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Wirtschaft in Bayern:Ryanair schließt seine Basis am Nürnberger Flughafen

Der Nürnberger Flughafen ist zeitweise arg gebeutelt: Erst Anfang dieses Jahres musste der Airport die Pleite der Fluggesellschaft Germania wegstecken.

(Foto: Alamy/mauritius)
  • Ab Sommer 2020 will der irische Billigflieger Ryanair sein Flugangebot von und nach Nürnberg um etwa zwei Drittel reduzieren.
  • Bereits Anfang April plant die Firma ihre aus zwei Maschinen und einigen Dutzend Mitarbeitern bestehende Basis am Albrecht-Dürer-Airport aufzulösen.
  • Wirtschaftsvertreter beklagen den Abzug von Ryanair als Symbol dafür, dass die Metropolregion vom internationalen Luftverkehr abgehängt werden könnte.

Vor gut zwei Wochen wurde am Nürnberger Flughafen noch groß gefeiert. Private Organisatoren luden zum "Ball der Unternehmer" in den Hangar 8. Wo sonst Privatflugzeuge gewartet werden, tanzten eine Nacht lang einige Hundert Gäste. Schon ein paar Tage später machte sich allerdings Katerstimmung am "Albrecht Dürer Airport" breit.

Der irische Billigflieger Rynair kündigte an, sein Flugangebot von und nach Nürnberg vom Sommer 2020 an um zwei Drittel zu reduzieren und seine aus zwei dort stationierten Maschinen und einigen Dutzend Mitarbeitern bestehende Basis bereits im April aufzulösen. Einer der größten Fluganbieter in Nürnberg im Abflug? Nicht zum ersten Mal brach die Sorge aus, der Flughafen und damit die gesamte Metropolregion Nürnberg könnten vom internationalen Luftverkehr abgehängt werden.

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Zumal die letzte große Krise noch nicht so lange her ist. In der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts trudelte der Flughafen im Norden der Halbmillionenstadt gewaltig. Die Fluggastzahlen sanken, es gab Millionenverluste, Stellen wurden gestrichen und Vertreter der regionalen Wirtschaft kritisierten zu viele weiße Flecken im Flugplan. Zu lange hatte sich das Airport-Management auf Air Berlin verlassen und sich von der Fluglinie abhängig gemacht, deren Marktanteil in Nürnberg bei gut 50 Prozent lag. Als Air Berlin zu schwächeln begann und Nürnberg als Drehkreuz wegrationalisierte, wuchsen die Sorgen rapide.

Als Air Berlin 2017 unterging, war das Schlimmste überstanden. Mit Michael Hupe hatte ein agiler Flughafenchef das Kommando übernommen. Unter seiner Führung konnten die Ausfälle durch die Air-Berlin-Pleite seither mehr als nur ausgeglichen werden. Seit 2014 steigen die Passagierzahlen wieder auf zuletzt 4,5 Millionen pro Jahr, was Nürnberg im Ranking der größten deutschen Airports auf einem soliden zehnten Platz landen ließ. Gut 66 000 Starts und Landungen wurden 2018 gezählt; seit vier Jahren schreibt der Flughafen operativ wieder schwarze Zahlen.

Das laufende Jahr begann allerdings mit einer Hiobsbotschaft, als im Februar die Fluggesellschaft Germania unterging, die bis dahin elf Prozent Marktanteil am Dürer-Airport hatte. Im Mai stellte Eurowings die Verbindung nach Berlin ein, was allerdings kein Schaden war, schließlich ist Nürnberg über die ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecke via Schiene bestens an die Hauptstadt angebunden. Dass Ryanair sein Angebot derart zurückfahren würde, kam überraschend. Statt 20 Nonstop-Ziele steuern die Iren vom kommenden Sommer an nur noch sieben Städte an. Schuld sind Kapazitätsengpässe bei Ryanair, hervorgerufen durch das Flugverbot für Maschinen vom Typ Boeing 737 Max.

