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Frauenquote:Die Macht teilen

Schattenriss einer Frau im Büro

Nur in acht Prozent der größten Unternehmen in der EU stehen bisher Frauen an der Spitze. (Symbolbild)

(Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa)

Parität erscheine ihr logisch, sagt die Bundeskanzlerin. Realität ist sie aber längst nicht. Das beeinträchtigt die Kultur vieler Unternehmen und auch den Standort Deutschland. Umso besser, dass sich Merkel nun einsetzt.

Kommentar von Cerstin Gammelin

Der Finanzplatz Deutschland schafft es regelmäßig in die Schlagzeilen, mit Pleiten, Pech - oder kriminellen Machenschaften. Da ist der Cum-Ex-Skandal, bei dem sich Aktionäre jahrelang Steuern erstatten ließen, die sie nie gezahlt hatten. Man hat Scheinrechnungen ausgestellt, um Umsatzsteuer zu hinterziehen; man hat sich abgesprochen, um den Referenzzinssatz zu manipulieren; man hat, siehe Wirecard, mit Chuzpe betrogen. Was bei allen Skandalen auffällt, ist, dass offenbar alles über eingespielte Teams lief.

Natürlich sind kriminelle Machenschaften keinesfalls Alltag in deutschen Unternehmen. Sie sind die Ausnahmen. Doch an ihnen zeigt sich ein grundsätzlicheres Problem: Unternehmen und Organisationen, in denen Schlüsselpositionen mit homogenen, nicht selten rein männlichen Teams besetzt sind, laufen Gefahr, stets nach denselben eingeübten Mustern zu agieren. Und damit auch, Fehler zu wiederholen. Sie schotten sich ab, agieren unkontrolliert - und schaden damit der Firma und dem Standort.

Dieser Befund bietet nun zugleich die Chance für einen soliden Neustart. Dazu gehört, dass die in deutschen Vorstandsetagen noch immer vorherrschende Monokultur zumeist rein männlicher Teams endlich wirksam aufgebrochen werden muss.

Das gilt nicht nur für die Finanzbranche, die im europäischen Ranking mit Nullkommanull Prozent Frauenanteil in der Führung zusammen mit Malta auf dem letzten Platz liegt. Es gilt generell für deutsche Unternehmen. Auch beim Abgasbetrug der Autokonzerne oder den Skandalen in der Fleischindustrie führen die Spuren oft in homogene männliche Entscheidungsstrukturen. Diese Strukturen sind so verfestigt, dass es eines sehr scharfen Instruments bedarf, um sie aufzubrechen. Das geht, wie man sieht, nicht mit der freiwilligen Selbstverpflichtung, Spitzenteams paritätisch zu besetzen.

Nötig ist nun eine verpflichtende Frauenquote. Sogar Angela Merkel, des Feminismus unverdächtige Kanzlerin, hat die Zustände in den deutschen Vorständen inzwischen als nicht hinnehmbar bezeichnet und ist jetzt in Verhandlungen, um eine Mehrheit dafür zu organisieren, diese Zustände zu ändern.

Das Dramatische an der Forderung nach gleichberechtigter Teilhabe von Frauen in der Berufswelt ist: Man hat sie schon so oft folgenlos thematisiert, dass eine gefährliche Ermattung diagnostiziert werden muss. Bitte nicht schon wieder, ist allenthalben zu hören. Dem muss entschieden widersprochen werden. Denn eine einzige Kanzlerin macht noch keine neue Unternehmenskultur im ganzen Land. Auch nach 15 Jahren mit einer Frau als Regierungschefin ist es nicht selbstverständlich, dass Frauen in Vorständen und Abteilungsleitungen sitzen.

Gemischte Führungsteams arbeiten besser

Sicher, Frauen sind nicht per se die besseren Vorständinnen oder Chefinnen. Unstrittig aber ist, dass in gemischten Führungsteams die typischen Fehler homogener (gewöhnlich männlicher) Spitzen vermieden werden können. Gemischte Führungsteams arbeiten besser, weil lang eingeübte Codes nicht mehr funktionieren, nach dem Motto: Heh, wir verstehen uns doch. Du wirst doch keine Memme sein.

Plötzlich sitzen Fremde da, die Fragen stellen, die man vorher nicht wahrgenommen hat. Prozesse ändern sich so und auch die Maßstäbe, nach denen eingestellt und befördert wird. Wenn langjährige Chefs die Eignungskriterien definieren und sich dabei an ihresgleichen orientieren, werden klassisch männliche Führungsgewohnheiten oftmals zu allgemeingültigen Normen erhoben. Frauen, die es anders machen wollen, gelten schnell als ungeeignet. Und Frauen, die es den männlichen Kollegen gleichtun wollen, werden schräg angeschaut. Aus durchsetzungsstark wird zickig. Aus abwägend unsicher. So sind es dann zuweilen scheinbar charakterliche Argumente, die gegen diese oder jene Kandidatin sprechen.

Man muss sich nichts vormachen: Traditionelle Netzwerke gibt es heute noch genauso wie vor 20 Jahren. Zwar ist die Hochzeit der unzugänglichen Formationen führender Männer aus der Zeit der Jahrtausendwende vorbei. Aber sie haben sozusagen im Untergrund überlebt. Die eine, die mit Friedrich Merz eine Renaissance versucht, war der Andenpakt. Die Mitglieder hatten sich versprochen, dass einer der ihren Kanzler wird. Man ist gut vernetzt in Verbänden, Unternehmensberatungen, Kommunikationsunternehmen, im Wirtschaftsrat. Die Bünde hatten unter Merkel weniger Einfluss, arbeiten aber daran, das zu ändern. Und auch wenn viele Männer es anders handhaben und mit Frauen kooperieren: Alte Strukturen wachsen nach, man denke an den jungen Abgeordneten Philipp Amthor mit seinem Netzwerk.

Parität erscheine ihr logisch, hat Merkel gesagt. Meint sie das ernst, wird sie eine Mehrheit für die Quote in Unternehmen organisieren müssen. Denn Parität trägt dazu bei, dass Deutschland ein moderner, leistungsfähiger Standort bleiben kann. Der Status Quo reicht nicht mehr.

© SZ vom 07.07.2020
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