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Polizistinnen:Alles gut. Also fast...

Silan Kösker auf dem Cannstatter Wasen, sie liebt die Volksfest-Atmosphäre, "hier passieren so viele Sachen". Vergangenes Jahr habe ihr sogar jemand mit einer Rose für ihren Einsatz gedankt.

(Foto: Friederike Zoe Grasshoff)

Silan Kösker arbeitet als Polizeibeamtin in Stuttgart. Politisch ist das erwünscht: junge Frau mit Migrationshintergrund in einem von Männern dominierten Beruf. Ihr Alltag ist hart - aber genau das gefällt ihr.

Silan Kösker hat die Daumen in die blaue Weste gehakt, aufrecht steckt sie in der Uniform. Ihr Blick wandert: hier ein Berg voller Plüschtiere. Dort Abiturienten mit Wodkaflasche. Und ein Mann nebst Mass: "Hallo, Frau Polizistin!" - Lachen, Männerlachen.

Noch ist es ruhig, Freitagnachmittag um fünf Uhr auf dem Cannstatter Wasen, dem Stuttgarter Volksfest. Kösker, langer geflochtener Zopf, große braune Augen, ist mit drei Kollegen auf Streife. Ein Junge kommt auf einen der Kollegen zu und kichert, "können wir ein Foto machen?" Sie laufen weiter. "Willsch 'n Bier?", lallt ein Mann, als er Kösker sieht. Sie lächelt das weg. Zwanzig Minuten später meldet sich der Knopf in ihrem Ohr - ein Mann läuft auf sie zu, Kösker will ihn packen, da ist eine andere Streife schon da und nimmt ihn fest. "Er hat ACAB gerufen", sagt Kösker. All cops are bastards.

Dass alle Polizisten Bastarde sind, hört Kösker oft. Oder "Scheiß Bullen". Ein paar Stunden vor Dienstbeginn sitzt sie in einem sehr weißen Büro auf der Wasen-Wache hinter einem Bildschirm, die Jalousien sind runtergelassen. Es ist Frühlingsfest in Stuttgart, und Kösker redet schon jetzt über den Wasen im Herbst, der am vergangenen Sonntag endete und auf dem sie auch dieses Mal unterwegs war, privat wie beruflich. Die Mütze, die ihr immer ein wenig im Gesicht hängt, hat sie abgenommen. Kösker ist 26, vor sechs Jahren kam sie zur Polizei; Ausbildung in Lahr, Bereitschaftspolizei Göppingen, seit zwei Jahren ist sie in Stuttgart; Polizeiobermeisterin im mittleren Dienst. Eine Frau in einem nach wie vor von Männern dominierten Beruf und auch: eine Polizeibeamtin, die Türkisch und Kurdisch spricht, eine Polizistin mit Migrationshintergrund.

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Migrationshintergrund - das ist ein sperriges Wort, ein Wort, das es für Silan Kösker eigentlich nicht braucht. "Ich gehör' hier ganz normal dazu. Und ich bin auch, ich sag' mal: sehr integriert - falls man das so sagen kann. Also ich muss mich ja nicht integrieren, weil ich ja immer dazugehör'", sagt sie, ihre Stimme klingt tief und fest. Der Mann, der ihr gegenübersitzt und ihr nicht von der Seite weichen wird, bis die Frau von der Zeitung weg ist, ist der Pressesprecher der Polizei Stuttgart. Auch er ist nicht so glücklich über dieses sperrige Wort. Er sagt: "Insgesamt wäre es schöner, wenn das gar kein Thema mehr wäre."

Ist es das denn: gar kein Thema? In einer Polizei, die ein Spiegel der Gesellschaft sein will; die eine Viertelmillion Beamtinnen und Beamte hat, aber zu wenig Frauen und zu wenig Menschen mit Migrationshintergrund, also zu nicht unbedeutenden Teilen weiß und männlich ist? Spätestens nach den Morden des NSU sah sich ebenjene deutsche Polizei dem Vorwurf ausgesetzt, auf dem rechten Auge blind zu sein. Der Untersuchungsausschuss des Bundestages forderte 2013 im Abschlussbericht, sich mehr darum zu bemühen, "junge Menschen unterschiedlicher Herkunft für den Polizeiberuf zu gewinnen".

