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Preisverfall beim Holz:Wenn der eigene Wald zum Verlustgeschäft wird

Matthias Muth hat eine Kahlstelle neu bepflanzt, Rehe haben die jungen Tannen verbissen. Sich um seinen Wald zu kümmern, bedeutet manchmal umsonst viel Geld und Zeit zu investieren.

(Foto: Thomas Stöppler)

Stürme, Hitze, Schädlinge, Wildverbiss: Die 700 000 Privatwaldbesitzer in Bayern haben in den vergangenen Jahren ein Vermögen verloren. Trotzdem geben sie nicht auf.

Von Thomas Stöppler

Den Idealismus muss man sich leisten können", sagt Matthias Muth und blickt auf die kleine eingezäunte Fläche mitten im Wald in der Nähe von Holzkirchen. Rundherum stehen hohe Fichten. Das sei keine Monokultur, erklärt er, denn sonst wären die Bäume alle gleich alt. Die Fichten um ihn herum sind zwischen 30 und 100 Jahre alt. Innerhalb des Zauns hat er vor ein paar Jahren Tannen gepflanzt, die haben sich gut gemacht, sie sind bereits knapp einen Meter hoch und kerngesund. Dazwischen hat sich jede Menge Ahorn breitgemacht, bei dem Muth nicht weiß, woher er kommt. In seinem 16 Hektar großen Waldstück bei Holzkirchen gibt es jedenfalls keinen und auch an den Rändern nicht. Muth beschwert sich darüber nicht, er ist eher davon begeistert, was die Natur von alleine regelt.

Die Fichten, die dort vor den jungen Tannen und dem wilden Ahorn wuchsen, hat er 2015 für gutes Geld verkauft. Fichte ist ein hervorragendes Bauholz und dementsprechend begehrt. Bisher war es jedenfalls begehrt, denn der Preis für den Festmeter Fichte ist von gut 100 Euro innerhalb weniger Jahre auf 50 Euro gefallen. Gleiches gilt für die Kiefer. Trockenheit, Hitze, Stürme und der Borkenkäfer haben für ein massives Überangebot gesorgt. Aber das Holz muss raus aus dem Wald, weil sonst Schädlinge darin nisten.

Für die rund 700 000 privaten Waldbesitzer in Bayern bedeutet das, dass sie nun für jede Kiefer und Fichte - fast 60 Prozent aller Waldbäume in Bayern - draufzahlen. Zum einen sind die Kosten für das Fällen und Verarbeiten hoch und zum anderen gibt es für Schadholz weniger Geld pro Festmeter. "20 bis 30 Euro, wenn ich Glück habe", sagt Muth. Ihm fehlen jetzt im Jahr etwa 10 000 Euro. "Ich bin nicht böse, wenn gerade nichts läuft, ich mache das wieder wett", sagt er. Er arbeite dann halt mehr als selbständiger Garten- und Landschaftsbauingenieur.

Über Ahorn und Tanne thronen noch die Fichten. Sie schützen die jungen Bäume, die in ihrem Schatten wachsen können, bis sie groß genug sind. Etwa zehn Jahre dauert das, vielleicht länger, es hängt vom Regen, vom Frost, von der Hitze, vom Boden ab. Muth glaubt nicht, dass es nochmals eine Fichtengeneration in seinem Wald geben wird: "Ich bin da skeptisch, das wird von Norden her kommen."

Mit Norden meint Muth nicht mythische Ländereien aus Fernsehserien, sondern Franken. Im Landkreis Roth zum Beispiel ist das Baumsterben nicht erst seit den drei vergangenen Hitzesommern mit einhergehenden Dürren ein Problem. Roth ist einer dieser Orte, die immer wieder Schlagzeilen machen, weil er Hitzerekorde bricht. 2003 zum Beispiel waren es mehr als 40 Grad. Auch in diesem eher milden Sommer gab es mehrere Hitzewellen. Die letzte erst vor ein paar Tagen. "Die Hitze der letzten Tage ist nicht mehr kriegsentscheidend", sagt Förster Lukas Ullrich. "Aber Regen wäre jetzt nicht schlecht."

Schön sind die Schutzhüllen nicht, aber so sind junge Bäume vor Rehen und Hirschen sicher.

(Foto: Thomas Stöppler)

Er betreut ein Projekt bei Büchenbach: Hier haben sich 20 Waldbesitzer mit Hilfe des Forstamtes zusammengeschlossen, um auf 45 Hektar ihren Wald umzuforsten. Bisher wächst dort überall eine reine Kiefernmonokultur. Im Durchschnitt sind die Bäume dort 120 Jahre alt, damit sind sie eigentlich längst erntereif. Aber jetzt stehen sie noch, damit in ihrem Schatten die jungen wachsen können: Buchen, Eichen und an den Stellen, an denen es ein bisschen feuchter ist, Tannen. 144 000 Sämlinge haben Waldbesitzer und Förster im Winter 2019 gepflanzt. Das Durchforsten, also das Fällen und Herausholen von alten Bäumen, liegt gerade einmal zwei Jahre zurück. Am Holz hat zwar keiner was verdient, aber es musste auch niemand draufzahlen. Jetzt wäre trotz höherer staatlicher Förderung so ein Projekt gar nicht mehr möglich, sagt Ullrich.

