewegung seit den Achtzigerjahren unter anderem mit Unterstützung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğans aufgebaut hatte, wurden unter dem Namen "Fethullah Gülen Terör Örgütü" (Fetö) in die Liste der Terrororganisationen aufgenommen. Seitdem werden Gülen-Anhänger entlassen, enteignet und verhaftet.

Die Jagd auf Gülen-Anhänger kennt keine Staatsgrenzen, wie der Bericht des Münchener Religionsattachés zeigt. Ihm zufolge sind die bayerische Landeshauptstadt, Augsburg und Günzburg regionale Schwerpunkte des Netzwerks. "Die Aktivitäten dieser Terrororganisation Fetö begannen Anfang der Neunzigerjahre. Die Sympathisanten gründeten zunächst Nachhilfeinstitute und Kinderkrippen. So erreichten sie die unteren Bevölkerungsschichten und starteten dann mit den Schulgründungen", heißt es.

Aufgezählt werden die Kitas Atlantik in Ingolstadt, Kinderwelt in Augsburg, Mering und Gersthofen, die Vereine Frohsinn Bildungszentrum (Augsburg), Interkulturelles Dialogzentrum (München), die Unternehmervereinigung EXUV (München), vier Vision Lernpunkte Nachhilfe (München), Kubiwa Bildungszentrum (Waldkraiburg), Atlantik Schulungs- und Bildungscenter (Ingolstadt) und die Vision Privatschulen (Jettingen). Sie erhielten "erhebliche finanzielle Unterstützung" aus bayerischen Steuermitteln, heißt es in dem Bericht. Für die Schule in Jettingen müssten Eltern allerdings trotzdem monatlich 300 Euro Gebühren bezahlen.

Das Fazit des Münchener Religionsattachés über den Rückhalt der Gülen-Bewegung: "In unserer Region hat ein großer Teil der (türkischstämmigen) Bevölkerung der Organisation seine Unterstützung entzogen. 70 Prozent der Eltern meldeten ihre Kinder von Kindergärten und Schulen ab. Auch wenn sie (die Gülen-Anhänger) inzwischen keinen Zutritt mehr zu Ditib-Vereinen und -Moscheen haben, führen sie ihre Aktivitäten fort. Gefahrenabwehrende Maßnahmen der örtlichen deutschen Behörden sind nicht zu beobachten."

Auf Nachfrage heißt es in der Visionsschule in Jettingen, die Schülerinnenzahl sei lediglich von 180 im vergangenen Schuljahr auf 172 in diesem zurückgegangen. Und Mustafa Güngör, der Geschäftsführer des Frohsinn Bildungszentrums Augsburg, erklärt, die 230 Plätze in den vier Kitas seines Vereins seien voll belegt. Religionsattaché Kuddusi Uysal äußerte sich trotz mehrmaligen Nachfragens nicht zu dem Dokument. Auch die Frage, inwieweit die genannten Vereine dem Terrorismus zuzurechnen seien, ließ er unbeantwortet.

Ein Schreiben, mit dem die Religionsattachés weltweit aufgefordert wurden, Gülen-Institutionen und ihre Anhänger an ihre Vorgesetzten im Diyanet Ișleri Bakanlığı (DIB) zu melden, dem Präsidium für religiöse Angelegenheiten, wurde der Süddeutschen Zeitung zugespielt. Die Berichte sollten als Word-Dokumente bis Ende September nach Ankara geschickt werden. Frohsinn-Geschäftsführer Mustafa Güngör kennt beide Schreiben und hat auf Anraten der Polizei den Verfassungsschutz informiert. Für ihn ist es ein klarer Fall: "Das ist Spionage und muss juristisch verfolgt werden", erklärt der Ingenieur.

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