Menschen, die vielleicht anders hinschauen, die vielleicht anderes sehen. Nun wirbt zwar eine Stadt wie Hamburg gar mit Broschüren auf Koreanisch um Nachwuchs, und die Öffnung der Polizei steht im baden-württembergischen Koalitionsvertrag. Es gibt jedoch in manchen Städten keine einzige Beamtin mit ausländischen Wurzeln. Was es aber gibt: vermehrte Vorwürfe, Rechte in den eigenen Reihen zu haben. So erhielt die Frankfurter Anwältin Seda Başay-Yıldız, Anwältin eines NSU-Opfers, ein Fax mit rassistischen Drohungen, und es gibt eindeutige Hinweise, dass die Täter aus den Reihen der hessischen Polizei stammen.

Wird eine Silan Kösker in dieser Behörde also genauso behandelt wie ein Max, wie eine Erika Mustermann? Kösker selbst antwortet darauf, dass sie wahrgenommen werde wie jede andere. Also fast. "Klar wird man gefragt, woher man kommt." Und klar brauchen die Leute ihre Hilfe: Sie kann fließend Türkisch, ständig rufen Kollegen an: Kannst du für uns übersetzen? Rassismus habe sie aber nie erlebt, nicht unter Kollegen, nicht auf AfD-Demos, nicht privat. Klar mache man mal Witze, klar macht auch sie Witze; ein Kollege habe ihr gestern noch gesagt, wenn die Frau von der Zeitung kommt, solle sie einfach sagen: "Servus, ich bin Silan, ich trink Bier und ess Schwein." Um mit Kösker über ein Alles-gut hinauszukommen, muss man oft nachfragen.

Aber ja: Es gibt Menschen, die sich auf der Wache ausziehen, um sich schlagen, spucken. Die über Rot fahren und sie anschreien: "Haben Sie nichts Besseres zu tun?", sie ahmt eine Frauenstimme nach. "Man wird schon oft dumm von der Seite angemacht, auch vom Normalbürger." Weil man diese blaue Uniform anhat. Aber wie ist das als Frau in dieser Behörde? Kösker fasst ihren Zopf an, zieht leicht daran. Es gebe sie schon, diese Situationen, wo sie denkt: "Jetzt darf er nicht ausholen"; Situationen, in denen sie sich unterlegen fühlt, körperlich. "Aber dass jemand sagt: Du kannst nichts, das kommt nicht vor." Müssen sie ausrücken wegen häuslicher Gewalt, ist es sie, die sich um die Frau kümmert. Reden die Türken türkisch, ist da eine, die sie versteht. Alles gut also. Also fast.

Spricht man über Polizistinnen mit Migrationshintergrund, muss man auch über Tania Kambouri sprechen, eine Polizeikommissarin aus Bochum mit griechischen Wurzeln, 2015 erregte ihr Buch "Deutschland im Blaulicht" viel Aufsehen: ein Leidensbericht, in dem sie Übergriffe auf die Polizei zum Thema machte und recht pauschal über ihre Probleme mit Männern, allen voran muslimischen, berichtete. Männern, die sagen: Mit einer Frau rede ich nicht.

Kösker kennt die Causa Kambouri, natürlich. Gefragt, was sie darüber denkt, sagt sie erst einmal: "Schwierig." Das sagt sie oft. Etwas früher an diesem Tag in diesem weißen Büro aber sagt Kösker, dass es egal sei, ob Deutsche, Flüchtlinge, Migranten: "Da gibt's viele, die einen nicht so für voll nehmen und sich nichts sagen lassen." Weil sie eine Frau ist? "Ja, auch. Manche schauen mich dann mit so einem abfälligen Grinsen an, wenn ich sag: Nehmen Sie bitte die Hände aus den Taschen." Blicke, die ihr sagen: "Du als Frau, hast du mir da was zu sagen?"

