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Heimat:Leitkultur - was bedeutet das eigentlich?

Im Landtag geht es von kommender Woche an um die Frage, was die von der CSU postulierte Leitkultur eigentlich ist. Das sagen Bayern dazu.

Von Matthias Köpf, Dietrich Mittler, Olaf Przybilla, Lisa Schnell und Christian Sebald

7 Bilder

Patriotentreffen des Verbandes der Königstreuen

Quelle: dpa

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Patriotentreffen des Verbandes der Königstreuen Musiker einer Blaskapelle laufen am 18.08.2013 während des Patriotentreffens des Verbandes der Königstreuen in Die bayerische Leitkultur - gibt es sie? Was macht sie aus? Was kann man von Zuwanderern verlangen? Diesen schwierigen Fragen hat sich jetzt der bayerische Landtag angenommen. Nächste Woche wird sich zum ersten Mal die Enquete-Kommission Integration mit ihnen befassen. Die SZ hat schon einmal bei einigen Bayern nachgefragt, was sie so von der Leitkultur halten.

Armin Nassehi, 2012

Quelle: Catherina Hess

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Der Soziologe

Er habe eine normale, deutsche Sozialisation genossen, sagt Armin Nassehi. Sein persischer Nachname aber klingt nicht so. Er brachte ihm schon viele Fragen ein. Wie er so umgehe mit den unterschiedlichen Kulturen - Vater Muslim, Mutter katholisch? Der 56-Jährige weiß dann nicht, wovon die Leute reden. Die Leitkultur-Debatte ist für ihn eine "lächerliche Form für Ersatzpolitik", die es in einem Rechtsstaat nicht braucht. In dem wird den Menschen erst dann gesagt, dass sie sich anders verhalten sollen, wenn sie sich falsch verhalten haben. "Die Leitkultur aber will den Leuten vorher sagen, wie sie sich zu verhalten haben", sagt Nassehi.

Integration gelinge nicht durch ein Blatt mit Verhaltensregeln. Kultur erlerne der Mensch immer nur in der Praxis - bei der Arbeit, im Gespräch mit Nachbarn. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Zuwanderern und Deutschen. "Die hatten ja auch kein Fach Leitkultur in der Schule." Die Vorstellung aber, dass Flüchtlinge hier etwas lernen müssen, sei nicht falsch, sagt Nassehi. Knutschende Jugendliche, Religionsfreiheit, für viele sei das ein "Kulturschock". Mit Leitkultur habe das nichts zu tun. "Jedem, der selbst in ein anderes Land reist oder den Kontext wechselt, geht es genauso."

Erstmals Frau an Spitze eines Trachtenverbandes

Quelle: dpa

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Die Trachtlerin

Marianne Hinterbrandner sagt "Vergelt's Gott" und "Scheene Griaß". Leitkultur? Das ist für sie "das, was mein Leben in gewisse Bahnen lenkt. Die Linien, nach denen wir uns richten." Ihr Leben als Trachtlerin wird gelenkt durch ihre Heimat: Volksmusik, Landschaft, Kirchenläuten. Doch ihre Heimat, die geht verloren, sagt die 70-Jährige. Durch die Zuwanderer? Nein, dadurch, dass um sieben am Abend nicht mehr Volksmusik auf Bayern 1 läuft, sagt sie.

Die Zuwanderer können ihrem Bayern wenig. "Wir müssen unsere Lebensart den anderen nahebringen." Sie ist in einem Helferkreis. Auf dem Laptop hat sie syrischen Männern Trachtenumzüge gezeigt. Ein paar sind sogar zum Blasmusikfrühschoppen gekommen. Hätten sie aber nicht müssen. "Wir wollen niemandem etwas aufzwingen." Von den Flüchtlingen erwartet sie aber "eine gewisse Bereitschaft, unser Leben anzunehmen".

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Quelle: SZ

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Der Student

Vor zehn Jahren saß Felleke Bahiru Kum in einem Flugzeug, mit dem er nach Äthiopien abgeschoben werden sollte. In seiner Heimat hätte ihn Schlimmstes erwartet. Doch der Pilot verweigerte den Transport. Inzwischen hat Felleke Bahiru Kum eine feste Aufenthaltserlaubnis, studiert Medizintechnik und hilft in der Freizeit anderen Flüchtlingen. Der Begriff Leitkultur sei ein schwieriges Thema. "Ich versuche es ihnen manchmal zu vermitteln, aber viele verstehen es nicht", sagt er.