In einer ersten Reaktion sprach Flughafenchef Hupe von einem "Schlag für die Metropolregion, denn das Streckennetz der Ryanair stellt derzeit das Rückgrat der europäischen Direktverbindungen des Albrecht Dürer Airport Nürnberg dar". So ähnlich formulieren das naturgemäß auch andere Vertreter aus Politik und Wirtschaft aus Nordbayern. "In einer Region mit hoher Exportquote, wo jeder zweite Euro im Auslandsgeschäft verdient wird, ist eine leistungsfähige Anbindung an den internationalen Flugverkehr ganz enorm wichtig", sagt etwa Kurt Hesse, Sprecher der mittelfränkischen Industrie- und Handelskammer.

Auch die großen Firmen weisen auf die Bedeutung des Flughafens hin. "Wir brauchen hier eine Anbindung an die Welt und da spielt der Flugverkehr eine zentrale Rolle", sagt Bernhard Lott, Sprecher von Siemens, dem mit 37 000 Beschäftigten mit Abstand größten Arbeitgeber Mittelfrankens. Seine Kollegin Claudia Lange von Adidas verweist auf die Internationalität des Sportartikelkonzerns insgesamt und speziell in dessen Herzogenauracher Zentrale, in der 5600 Menschen aus 100 Nationen arbeiten, und die nur wenige Kilometer vom Dürer-Airport entfernt ist. "Dementsprechend nutzen unsere Mitarbeiter den Flughafen für Dienstreisen natürlich häufig", sagt sie.

Was den Nürnberger Flughafen für Reisende besonders attraktiv macht, sind die kurzen Wege. Die U-Bahn startet und endet vor dem Terminal; nur zwölf Fahrminuten sind es von dort aus zum Hauptbahnhof oder umgekehrt. Und zwischen Parkplätzen und den Gates liegen nur wenige Gehminuten.

Am anderen Ende der Stadt, im Messezentrum im Stadtteil Langwasser, hat man nachgezählt, dass im laufenden Jahr gut 70 Prozent der knapp 27 000 Aussteller mit dem Flugzeug an- und abreisten und die meisten davon in Nürnberg starteten oder landeten. Für den Messestandort, der nun schon mehr als ein Jahrzehnt boomt, ist der Dürer-Airport geradezu überlebenswichtig. "Für Nürnberg und die Metropolregion ist es ein schlechtes Signal, was gerade mit Ryanair passiert", sagt dementsprechend Kommunikationschef Thomas Koch. Auf das Messegeschäft aber habe die Streckenstreichung des Billigfliegers kaum Auswirkungen.

Koch rät zu einem differenzierten Bild. "Entscheidend sind die Gabelflüge", sagt er. Jene Verbindungen, mit denen große Fluggesellschaften wie Lufthansa, Air France, KLM, Eurowings, Swiss, Lot oder Turkish Airlines Nürnberg mit ihren großen Drehkreuzen verbinden, in den genannten Fällen mit Frankfurt und München, Paris, Amsterdam, Düsseldorf, Zürich, Warschau und Istanbul. Denn über sie gelangen die Fluggäste in jeden Winkel der Erde. Von Januar an betreibt Austrian Airlines eine neunte Drehkreuz-Anbindung mit Wien.

Und wo alles nichts hilft, greift das Chartergeschäft. Immer wieder mietet beispielsweise die Nürnberg-Messe Jets samt Crews an, um Passagiere aus dem Ausland zu großen Messen nach Nürnberg und wieder nach Hause zu fliegen. Das Geschäft funktioniert auch zu anderen Anlässen. Dem Christkindlesmarkt zum Beispiel. Aktuell landen mehrmals die Woche Charterflugzeuge mit Marktbesuchern aus Großbritannien und Spanien in Nürnberg.

© SZ vom 11.12.2019/zara/vewo
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