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Gabriele Pauli gründet neue Partei:Geburtswehen im Hofbräukeller

"Herausfinden, was die Menschen im Herzen meinen": Ex-Landrätin Pauli gründet ihre Partei Freie Union - und gewinnt auf Anhieb einige hundert Mitglieder.

"Die Zeit für eine Umkehr ist gekommen", hat Gabriele Pauli in das Programm ihrer neuen Partei geschrieben, doch noch muss die Umkehr warten. Das gusseiserne Tor zum ersten Stock des Münchner Hofbräukellers, in dem sich gleich die Freie Union gründen soll, ist kurz vor Beginn noch verschlossen.

Gabriele Pauli; dpa

Die fraktionslose Landtagsabgeordnete Gabriele Pauli ist jetzt Bundesvorsitzende der von ihr gegründeten Partei Freie Union. Der Saal bei der Gründungsversammlung in München war voll besetzt

(Foto: Foto: Reuters)

Sie sollten einstweilen den Aufzug nehmen, empfiehlt ein nervöser Helfer den Wartenden, der Mann mit dem Schlüssel werde gesucht. Da ahnt man schon, wie kühn das Vorhaben ist, das die ehemalige CSU- und aktuelle Freie-Wähler-Rebellin Pauli an diesem Sonntag auf den Weg bringen will: "Etwas Einmaliges in der Geschichte der Republik", taxiert sie die Sache selbst, "die Gründung einer Partei in wenigen Tagen". Erst am Dienstag war sie wegen ihres Plans, es bei der Bundestagswahl unter eigener Fahne versuchen zu wollen, aus der FW-Landtagsfraktion ausgeschlossen worden.

Der Schlüssel ist da, die Menschen drängen sich vor den Anwesenheitslisten. Niemand weiß so recht, was er auf die weißen Blätter schreiben soll. "E-Mail-Adresse auch?", fragt eine ältere Dame, bevor ihr einfällt, dass sie keine hat. Auf dem Begrüßungstisch stapeln sich Visitenkarten. Viele Besucher haben der neuen Partei ihre Dienste angeboten, einer könnte günstig Flugzettel drucken.

Um den Gründungsparteitag zu stemmen, hat Pauli ihren engsten Kreis mobilisiert, zehn Leute ungefähr, ihr Bruder nimmt die Beitrittsanträge entgegen. Am Ende des Tages heißt es, die Freie Union habe bereits einige hundert Mitglieder.

Am Rande des Saals steht Pauli selbst, sie trägt ein graues Kostüm, sehr züchtig für ihre Verhältnisse. Sie will hier ihre neuen Parteimitglieder kennenlernen, so sieht es die Einladung vor, aber im Moment lernt sie wieder mal vor allem Fotografen kennen. Die echten Interessierten müssen sich erst durchkämpfen zum ersten Händedruck.

Man sei ja aus dem Wahlkampf bekannt, sagt ein Rentner, und Pauli sagt, dass das sicher stimme, sie aber schon so viele Wahlkämpfe mitgemacht hätte. Ein anderer Mann meint, er kenne sich mit Landwirtschaft aus, er stehe da "für alle Fragen zur Verfügung". Dann habe man ja da eine Fachkraft, sagt Pauli, sie macht das ziemlich souverän. Ein weiterer Herr hat schon mal vorsorglich zwei Radiowerbespots für die Freie Union geschrieben, die er der mutmaßlichen Spitzenkandidatin in epischer Länge vorträgt.

Es sind einige bunte Vögel da, die Pauli gleich beim Handschlag ihre Dienste als Landesvorsitzender in einem beliebigen Bundesland anbieten wollen, aber doch auch sehr viele ernsthafte Menschen, die sich, ziemlich wortgleich, "Bewegung in der deutschen Politik" wünschen. Selbst die Stehtische sind voll belegt, als Pauli ans Mikrofon tritt.

Es bleibt genug Gefühl übrig

Sie sagt sofort, was die Menschen hier hören wollen: dass man "Schluss machen" müsse mit dem "Machtdenken der Parteien", dass es jemanden brauche, der "die Wünsche der Bürger wahrnimmt". Der Jubel im Saal wird lauter und lauter. Ein Zuhörer reckt ein Pauli-Plakat aus dem FW-Europa-Wahlkampf in die Höhe, das FW-Logo hat er weggeschnitten.

Pauli bemüht sich, an der Esoterik zu sparen, für die sie berüchtigt ist, verlangt etwa ein bundeseinheitliches Bildungssystem. Aber es bleibt genug Gefühl übrig. Sie wolle herausfinden, was die "Menschen im Herzen meinen", sagt sie, und dass jeder Mensch "unglaubliche Kraft" habe.

Die Formalitäten eines Parteitags zieht Pauli mit Hilfe zweier Juristen, die auf ihren Internetaufruf geantwortet hatten, zügig durch, Satzung und Wahlprogramm werden nur kurz vorgestellt. Beides könne man in vier Wochen beim nächsten Treffen vertieft diskutieren und ändern, sagt Pauli. "Wie beim Hasenzüchterverein", frotzelt einer, der nicht beitreten will.

Aber Pauli hat ihre Hasenzüchter insgesamt gut im Griff. Um 15.10 Uhr verkündet sie: "Die Freie Union existiert." Eine halbe Stunde und eine Wahlwiederholung wegen eines Formfehlers später ist sie die erste Vorsitzende der neuen Partei, gewählt mit 144 Ja- bei drei Nein-Stimmen. Pauli reckt den Daumen in die Höhe, in den Saal und ausgiebig in die Kameras.

Es kommt einem die Casting-Show in den Sinn, in der das ZDF eben künftige Kanzler suchte. Da gab es Kandidaten, die durch Handauflegen das Land heilen wollten. Aber es gab auch die Jury um Günther Jauch und den Bremer Altbürgermeister Henning Scherf, die diesen jungen Leuten dann vorsichtig erklärte, warum das alles nicht funktionieren kann. Als die Kandidaten gingen, sah es aus, als hätte sie verstanden.

Am Sonntagnachmittag im Hofbräukeller fragt man sich, was das Duo Jauch-Scherf wohl bei Gabriele Pauli ausrichten könnte. Von den beiden ist kein Urteil zum Harmonieplan der Freien Union zu erwarten, sehr wohl jedoch von der größten aller Jurys, die am 27. September tagt.

Bei der Bundestagswahl, ruft Pauli ihren neuen Parteifreunden zu, komme es ihr nicht auf das an, "was man in Prozenten ausdrücken" könne. "Erfolg", sagt sie, und setzt nochmal an: Erfolg sei, "wenn man sich selber folgt".

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