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Trotz dieser Blicke, trotz des Alltags aus Auffahrunfällen und Drogendelikten, wollte Kösker immer nur Polizistin werden. Das war als Kind so und das war so, als sie als Teenager an Karneval an der Bushaltestelle stand und die grünen Uniformen sah. Ende der Achtziger kommen die Eltern, sie sind Kurden, aus der Türkei nach Baden-Württemberg, ein paar Jahre später wird Silan in Rottweil geboren. Die Mutter geht putzen, der Vater arbeitet mal auf dem Bau, mal als Busfahrer, heute haben sie eine Döner-Bude. Zu Hause spricht Kösker kurdisch und türkisch, mit den Nachbarkindern deutsch. Mach was Ordentliches, sagten ihre Eltern. Sie solle für sich sorgen können, sagt die Mutter, "wenn je ein Mann verschwindet oder irgendwas sein sollte". Kommt sie heute zu Familienfeiern, sagen sie stolz: Oh, die Polizistin.

Muss man sich Kösker also als glückliche Polizistin vorstellen? Das muss man.

Spricht man mit anderen Polizistinnen und verspricht, keine Namen zu nennen, hört man auch andere Geschichten. Da ist die Polizeibeamtin aus Nordrhein-Westfalen, die Ende zwanzig, nicht blond und nicht weiß ist. Sie sagt, dass ihr Beruf auf der Straße eher als Männersache angesehen werde. Ein Satz sei ihr in Erinnerung geblieben: "Was willst du Kanakenweib uns denn erzählen?" So was käme von Russen, Algeriern, Deutschen, die nach einem Kollegen verlangten.

Andere Beamtinnen erzählen, wie froh manche Menschen seien, wenn jemand ihre Sprache könne, Türkisch verstehe, auf Russisch antworte, verstehe, was passiert sei. Was alle Frauen sagen, mit denen man spricht, so positiv sie sich über ihren Arbeitgeber auch auslassen: Als Nichtmann sei es schwerer, sich durchzusetzen. Dominant müsste man auftreten, so das Mantra. Bei den meisten Frauen klingt das stolz, bei anderen resigniert. Ob man auch innerhalb der Polizei anders behandelt wird als andere, diese Frage wird verneint, unisono.

Die Polizei ist ein großer, aber verschwiegener Zirkel. Wenn jemand redet, scheint da viel Angst zu sein, etwas Falsches zu sagen. Qua Amt hat Christiane Kern nicht so viel Angst, etwas Falsches zu sagen, sie ist Personalrätin für die Bayerische Landespolizei und Gewerkschafterin. 1990 wurde sie Polizistin, "da gab es noch ganz wenige von uns", sagt Kern. Kein Bundesland zögerte so lange wie Bayern, bis es Frauen in Uniform zuließ. So, wie sie damals auf der Straße gefragt wurde, ob man "mal mit einem Polizisten sprechen könnte", hörten ihre Kolleginnen mit Migrationshintergrund 2019 den Spruch: "Von einer Frau lasse ich mir gar nichts sagen", oft komme das von muslimischen Männern, von Landsleuten, sagt Kern. Rassistische Sprüche innerhalb der Polizei seien ihr nicht bekannt. Was ihr jedoch bekannt ist: Witze über den vermeintlichen "Tittenbonus", Streifenpartner, die ihre Kollegin nachts auf dem Parkplatz fragen: "Willst du ficken?" Oder der Beamte, der seiner Kollegin in der Dienststelle den BH aufmacht; "nur eine Gaudi", war sein Kommentar dazu. Ist die Polizei also frauenfeindlich? "Manchmal schon."

Silan Kösker steht mit ihren Kollegen vor der Wasen-Wache, Männer, Frauen, ein paar rauchen. Gleich muss sie zurück aufs Fest, zurück zu den Betrunkenen, den Plüschtieren. "Was hab ich denn gemacht?", hört man einen Mann drinnen schreien. Ein anderer gestikuliert wild, der Mann, der "All cops are bastards" gerufen haben soll. Volksfest eben. Kösker mag das, "den Wasen", jenes schwäbische Oktoberfest-Äquivalent. "Hier siehst du so viele Menschen, hier passieren so viele Sachen." Im letzten Jahr habe ihr jemand eine Rose geschenkt, sich bedankt, dass sie "all das auf sich nehme". Auf sich genommen hat sie dann auch einen privaten Besuch, wie immer. In Zivil. Im Dirndl.

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