75 Kilometer südöstlich von Roth, bei Regenstauf in der Oberpfalz, zeigt Max Hofinger auf Tannen mit Wildverbiss - ein weit verbreitetes Phänomen in Bayerns Wäldern. Die zahlreichen Rehe beißen die Triebe ab, weshalb ohne Zaun fast nichts hochkommt. Das trifft gerade jene Bäume, die für den Wald der Zukunft wichtig sind - also Tannen und Buchen. Hofinger ärgert das, obwohl es ihm eigentlich egal sein könnte, denn sein Mini-Wald gibt eh nur wenig her. "Schee is es hier schon, nur forstwirtschaftlich unnütz", erklärt er.

Ein kleiner Randstreifen Wald gehört ihm, etwas weniger als ein Hektar. Im Durchschnitt besitzt jeder Waldbesitzer zwei. Außer Brennholz macht er eigentlich nichts, ein bisschen Hackschnitzel früher, aber jetzt müsste er die Forstunternehmer dafür bezahlen, dass sie es abholen. Wo die abgebissenen Tannen stehen, hatte er ein paar schöne Fichten, erzählt er, da wäre eine gute Fuhre Holz rausgekommen, aber die hat ein Sturm erwischt. Die Schäden waren zu hoch. Hündin Lucka schnuppert an der kaputten Tanne. Den Geruch von Wildtieren ist sie gewohnt, auf dem Hof leben 34 Damtiere. Die sind ein Zuverdienst, sein Geld verdient Hofinger als Agraringenieur. Der Wald kostet ihm nur Geld.

"Der Wald als Sparbüchse des Bauern - das war einmal", sagt Hans Erlbacher, einer, der am Umbauprojekt in Roth beteiligten Waldbesitzer. Eine Sparbüchse war der Wald, weil die Bauern bei Missernten einfach mehr Holz machen konnten. Und das Geschäft gerade mit Kiefern und Fichten boomte. Beide wachsen gerade und schnell. Bis sie erntereif sind, dauert es nur 80 Jahre. "Ich werde jetzt 50", sagt Erlbacher, "ich werde von diesen Bäumen hier nichts mehr haben, aber ich will, dass hier auch in Zukunft ein Wald ist." Förster Ullrich ergänzt: "Bei diesem Projekt haben wir die Chance, mal zu agieren und nicht nur zu reagieren."

Erlbacher hat noch bergeweise Holz rumliegen. Insgesamt 23 Hektar Wald besitzt der Berufsschullehrer. Wie viel Geld ihm gerade verloren geht, sagt er nicht, aber in der Größenordnung eines kleineren Neuwagens sei es schon. Wie Muth und Hofinger hat auch er den Wald geerbt. Mit dem Umforsten hat er schon 2008 angefangen. Schneebruch hatte für Kahlschlag gesorgt, jetzt steht da ein Mischwald. Mit diesem Waldstück konnte man die teils skeptischen anderen Waldbesitzern überzeugen.

Der 49-Jährige ist stark engagiert: Er hat im Stadtpark von Roth die Nüsse einer Schwarznuss gesammelt, im Garten hochgepäppelt und dann, als sie aus dem Gröbsten raus waren, im Wald eingepflanzt. Bisher sprießen sie auch im Wald gut. Im Gegensatz zur Douglasie. 200 hat er gepflanzt, 20 haben überlebt. Der Spätfrost hat sie erwischt. So ist das Risiko: "Wir können ja erst in 100 Jahren bewerten, ob wir was richtig gemacht haben", sagt Förster Ullrich. Geschützt werden Schwarznuss und Co. von Plastikfolie, damit nicht Brombeeren und andere Sträucher, die an lichteren Stellen den Boden bedecken, die Sämlinge überwuchern und sie vor Verbiss geschützt werden.

Hans Erlbacher hat bereits 2007 angefangen umzuforsten.

(Foto: Thomas Stöppler)

"Soldatenfriedhöfe" nennt Muth die Schutzfolien, er baut lieber Zäune. Aber die kosten auch mehr Geld. 4000 Euro pro Hektar. Er habe Glück, sagt er, er könne sie selber aufstellen, weil seine vier Söhne hülfen. Bis zu 500 Stunden arbeitet er im Jahr im Wald bei Holzkirchen. Nur wenige Meter vom Zaun entfernt steigt die Temperatur. Es ist lichter und der kühlende Effekt der Bäume nimmt sofort merklich ab. "Alles verbissen. Alles." Muth zeigt frustriert auf die spitzenlosen Tannen. Er hat sie zur gleichen Zeit gepflanzt wie jene innerhalb des Zauns, aber sie sind kleiner. Keine von ihnen wird die nächsten Jahre überleben.

In Regenstauf zeigt Hofinger noch ein anderes kleines Waldstück. Es gehört dem Nachbarn, der eigentlich in Baden-Württemberg lebt. Hofingers Freundin ist Försterin, Expertise gibt es also mehr als genug, und dennoch versucht er nur wenig in seinem Wald. Es lohnt sich nicht. Oben auf dem Hügel zeigt er auf eine kleine Fläche. "Der Borkenkäfer hat nichts übrig gelassen, bis auf eine Kiefer." Um diese Kiefer herum stehen Eschen und Kirschen, etwa mannshoch. Naturverjüngung. Das sind die ersten Bäume, die natürlich wachsen, forstwirtschaftlichen Nutzen haben sie keine. "Ich hätte lieber keinen Wald", sagt Hofinger und korrigiert sich dann noch: "Stattdessen lieber etwas mehr Wiese. Mit der könnte ich mehr anfangen."

© SZ vom 26.09.2020/syn

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