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Gülen-Netzwerk:Das große Unbehagen

Fethullah Gulen

Netzwerk von Millionen von Anhängern: Der Prediger Fethullah Gülen.

(Foto: Chris Post/AP)

In einer Sache sind sich die Menschen in der Türkei zur Zeit einig: in ihrem kritischen Blick auf die Gülen-Bewegung.

Von Luisa Seeling

Die Menschen in der Türkei haben den Putschversuch fast einhellig verurteilt, aus verschiedenen Gründen: weil sie Erdoğan-Anhänger sind, weil sie keine Militärdiktatur wollen, weil sie den letzten Putsch vor 36 Jahren als traumatisch in Erinnerung haben. Erstaunlich einig sind sie sich auch darin, wen sie für den Drahtzieher halten: Fast zwei Drittel der Türken folgen der Darstellung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, wonach der in den USA lebende Prediger Fethullah Gülen hinter dem Aufstand stecken soll. Mehr als 80 Prozent befürworten seine Auslieferung, ermittelte das Umfrageinstitut Andy-Ar.

Die Zahlen zeigen, wie groß das Unbehagen in der Türkei gegenüber der Hizmet-Bewegung ist (zu Deutsch: Dienst). Nicht nur im laizistischen Lager, wo man die "Gülenisten" schon immer für gefährlich gehalten hat. Sondern auch im Lager der islamisch-konservativen AKP - spätestens seit 2013, als die jahrelange Zweckpartnerschaft zwischen Erdoğan und Gülen endgültig zerbrach. Dennoch soll das Gülen-Netzwerk Millionen Anhänger umfassen - wie viele genau, ist schwer abzuschätzen, ebenso, wie groß der Einfluss der Bewegung noch ist.

Über Jahre waren seine Kader aufgestiegen in Justiz, Militär und Verwaltung

Die Religionssoziologin Helen Rose Ebaugh geht in ihrer 2010 veröffentlichten Studie davon aus, dass zehn bis 15 Prozent der türkischen Bevölkerung der Bewegung nahestehen und dass das Netzwerk weltweit in mehr als 100 Ländern insgesamt acht bis zehn Millionen Mitglieder zählt. Doch da die Gülen-Bewegung "eine Graswurzelbewegung ohne zentralisierte Bürokratie ist, lässt sich unmöglich genau feststellen, wie viele Menschen sich in ihr engagieren", räumt Ebaugh ein.

Ähnlich schwammig sind die Zahlen für Deutschland: Nach eigener Darstellung sind hier 150 000 Menschen in Hunderten Einrichtungen mit der Hizmet-Bewegung verbunden - knapp drei Dutzend Schulen, 160 Nachhilfeeinrichtungen, einige Kindergärten und Dialogvereine, außerdem "Lichthäuser" genannte Studenten-WGs. Aber ist deshalb jedes Kind, das eine Gülen-Schule besucht, ein Anhänger?

Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu forderte am Donnerstag von den Deutschen die Auslieferung von Gülen-Anhängern, er sprach dabei von "manchen Richtern und Staatsanwälten", die der Bewegung angehörten und sich in Deutschland aufhielten. Dabei könnte es sich um mehrere Juristen handeln, die im vergangenen Jahr aus der Türkei ins Ausland geflohen waren. Sie hatten Ende 2013 Antikorruptionsermittlungen in höchsten AKP-Kreisen angestoßen und damit den Zorn Erdoğans auf sich gezogen; 2015 stand ihre Verhaftung unmittelbar bevor.

Über Jahre waren gut ausgebildete Gülen-Kader in Justiz, Polizei und Verwaltung aufgestiegen, nach 2002 mit Duldung, ja Unterstützung der AKP-Regierung, die in Gülen einen idealen Verbündeten gegen das kemalistische Establishment sah. Nach dem Bruch 2013 setzte jedoch eine erste "Säuberungswelle" ein, Tausende mutmaßliche Gülen-Anhänger in Polizei und Justiz wurden versetzt oder entlassen. Die Bewegung galt schon vor dem Putschversuch als geschwächt.

Ob die mehreren Zehntausend, die in den vergangenen Tagen ihre Jobs verloren haben oder festgenommen wurden, mit dem Putschversuch zu tun hatten - völlig unklar. Doch die Regierung scheint fest entschlossen zu sein, nicht zu ruhen, bis der Einfluss der "parallelen Struktur" völlig zurückgedrängt ist. Das wäre nicht das Ende der Bewegung, doch auch im Ausland wächst der Druck. Ankara fordert Gülens Auslieferung aus den USA. Dort versprach man, den Antrag zu prüfen - es brauche klare Beweise für eine Verstrickung Gülens in den Putsch. Der Prediger weist alle Vorwürfe zurück.

© SZ vom 29.07.2016
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