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Ingolstadt:Wie Migration seit 2000 Jahren die Politik prägt

Limes von UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, 2005

Nachbau eines Limes-Wachturms in der Nähe von Weißenburg. Dort entlang verlief der 550 Kilometer lange obergermanisch-rätische Limes.

(Foto: Alexander Rüsche/dpa)

Jahrhundertelang kontrollierte das Römische Reich seine Grenzen durch den Limes. Und hatte dabei mit ganz ähnlichen Problemen zu kämpfen wie die EU heute.

Von Hans Kratzer, Ingolstadt

"Die spinnen, die Römer!" Diese Schmähung haben die gallischen Philosophen Asterix und Obelix bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die Welt hinausgeblasen. Allerdings ist dies eine sehr einseitige Sicht, Asterix und Obelix neigen nämlich dazu, die Fähigkeiten der Römer radikal zu unterschätzen. Dieses Volk hat es über lange Jahrhunderte hinweg überzeugend verstanden, die Grenzen seines Weltreichs zu sichern. Das muss den Römern, beim Teutates, erst einmal einer nachmachen. Die Zahl der Spinner dürfte vor allem bei jenen Römern gering gewesen sein, die sich an der Nordgrenze gegen die Germanen zur Wehr setzen mussten. Hier nützten die Römer ganz einfach den Donaufluss als "nasse Grenze". Das war ein feiner Schachzug, bot doch die Donau im Verbund mit einem künstlichen Grenzwall, dem Limes, einen sicheren Schutz.

Der Limes zählt zu den prägenden Bauwerken der Menschheit. Er markierte die römische Grenze mit Kastellen, Wachtürmen, Mauern und Palisaden. Mit seiner Hilfe sicherte die einstige Weltmacht ihr Reich gegen das freie Germanien ab, nachdem die Stiefsöhne des Kaisers Augustus im Jahre 15 v. Chr. die Alpen überquert hatten und sich das Alpenvorland bis hin zur Donau einverleibten. Ein halbes Jahrtausend, bis zum Untergang ihres Weltreichs um 480 n. Chr., prägten die Römer jene Gegend, in der sich dann die Baiern breitmachen sollten.

Die Römer hatten ähnliche Probleme mit Grenzkontrollen wie heute Europa

Mit 550 Kilometern Länge bildet der obergermanisch-rätische Limes das längste Bodendenkmal Europas. Er wurde im Juli 2005 in die Welterbeliste der Unesco aufgenommen. Zusammen mit dem Hadrianswall in Großbritannien bildet der Limes die grenzüberschreitende Welterbestätte "Grenzen des Römischen Imperiums".

Für die Archäologie und die Bodendenkmalpflege ist der Limes ein unersetzlicher Schatz. Mehr als deutlich wird dies zurzeit beim Internationalen Limeskongress in Ingolstadt, zu dem mehr als 400 Wissenschaftler aus aller Welt angereist sind. Ein Busfahrer brachte das Staunen über das Interesse bündig auf den Punkt: "So viele Leute, die zu einem solchen Thema von so weit herkommen!" Er konnte es kaum fassen. In mancherlei Hinsicht berührt der Limeskongress sogar topaktuelle Probleme. "Gerade in der Frage der Migration unterscheiden sich die Probleme der Römer und des aktuellen Europa nur unwesentlich", sagt Landeskonservator Sebastian Sommer vom Landesamt für Denkmalpflege, einem Mitveranstalter des Kongresses.

Mancher Vortrag zum Limes hat gezeigt, dass das Verständnis einer Grenze sehr weit gefasst werden muss. "Was war damals einen Grenze? War der Limes überhaupt eine Grenze?" Über solche Fragen diskutierten die Experten. Das taten aber auch schon die Römer, die ein Gebiet von Schottland bis in den Vorderen Orient irgendwie im Griff haben mussten. Das römische Reich war zum Teil durch natürliche Grenzen wie Talsperren und Flüsse gesichert. "Das Ziel war damals, die territoriale Kontrolle zu behalten, der Unterschied zu heute ist da nicht groß", sagt Sommer.

Der Limes ist aber in mehrerlei Hinsicht ein hochaktuelles Thema. Auch zur Zeit der Römer gab es ein extremes Wohlstands- und Kulturgefälle. Diesseits des Limes genossen die Römer oft ein Kastellbad mit Hypocaustheizung, gute Hygiene und angenehme Wohnverhältnisse, während auf der anderen Seite des Limes primitive Holzhütten ohne Komfort standen, was gerade dort Begehrlichkeiten erzeugte.

Am Limes trafen viele Völkergruppen aufeinander

Der Limes war dennoch durchlässig, die Teilhabe an der römischen Infrastruktur war durchaus möglich. "Es ist alles eine Frage des Blickwinkels, es ist auf jeden Fall eine Art Analogie zu heute zu erkennen", sagt Sommer. Zweifellos lebte am Limes ein buntes Völkergemisch, schon deshalb, weil die Römer ihre Truppen in allen möglichen Gegenden aushoben. So waren zum Beispiel im Gebiet des heutigen Bayern auch syrische Truppen stationiert, "das ist in Straubing nachgewiesen", sagt Sommer. Im 2. und 3. Jahrhundert lebten hier fast nur Fremde. Die wenigen Einheimischen gingen in der römischen Bevölkerung auf. Wer das römische Bürgerrecht erhalten wollte, musste 25 Jahre in der Armee dienen. Danach strebten alle, nur auf diese Weise war die Unsicherheit der Existenz zu überwinden.

Es sind exakt die Probleme, die auch die heutige EU prägen. So führt die Beschäftigung mit dem Limes am Ende zu den Fragen: Wer sind wir eigentlich? Wo wollen wir hin? Aktueller kann eine Tagung gar nicht sein. Die Limesforscher sind über ihre Erkenntnisgewinne jedenfalls sehr zufrieden. Der Limes lebt, in Gefahr ist er höchstens dort, wo Gewerbegebiete entstehen.

© SZ vom 22.09.2015
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