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Polizei Füssen:Wachablösung durch die Ehefrau

Werner Strößner zieht sich ins Private zurück. Seine Ehefrau übernimmt.

(Foto: Florian Fuchs)

Das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West leitet nun Claudia Strößner, die den Posten von ihrem Mann übernimmt. Innenminister Joachim Herrmann betont dabei, wie wichtig Frauenförderung bei der Polizei sei.

Von Florian Fuchs

Ein bisschen Spaß muss sein bei solch einem ungewöhnlichen Amtswechsel, und deshalb reibt der Innenminister mit einem Lächeln im Gesicht seinem scheidenden Polizeipräsidenten nun schon einen hin: 1795 Stellen Sollstärke hat das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West, in naher Zukunft werde es mit 217 weiteren Stellen aufgestockt. Und deshalb, führt Joachim Herrmann aus, wird Claudia Strößner so viel Personal führen, wie ihr Mann Werner Strößner nie unter sich versammelt hatte. "Aber so ist das halt im Zeitverlauf", sagt Herrmann.

Die Ehefrau übernimmt vom Ehemann, einen solchen Wechsel hat es deutschlandweit noch nicht gegeben an der Spitze eines Polizeipräsidiums. "Das ist schon etwas Außergewöhnliches", diesen Satz sagen am Donnerstagabend unisono Minister Herrmann, Werner Strößner und Claudia Strößner.

Es hätten noch viel mehr Personen einen solchen Satz gesagt, aber wegen Corona mussten die Feierlichkeiten zur Amtsübergabe im Festspielhaus Füssen von 200 Personen auf einen reinen Pressetermin zusammengeschrumpft werden. Und so kommt es, dass die Veranstaltung gleich wieder vorüber ist, nachdem Innenminister Herrmann zwei Urkunden überreicht und über Frauenförderung bei der bayerischen Polizei referiert hat, während das Ehepaar Strößner vor allem lächelt und ganz zufrieden ist, wie es nun gekommen ist.

Gehofft hatten sie nämlich schon in jüngster Zeit, dass das Amt in der Familie bleibt, auch wenn sie es nicht zu hoffen gewagt hatten, als sie vor sechs Jahren ins Allgäu gezogen waren. Damals war Werner Strößner dort zum Präsidenten ernannt worden, was die Familie zu einem Umzug veranlasste und Claudia Strößner dazu, bei der Arbeit eine Pause einzulegen. "Schweren Herzens", wie sie heute sagt, aber die Pendelei nach München wäre mit zwei Kindern auf Dauer nicht machbar gewesen. In der Landeshauptstadt hatte die Juristin einen Topjob als Vizepräsidentin des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz.

3635 Straftaten

pro 100 000 Einwohner, das ist die statistische Kriminalitätsbelastung im Gebiet des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West. Damit lebt man im Allgäu und in Schwaben sicherer als im bayernweiten Schnitt (4343) und auch die Aufklärungsquote von 69,7 Prozent (bayernweit 65 Prozent) kann sich sehen lassen. 6000 Quadratkilometer umfasst das Aufgabengebiet von Claudia Strößner, es reicht von Lindau über Oberstdorf bis nach Neu-Ulm. Etwa 2000 Mitarbeiter sorgen für die Sicherheit von knapp einer Million Einwohner.

"45 Jahre Bilderbuchkarriere bei der Polizei" bescheinigt Herrmann dem scheidenden Werner Strößner. Ähnliche Worte wird ein Minister wohl einmal wählen, wenn er dann Claudia Strößner in den Ruhestand verabschiedet. Sachgebietsleiterin bei der Bereitschaftspolizei, dann verschiedene Tätigkeiten im Innenministerium bis hin zur Personalchefin der bayerischen Polizei. Überraschend ist nicht, dass Claudia Strößner als zweite Frau in Bayern ein Präsidium leitet. Außergewöhnlich ist nur, dass sie es von ihrem Mann übernimmt.

Hier wiederum kommt nun Joachim Herrmann mit seiner Frauenförderung ins Spiel, das Thema ist ihm augenscheinlich wichtig bei diesem Anlass: Ziel müsse es sein, sagt der Minister, dass noch mehr Frauen bei der Polizei in Spitzenpositionen arbeiten. "Gleichberechtigung wird es erst geben, wenn wir nicht mehr darüber reden, weil wir es als normal empfinden." Er werde deshalb verstärkt auf Vereinbarkeit von Familie und Karriere achten. "Es kann ja nicht sein, dass Spitzenpositionen nur von Singles bekleidet werden", sagt Herrmann. Es sei ihm schon schwer gefallen, Claudia Strößner vor Jahren ihrer zwei Kinder wegen in die Arbeitspause gehen zu lassen. Es sei allerdings für ihn keine Frage gewesen, dass dies ihrer Karriere keinen Abbruch tun würde. "Vereinbarkeit mit Familie" heiße aber auch, dass die Strößners nun wegen eines neuen Jobs der Mutter nicht wieder aus dem Allgäu wegziehen müssten. "Und da habe ich dann schon im Blick gehabt, dass dies eine Lösung ist, die Sinn macht."

Sinn macht sie auch aus Sicht ihrer Kinder, das betont die neue Polizeipräsidentin. Und aus Sicht der künftigen Mitarbeiter im Präsidium, das betont der Ehemann. "Ich habe absolut positive Rückmeldung von den Kollegen bekommen", sagt Werner Strößner, der verspricht, sich in Zukunft zurückzuhalten, was die Arbeit anbelangt. "Für einen Rat stehe ich jederzeit zur Verfügung, mehr aber nicht." Da trifft es sich ganz gut, dass er ordentlich kochen kann, wie ihm seine Frau bescheinigt. Und auch ansonsten habe er sich nicht zurückgehalten bei der Hausarbeit und dem Umgang mit den zwei Kindern und den Hunden. Sofern er dennoch einen Rat braucht, etwa was die Bügelwäsche anbelangt, wird Claudia Strößner bestimmt behilflich sein. Direkt einmischen wird sie sich aus zeitlichen Gründen aber eher nicht mehr. Für sie geht es nun erst einmal darum, die neuen Kollegen und die verschiedenen Dienststellen im Allgäu kennen zu lernen. Das wird pandemiebedingt schwieriger, als es sein müsste. "Aber ich freue mich auf die Aufgabe", sagt sie. Am Montag geht es los.

© SZ vom 31.10.2020/kafe

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