Im Prinzip sei es für Flüchtlinge ja gar nicht schlecht, die bayerische Kultur kennenzulernen. "Aber gezwungen zu werden, eine Kultur als die eigene anzunehmen, das ist die falsche Politik", sagt der 42-Jährige. Allein gegenseitige Anerkennung sei der Weg: "Wenn ich das Gefühl habe, dass mich jemand anerkennt, dann gehe ich auch auf ihn zu und öffne mich für seine Welt." Der Ansatz der CSU, dass sich Flüchtlinge in Ehrenämtern für die Allgemeinheit einbringen sollten, findet Felleke Bahiru Kum sinnvoll. Er habe erst durch einen Ein-Euro-Job die Sprache erlernt und die hiesige Denkweise kennengelernt. Die Kollegen behandelten ihn stets mit Respekt - das war entscheidend.

Fest der Kulturen

Quelle: Günther Reger

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Der Kabarettist

Hans Well blickt soeben auf den Ätna, aber auch in Sizilien scheinen die Eruptionen um den CSU-Generalsekretär ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Leitkultur? Die ist in Bayern "vor allem geprägt von fußballverständigen, seit frühester Jugend ministrierenden Schwarzen, die wir seit 50 Jahren nicht mehr loswerden", sagt Well am Handy. Und zählt auf, was seiner Ansicht archetypisch für bayerische Leitkultur steht - und was dann daraus gemacht wird: Die Heimatliebe etwa, das ist ein Wesenskern bayerischer Leitkultur, gerne auch in Form von Skischaukelschneisen, "die vom zuständigen Heimatminister ebenso streng geschützt werden wie der Ausbau von Gewerbegebieten".

Oder das Motto "lebn und lebn lassn", ein klarer Fall von Leitkultur, den der 63-jährige Kabarettist eindrucksvoll etwa beim Umgang mit Ex-Aufsichtsräten der Hypo Alpe Adria verwirklicht sieht. Außerdem: Flexibilität, ein klassisches Ingrediens bayerischer Leitkultur. "Wenn's beim Nationalpark Widerstand gibt, dann wechseln wir halt in den Spessart." Von Sizilien aus, sagt Well, kann man sogar lachen über bayerische Leitkultur.

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Quelle: Catherina Hess

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Die Religionspädagogin

Als Dreijährige ist Gönül Yerli mit ihren Eltern aus der Türkei nach Schaftlach gezogen - und wurde dort von Anfang an aufgenommen. Inzwischen ist die 43-Jährige Religionspädagogin und Vize-Direktorin im weltoffenen Islamischen Zentrum in Penzberg, hat auch katholische Theologie studiert und schreibt an einer Masterarbeit zum interreligiösen Dialog. Integration war für sie lange etwas Selbstverständliches. Gedanken über so etwas wie eine Leitkultur brauchte sie sich nie zu machen.

Doch seit einiger Zeit registriert Gönül Yerli, dass diese Selbstverständlichkeit von außen infrage gestellt wird. Die aktuelle Debatte nennt Yerli "etwas überheblich - als hätten die Menschen, die gerade zu uns kommen, keine Werte". Sie suchten hier Sicherheit, Demokratie, Frieden, Rechtsstaatlichkeit und Gleichberechtigung und damit genau die zentralen Garantien des Grundgesetzes, das ja gerade aus der Erfahrung katastrophaler Gleichschaltungsversuche entstanden sei, wie Yerli erinnert. Das Grundgesetz würde ihr als Leitkultur reichen.

Martin Wolzmüller, 2014

Quelle: Catherina Hess

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Der Heimatpfleger

Das Grundgesetz und die bayerische Verfassung sind auch für Martin Wölzmüller die Werke, die alles zum Thema Leitkultur sagen. "Wir müssten sie halt ernst nehmen und leben", sagt er. Der 60-Jährige ist Geschäftsführer des Landesvereins für Heimatpflege. Wer aber von ihm weiß-blau Trachtlerisch-Bodenständiges erwartet, wird enttäuscht. "Leitkultur, das sind unsere bürgerlichen Grundwerte, die Gleichheit der Menschen etwa", sagt Wölzmüller.

"Und wir sollten erkennen, dass gesellschaftlicher Wandel nicht auf einmal von außen über uns kommt, durch die Flüchtlinge zum Beispiel, sondern dass er ein permanenter und ein von uns allen gemachter ist." Vor 60 Jahren sei Bayern ein reines Agrarland gewesen. Dann wurde es binnen einer Generation zum Industriestaat - mithilfe Tausender Gastarbeiter. "Heimat entsteht dann, wenn Menschen ihre Lebensverhältnisse miteinander gestalten - unabhängig von Herkunft und Hautfarbe."

© SZ vom 24.09.16/bhi
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