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Wirtschaft in Bayern:Computerspiele, die Werte vermitteln

Michael Wacker

Auch wenn Melissa blind ist und Achim im Rollstuhl sitzt, bilden sie mit ihren Freunden das Team "The Unstoppables".

(Foto: Gentle Troll)

Die Würzburger Firma Gentle Troll entwickelt "Serious Games". Das sind Spiele mit Lerneffekten und besonderen Botschaften.

Von Barbara Hordych, Würzburg

Mai ist sehr klein, Jan ist stark, aber langsam, Achim sitzt im Rollstuhl, und die große Melissa ist blind. Doch als Melissas Blindenhund Tofu entführt wird, müssen die Freunde ihre individuellen Talente kombinieren: So kann Mai hoch springen, Jan schwere Sachen tragen und Achim die anderen auf seinem Rollstuhl mitnehmen. Und die ohnehin schon große Melissa erreicht mit ihrem Blindenstock höher gelegene Gegenstände. Nur im Team und durch den geschickten Einsatz ihrer Fähigkeiten können sie ihre Handicaps kompensieren und Tofu wiederfinden. Das preisgekrönte Spiel "The Unstoppables" lässt die Spielenden Herausforderungen erleben, die Menschen mit Behinderung täglich bewältigen.

Die App war für das Würzburger Entwickler-Studio "Gentle Troll" 2015 "der Durchbruch", wie Michel Wacker sagt. Er ist der alleinige Gründer und Geschäftsführer von Gentle Troll, entwickelt mit seinem fünfköpfigen Kern-Team seit 2014 "Serious Games", also pädagogische Spiele, in denen es um die Vermittlung besonderer Werte geht. Die sogenannten "Lernspiele" genießen bei Eltern in Deutschland großes Vertrauen, lautete im Juli dieses Jahres das Fazit einer Studie, die im Auftrag des Verbands der deutschen Games-Branche durchgeführt wurde. So haben rund drei Viertel der in der Studie befragten Eltern "Serious Games" mit ihren Kindern zusammen genutzt. Die digitalen Lernhelfer wurden für das Fach Mathematik eingesetzt, beim Erlernen einer Fremdsprache oder zum Training der Merkfähigkeit.

Das Game "The Unstoppables" wurde parallel zum Lehrmittel "Prinzip Vielfalt" im Auftrag der Schweizerischen Stiftung für das cerebral gelähmte Kind entwickelt, ist in deutscher, französischer und englischer Sprache erschienen und sowohl im Apple App Store als auch im Google Play Store zu finden. "Das Spiel hat sehr viel Liebe erfahren", sagt Wacker, weltweit komme es auf 300 000 Downloads, obwohl nie ein Cent für Marketing ausgegeben wurde. Bemerkenswert sei das insbesondere deshalb, weil es in Deutschland, anders als in Amerika oder England, einen "Hang zum gedruckten Lehrmittel" gäbe. "Die digitale Infrastruktur ist hierzulande furchtbar, da wurde bis zur Corona-Krise alles weggespart", sagt Wacker. Jetzt aber seien digitale Lernangebote gefragter denn je, wenn normaler Schulunterricht nicht stattfinden könne.

Seit Mai sind deshalb auch viele der Spiele, die "Gentle Troll" für den Schulunterricht konzipiert hat, auf dem "Serious Games Portal" verfügbar. Unter anderem "Spaceburgers", das neueste, im April veröffentlichte Spiel zum Thema Cybersecurity. Gedacht ist es für die Mitarbeiterschulung in Unternehmen, entwickelt wurde es für das Zentrum Digitalisierung. Bayern. Ein "Serious Game", das sehr lustig daher kommt. Darin schlüpfen die Spieler in die Rolle eines Kantinenchefs, der die Besatzung der I.S.S. Hamsterprise mit leckeren Spaceburgern versorgen muss.

Derzeit sucht Wacker einen Partner für das PC-Spiel "Underdown": "Nachdem wir einige Erfolge in der Sparte ,Serious Games' aufweisen können, soll dieses Spiel unser erster wichtiger Schritt in das Segment der Unterhaltungsspiele sein." Also eine Abkehr von den pädagogischen Spielen? "Nein, es geht eher darum, auch im Entertainment-Bereich Spiele zu entwickeln, die Messages mitbringen, eine Brücke zur menschlichen Realität schlagen." Trotz des Unterhaltungswerts wolle Gentle Troll weiterhin komplexere Inhalte, besondere Contents vermitteln, kombiniert mit Leichtigkeit. "Wir wollen unserer Spezialität von Spielen, die etwas zu sagen haben, treu bleiben", versichert Wacker.

Das Neue: Szene aus "Underdown".

(Foto: Gentle Troll Entertainment GmbH)

Im Gegensatz zu der "alltagsdefinierten" Welt in den "Unstoppables" gehe es in der Welt von "Underdown" fantastisch zu, erklärt Wacker. Gemeinsam sei den Spielen allerdings, dass sich jugendliche Außenseiter einer Bedrohung im Team stellen müssten - im Fall des Mystery-Thrillers geht es um gefährliche Experimente einer Biotech-Firma. Mit von der Partie sind zwei Charaktere, die so in Videospielen normalerweise nicht auftreten: Ein Blinder und eine Rollstuhlfahrerin. Keinesfalls handele es sich um eine "Mitleidsgeschichte", betont Wacker.

Thematisiert würden die Schwächen und Stärken einer Gruppe, die sich in einem Minensystem auf die Suche nach einem Freund begeben. Jeder von ihnen gerate da einmal in die Situation, Hilfe annehmen zu müssen. "Meiner Auffassung nach ist die Figurendarstellung in vielen Spielen sowieso zu stereotyp", erklärt Wacker. Es dominierten überzeichnete Figuren mit sexualisierter Ausrichtung, einerlei, ob es sich um kurvige Frauen mit nur wenig Stoff am Leib oder um Männer als muskelbepackte Schränke handele.

Zwar hat "Gentle Troll" für "Underdown" die Zusage einer Teilfinanzierung vom Film-Fernseh-Fonds Bayern (FFF) erhalten, doch die ist an die Bedingung geknüpft, dass er bis Jahresende einen weiteren Partner zur Finanzierung findet. "Die Fördersumme des FFF für die Produktion des Spiels beträgt 250 000 Euro, insgesamt rechnen wir für die Produktion mit Entwicklungskosten von 600 000 Euro", erklärt Wacker.

Doch das mit den Partnern ist schwierig in Zeiten, in denen Konferenzen wie die "Reboot Develop Blue" im April in Dubrovnik und die Messe "Nordic Game" im Mai in Malmö abgesagt wurden. Auch die Gamescom in Köln wurde Ende August rein digital durchgeführt. Um Kontakte zu knüpfen und ein vielschichtigeres Spielmodell zu erklären, sind allerdings ganz reale Treffpunkte geeigneter. Aber Wacker ist voller Optimismus. "Es ist ein Sprung, für den wir lange Anlauf genommen haben, und ich bin tatsächlich guter Dinge, dass wir die Förderung werden schließen können."

© SZ vom 03.09.2020/amm
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